Bitte warten...

Kino: "Don't worry". Biopic über den Zeichner John Callahan Vom Säuferdrama zum Feel Good Movie

Filmkritik von Julia Haungs

Der amerikanische Zeichner John Callahan gehörte zu den angesehensten aber auch zu den polarisierendsten Kollegen seiner Zunft. Selbst querschnittsgelähmt und lange alkoholkrank, schreckte er in seinen Karikaturen vor keinem Tabu zurück. 2010 starb John Callahan. Mit dem Biopicture "Don’t worry, weglaufen geht nicht" erzählt Regisseur Gus van Sant Callahans Lebensgeschichte als Tragikomödie, mit Joaquin Phoenix in der Hauptrolle.

John Callahan - Zeichner mit überraschenden Pointen

Eine zittrige Hand zeichnet zwei Mitglieder des KuKlux Clans in voller Montur. Mit ihren Kapuzenlaken über dem Kopf sehen sie sich an und der eine sagt: "Liebst du es auch so, wenn sie noch warm vom Trockner sind?".

Es sind überraschende Pointen wie diese, die John Callahan später berühmt machen sollen. "Don’t worry, weglaufen geht nicht" erzählt vor allem von der Zeit als es sehr viel wahrscheinlicher ist, dass sich der Alkoholiker tottrinkt, als dass er eines Tages Karikaturen im ‚New Yorker’ veröffentlichen wird.

Tristes Säuferleben

Der junge John Callahan fristet ein tristes Nichtstuerleben in Portland, Oregon. Alles kreist um die Frage, wann er das nächste Mal an Hochprozentiges kommt. Nach einer Party baut sein Saufkumpan einen Unfall und Callahan landet im Rollstuhl.

Er versinkt im Selbstmitleid und trinkt kräftig weiter bis er irgendwann Hilfe bei den Anonymen Alkoholikern sucht. Dort findet er den tiefenentspannten Mentor Donnie.

1/1

Kinostart 16.08. | Bildergalerie

Don't worry von Gus Van Sant

In Detailansicht öffnen

Portland, Oregon: John Callahan (Joaquin Phoenix) ist ein professioneller Nichtstuer, der sein Leben mit Alkohol und Partys verbringt.

Portland, Oregon: John Callahan (Joaquin Phoenix) ist ein professioneller Nichtstuer, der sein Leben mit Alkohol und Partys verbringt.

Mit seinem neuen Kumpel Dexter (Jack Black) zieht er eines Abends von Party zu Party. Als der betrunkene Dexter am Steuer einschläft, haben die beiden einen schweren Unfall.

John landet schwerverletzt im Krankenhaus. Er wird nie wieder laufen können und auch seine Arme sind teilweise gelähmt. Am Krankenbett lernt er Annu (Rooney Mara) kennen, die ihm eine Therapie ans Herzen legt.

Nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus sträubt er sich, mit dem Trinken aufzuhören. Von Annu lässt er sich schließlich überreden, am Zwölf-Stufen-Programm der Anonymen Alkoholiker teilzunehmen.

Mit der festen Absicht, abstinent zu werden, schließt sich John den Anonymen Alkoholikern an. Die Gesprächsrunden werden vom gönnerhaften Donnie (Jonah Hill) geleitet, der die Teilnehmer liebevoll "seine Ferkel" nennt.

In den Treffen lernt John allerhand Leute kennen. Reba (Beth Ditto) ist schon lange trocken und John meilenweit voraus.

Auch Hans (Udo Kier) ist einer der Teilnehmer von Donnies Gesprächsrunden. Wie alle anderen in der Runde blickt er zu Donnie als eine Art Guru auf.

John findet in Donnie seinen Mentor. Er entdeckt sein künstlerisches Talent und beginnt schon bald, bitterböse Cartoons zu zeichnen, die weltweit für Furore sorgen.

Die Geschichte des ungewöhnlichen Lebens von John Callahan basiert auf der Biographie des Cartoonisten, die 1989 erschien. Bereits vor 20 Jahren wurde die Idee, diese Lebensgeschichte zu verfilmen, an Regisseur Gus van Sant herangetragen - er fand aber nie ein Studio, welches sein Drehbuch realisieren wollte.

Ursprünglich hatte Regisseur Gus Van Sant Robin Williams für die Hauptrolle des John Callahan vorgesehen. Als dieser 2014 dann starb, beschloss Van Sant es noch einmal mit dem Stoff zu probieren.

Coming of Age-Geschichte

Der Protagonist mag zum Zeitpunkt des Unfalls bereits 21 Jahre alt sein. Trotzdem erzählt Regisseur Gus van Sant von Callahans Wandlung zum Künstler im Stil einer Coming of Age-Geschichte.

Wild springt der Film in der Chronologie vor und zurück, um möglichst lebendig von diesem ungewöhnlichen Reifungsprozess zu erzählen: Ein Alkoholiker, der daran verzweifelt, dass seine Mutter ihn zur Adoption freigegeben hat, entwickelt sich zu einem Mann, der Verantwortung für sein Leben übernimmt.

John (Joaquin Phoenix)

John (Joaquin Phoenix)

Hauptdarsteller Joaquin Phoenix läuft zur Hochform auf

Erst im Rollstuhl findet Callahan die Kraft, sich aus der Opferrolle zu befreien. In den ausführlich gezeigten Treffen mit der Alkoholiker-Gesprächsgruppe wird klar: Seine eigentliche Behinderung ist weniger die Querschnittslähmung als die Sucht. Gus van Sant nimmt sich viel Zeit, um mit teils quälend genauem Blick die Demütigungen zu zeigen, die ein Süchtiger erleidet.

Sein Hauptdarsteller Joaquin Phoenix läuft dabei zu Hochform auf. Völlig uneitel wühlt sich der Extremschauspieler durch alle Tiefen von Callahans Leben, bringt aber auch dessen Lebensgier und den nie versiegenden Humor zum Ausdruck.

Zeichnen wird für Callahan zur Therapie

Großartig die Szenen, wenn er im elektrischen Rollstuhl mit wehenden orangen Zottelhaaren den Bürgersteig entlangrast bis er stürzt. Als ihm Jugendliche aufhelfen, zeigt er ihnen als erstes mit kindlichem Stolz seine Zeichnungen.

Das Zeichnen wird für Callahan zu einer Art Therapie. Während der eine Arm den anderen festhält, zwingt er seine Figuren mit krakeliger Hand aufs Papier. Er versieht sie mit kuriosen bis makabren Pointen, die vor keiner Randgruppe Halt machen. Dass er damit viele Menschen verstört, nimmt er in Kauf. Zum Beispiel mit der Karikatur eines afroamerikanischen Bettlers mit Sonnenbrille, ein Schild mit der Aufschrift vor sich: „Helfen Sie mir, ich bin blind und schwarz, aber unmusikalisch“.

Regisseur Gus Van Sant

Regisseur Gus Van Sant

Vom Säuferdrama zum Feel Good Movie

"Don’t worry, weglaufen geht nicht" hat dagegen nichts Unverschämtes sondern ist auf größtmögliche Versöhnlichkeit angelegt. Man merkt, wie sehr Van Sant, der ebenfalls aus Portland, Oregon stammt, John Callahan verehrt.

So wandelt sich der Film nach einer guten Stunde überraschend geräuschlos vom Säuferdrama zum Feel Good Movie, das mit großem Optimismus vermittelt: Alles nicht so schlimm, man kann doch darüber reden. Es wäre interessant, welche bissige Pointe John Callahan dazu eingefallen wäre.

Weitere Themen in SWR2