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Neu im Kino: SPK Komplex Das Sozialistische Patientenkollektiv

Kulturthema am 18.4.2018 von Julia Haungs

Die Geschichte des gesellschaftlichen Umbruchs von den 68ern bis zum Deutschen Herbst scheint fast auserzählt. Ein kaum bekanntes Kapitel aus dieser Zeit entdeckt die Kinodokumentation "SPK Komplex" des Berliner Filmemachers Gerd Kroske. Darin geht es um das sozialistische Patientenkollektiv in Heidelberg. Es setzte sich ab 1970 für eine menschenfreundlichere Psychiatrie ein und geriet danach in den Sog der RAF.

Der Kapitalismus macht krank. Also muss man aus der Krankheit eine Waffe machen und den Kapitalismus zerstören. So in Kurzform die Devise des SPK, des sozialistischen Patientenkollektivs Heidelberg.

Der Berliner Filmemacher Gerd Kroske ist tief hinab getaucht in die Welt von Archiven und Aktenschränken, um die Geschichte des SPK mithilfe von Dokumenten, Bild- und Tonmaterial sowie einer Reihe interessanter Zeitzeugen zu rekonstruieren.

SPK als Alternative zur als menschenfeindlich empfundenen "Verwahr-Psychiatrie"

Der Uniklinik-Arzt Wolfgang Huber gründete das SPK 1970, weil er nicht länger Teil einer als menschenfeindlich empfundenen "Verwahr-Psychiatrie" sein mochte. Statt Elektroschocks und Zwangseinweisungen wollte er die Selbstorganisation von Patienten stärken und die klare Trennung zwischen Behandelnden und Behandelten aufheben.

Hubers These: Nicht der Kranke ist das Problem, sondern die Verhältnisse, die ihn krank machen. Die Folge: Ein riesiger Skandal und der Rauswurf aus der Universität. Für Hubers Schützlinge ein Schock.

Carmen Roll

Zeitzeugin im Film: Carmen Roll, geboren 1947 in Attendorf. Studium der Sozialpädagogik in Heidelberg. Ab 1971 im SPK aktiv. Mitangeklagte im SPK-Prozess. Nach gelungener Flucht taucht sie unter, wechselt zur RAF und wird im März 1972 verhaftet. Verurteilt zu vier Jahren Haft wegen Zugehörigkeit zu zwei kriminellen Vereinigungen (SPK & RAF). Ihr wurde keine direkte Tatbeteiligung nachgewiesen.

Mit rund 50 Patienten zieht sich Huber in ein besetztes Gebäude zurück und veranstaltet dort Therapiesitzungen oder wie es im SPK-Sprech heißt: Einzel- und Gruppenagitationen. Zwischenzeitlich wächst die Gruppe auf 500 Mitglieder. Zusammen lesen sie Hegel, diskutieren über ihre psychischen Probleme und verfassen jede Menge Flugblätter beziehungsweise "Patienteninfos".

Alfred Mährländer

Zeitzeuge im Film: Alfred Mährländer, geboren 1942 in Berlin. Ausbildung zum kaufmännischen Angestellten im Lehrmittelvertrieb. Ende der 60er Jahre Anschluss an die "Umherstreifenden Haschrebellen" zusammen mit Bommi Baumann. Wird nach einer "Logistikfahrt" am Wohnort Hubers im Juni 1971 in Wiesenbach und einem Schusswechsel mit einem Polizisten festgenommen. Verurteilt wird er wegen des Besitzes gefälschter Ausweisdokumente.

SPK als Bindeglied zwischen Studentenbewegung 68 und der RAF

Die sorgfältig recherchierte Geschichte dieses Zwitterwesens aus innovativer Therapie und politischer Agitation ist ein wenig bekanntes, aber hochinteressantes Kapitel des "Deutschen Vorherbstes". In den Aussagen von ehemaligen Patienten, Mitstreitern und Gegnern wirkt das SPK wie ein Bindeglied zwischen der Studentenbewegung 68 und der RAF. Wolfgang Huber selbst ist im Film nur auf Bildern und Tonaufnahmen präsent.

Der Regisseur, in der DDR aufgewachsen, schaut 'von außen' auf das SPK

Mit der unvoreingenommenen Neugier von einem, der diese Zeit in der DDR verbracht hat, blickt Regisseur Gerd Kroske auf den damaligen Zeitgeist und Hubers Kampf, der immer politischer wird. Die Gruppe steht unter Druck. Einige Mitglieder laufen zur RAF über.

Nachdem bei Huber Waffen gefunden werden, gilt auch das SPK als kriminelle Vereinigung. 1972 werden er und seine Frau zu viereinhalb Jahren Haft verurteilt.

Hans Bachus

Zeitzeuge im Film: Hans Bachus, geboren 1942 in Königsberg. Medizinstudium, ab 1967 Jurastudium in Heidelberg. 1970 Beitritt zum SPK, Aktivität im Arbeitskreis Fototechnik. Verlässt das SPK im Frühjahr 1971 und stellt sich als Kronzeuge für die Bundesanwaltschaft zur Verfügung. Seine Aussagen führen zu Großrazzien, Anklagen und Verhaftungen von elf SPK-Mitgliedern.

Schillerndes, manchmal auch widersprüchliches Bild der Ereignisse

Der Film erzählt diese dramatischen Ereignisse auf eine angenehm unaufgeregte Art. Er kommt ohne einen alles erklärenden Off-Text aus und setzt stattdessen auf die Vielstimmigkeit seiner Protagonisten. So entsteht ein schillerndes, manchmal auch widersprüchliches Bild der Ereignisse.

Das Ziel des SPK: Modernisierung der Psychiatrie

Kroske ist ein empathischer Zuhörer. Seinen Gesprächspartnern, darunter auch ehemalige RAF-Mitglieder, gibt er viel Zeit, sich zu öffnen. Es ist ein Verdienst dieses Films, das er bei allen politischen Aspekten herausarbeitet, worum es dem SPK ursprünglich ging: die Modernisierung der Psychiatrie.

Politisch mag das SPK auf ganzer Linie gescheitert sein. Therapeutisch ist heute einiges, was Huber damals forderte, Standard. Und wenn man sich ansieht, wie sich die Depression zur Volkskrankheit entwickelt hat, dann sollte man vielleicht auch über Hubers These von der krankmachenden Gesellschaft zumindest noch einmal nachdenken.

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