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Filmkritik: "Der Junge muss an die frische Luft" von Caroline Link Harpe Kerkelings bittersüße Kindheit

Von Julia Haungs

Hape Kerkeling hat als Königin Beatrix, Horst Schlämmer oder Uschi Blum einen Ehrenplatz in der deutschen Humorgeschichte. Wie Kerkeling zu einem so vielseitigen Entertainer wurde, hat allerdings einen tragischen Hintergrund. In seinem Buch "Der Junge muss an die frische Luft" erzählte Kerkeling 2014 vom Trauma seiner Kindheit. Caroline Link hat es verfilmt.

Drang zur großen Show

Schon früh ist Hans-Peter anders als die anderen Kinder. Der dickliche Junge liebt Glitzerfummel, Schlager, Tanz, eigentlich alles, was nach großer Show aussieht. Und er ist sehr, sehr lustig.

Inspiration aus dem Fernsehen

Seine Inspiration bekommt er aus dem Fernsehen, dem Krämerladen seiner Oma oder aus dem Familienkreis mit den vielen kapriziösen Tanten. Mit guter Beobachtungsgabe hört er zu, wie und was die Leute so reden und parodiert es bald perfekt.

Anlehnung an Kerkelings Kultfilm "Kein Pardon"

Vieles erinnert vom Setting an Kerkelings Kultfilm "Kein Pardon" von 1993. Kein Wunder, denn der Entertainer ließ viele seiner Kindheitserinnerungen in die Mediensatire einfließen.

In seinem Buch "Der Junge muss an die frische Luft" hat er dann rund 20 Jahre später noch einmal von dieser Zeit erzählt. Dieses Mal ohne sich hinter einem Alter Ego zu verstecken.

Der Ruhrpott im Jahr 1972: des neunjährigen Hans-Peter (Julius Weckauf) größte Leidenschaft ist es, andere zum Lachen zu bringen. Obwohl er etwas pummelig ist und oft gehänselt wird, lässt er sich dav

Der neunjährigen Hans-Peter Kerkeling (Julius Weckauf)

Ruhrpott-Kindheit zwischen fröhlicher Großfamilie und depressiver Mutter

Und bei allem Humor auch ohne die Schattenseiten auszulassen. Seine Kindheit im Ruhrgebiet der späten 60er und 70er Jahre ist geprägt von der Geborgenheit seiner eng vernetzten, fröhlichen Großfamilie.

Humor als Überlebenshilfe

Aber auch von der Krankheit seiner Mutter. Diese verliert nach einer Operation ihren Geruchs- und Geschmackssinn und wird darüber depressiv.

Der Film zeigt, wie der Neunjährige all sein humoristisches Potential aufbietet, um der immer apathischeren Mutter ein Lachen zu entlocken.

1/1

Deutscher Filmpreis

"Der Junge muss an die frische Luft" von Carolin Link

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Der Film basiert auf einem autobiographischen Bestseller des deutschen Comedians Hape Kerkeling, der darin von seiner schwierigen Kindheit erzählt.

Der Film basiert auf einem autobiographischen Bestseller des deutschen Comedians Hape Kerkeling, der darin von seiner schwierigen Kindheit erzählt.

Der Ruhrpott im Jahr 1972: die größte Leidenschaft des neunjährigen Hans-Peter (Julius Weckauf) ist, andere zum Lachen zu bringen. Er ist etwas pummelig und wird oft gehänselt, was ihn nicht bedrückt.

Bei seiner bunten Verwandtschaft kommt die Begabung des kleinen Hans-Peter gut an.

Zusammen mit seinen Eltern und seinem großen Bruder wohnt Hans-Peter auf dem Land, im Haus seiner Großeltern. Im Laden seiner "Omma" unterhält er gerne die Kundschaft oder parodiert sie, nachdem sie den Laden verlassen haben.

Auch vor Verkleidungen schreckt Hans-Peter nicht zurück, für einen guten Lacher ist ihm jedes Mittel recht.

Als seine Mutter Margret (Luise Heyer) nach einer Operation jedoch schwer depressiv wird, zieht die Familie in die Stadt.

Vieles verändert sich für Hans-Peter, doch seine Begeisterung fürs Unterhalten bleibt ihm erhalten. Mehr denn je versucht er, Freude zu stiften.

Regisseurin Caroline Link musste nicht lange überlegen, ob sie bei dem Film Regie führen will: "Vom ersten Moment hat mich diese Geschichte gepackt. Diese Kombination aus Komik und Trauer hat mich sofort sehr gerührt."

Gefühlte Schuld am Selbstmord der Mutter

Doch die Krankheit ist zu stark. Kerkelings Mutter nimmt sich das Leben. "Vielleicht hätte ich mich mehr anstrengen sollen!" Diesen Satz greift Regisseurin Caroline Link in ihrer Verfilmung leitmotivisch immer wieder auf.

Die gefühlte Schuld, die Mutter nicht gerettet zu haben, wird zum Antrieb für alles, was noch kommt.

Auch vor Verkleidungen schreckt Hans-Peter nicht zurück, für einen guten Lacher ist ihm jedes Mittel recht.

Die Vorboten von Lokalreporter Horst Schlemmer im Schultheater

Schauspieltalent Julius Weckauf

Julius Weckauf spielt die schwierige Rolle großartig: mal ängstlich, mal überdreht und mit großer Freude an Clownereien aller Art. Caroline Link baut manchen Verweis auf Kerkelings Karriere ein.

So erkennt man in einem Auftritt als Hausmeister im Schultheater schon deutlich die Figur des rückenschmerzgeplagten Lokalreporters Horst Schlämmer.

Die Charaktere sind nie überzogen

Auch die anderen Charaktere sind überzeugend und angenehmerweise nie überzogen. Dabei gehören sie allesamt in die Kategorie Ruhrpott-Originale, was in deutschen Komödien fast zwangsläufig in die Abziehbild-Falle führt.

Dominante Großmütter

Besonders die beiden prägenden Großmütter: bodenständig-liebevoll die eine, extravagant-extrovertiert die andere, überzeugen als große Liebende dieses ungewöhnlichen Jungen. Beide erkennen früh, dass er "Junggeselle" bleiben wird und mit seinem Showtalent etwas Besonderes ist.

Vieles verändert sich für Hans-Peter, doch seine Begeisterung fürs Unterhalten bleibt ihm erhalten. Mehr denn je versucht er, Freude zu stiften.

Der junge Harpe Kerkeling (Julius Weckauf)

Gelungener Umgang mit sensiblen Thema

Manchmal ist die Inszenierung etwas überdeutlich und die Musik dick aufgetragen. Insgesamt aber ist "Der Junge muss an die frische Luft" ein berührender Film, der sensibel mit einem schweren Thema umgeht. Am Ende schafft er es sogar, den Ereignissen eine versöhnliche Note abzugewinnen, indem er zeigt, was Familien schaffen, wenn sie zusammenhalten.

Berührender Film, der nie ins Rührselige abrutscht

Anders als die missratene Verfilmung von Kerkelings Bestseller "Ich bin dann mal weg" rutscht Caroline Links Film fast nie ins Rührselige ab. Am Schluss tritt sogar noch der echte Hape Kerkeling auf, der sich vor vier Jahren völlig aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hat.

Ein Zeichen für Kommendes? Das wäre erfreulich. Denn dieser Film erinnert noch einmal daran, wie schmerzlich der begnadete Entertainer dem faden deutschen Showbusiness fehlt.

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