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Kino: "Foxtrot" von Samuel Mao Karikatur des israelischen Mannes

Am 11.7.2018 von Rüdiger Suchsland

Der Nahost-Konflikt ist ein Alptraum ohne Ende. Auch für den Israeli Samuel Maoz, der vor neun Jahren mit "Lebanon" in Venedig den Goldenen Löwen gewann. Sein neuer Film "Foxtrot" erzählt in drei Akten von einer israelischen Familie und den Abgründen einer ganzen Gesellschaft.

Ein Tanz als Sinnbild Israels

Foxtrot, der Tanz, der dem Film den Titel gibt, ist von einer besonderen Bewegung geprägt: Vor, zurück, seitlich, seitlich. Und wieder von vorn. Dies ist, so die vielleicht etwas plakative Grundmetapher dieses Films, auch die Bewegung der israelischen Gesellschaft, israelischer Politik und des ganzen Nahost-Konflikts: Alles bewegt sich, aber auf der Stelle.

Wir hören diese Musik, sehen Tänzer mehrmals in diesem Film. Mal ist es ein Altersheim mit Überlebenden der Shoah, dann ist es ein einsamer Check-Point der Armee, an dem eine Handvoll Wehrpflichtiger gelangweilt ihren Dienst tut.

Trauma israelische Armee

Überhaupt die israelische Armee. Sie hat es Regisseur Samuel Maoz besonders angetan. Maoz war selbst Soldat im Libanon-Krieg und das persönliche Trauma der eigenen Kriegserfahrungen hält den Regisseur wie schon in seinem Erstling "Lebanon" auch diesmal gefangen.

Platte Witze über Sinn und Unsinn des Soldatendaseins

Jetzt verachtet er die Armee und hat seinen Film mit beißenden, oft absurden, nicht selten etwas platten Witzen über Sinn und Unsinn des Soldatendaseins gespickt.

1/1

Kinostart 12.07.

Foxtrot von Samuel Maoz

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Israel: Ein Land, geprägt vom Nahostkonflikt und jahrelangen Kriegen. Hier lebt Familie Feldman in Tel Aviv.

Israel: Ein Land, geprägt vom Nahostkonflikt und jahrelangen Kriegen. Hier lebt Familie Feldman in Tel Aviv.

Als zwei Soldaten eines Tages bei Dafna Feldman (Sarah Adler) und ihrem Mann Michael (Lior Ashkenazi) klingeln, raubt es dem Paar den Boden unter den Füßen. Ihr Sohn Jonathan, der gerade seinen Wehrdienst leistet, sei im Einsatz gefallen.

Besonders Vater Michael ist schwer getroffen von der Nachricht. Er kann seinen Schmerz über den Verlust des einzigen Sohnes kaum fassen.

Doch bei der Meldung von Jonathans (Yonatan Shiray) Tod handelt es sich um einen Fehler im System: Nach fünf Stunden wird Familie Feldman erlöst. Ihr Sohn sei wohlauf und derzeit an einer Versorgungsstraße stationiert.

Michael Feldman verliert die Fassung. Beim Militär fordert er die sofortige Rückkehr seines Sohnes nach Hause.

Währenddessen ist das Leben von Jonathan geprägt von Monotonie und Langeweile. Weit abgeschieden überwachen er und seine Kameraden eine selten befahrene Versorgungsstraße, wo die Zeit einfach nicht zu vergehen scheint.

Bei den Soldaten machen sich schon bald Fragen nach Sinn und Ziel des Kampfes gegen das Unbekannte breit.

Während Dafna und Michael Feldman auf die Rückkehr ihres Sohnes warten, zerbrechen auch sie sich den Kopf. Wie kann man in einem Land der permanenten Unsicherheit und Bedrohung von außen noch Leben?

Es ist schon der zweite Film, in dem Regisseur Samuel Maoz das Thema Krieg zentral aufgreift. Nachdem er 1982 selbst im Libanonkrieg an der Front verwundet wurde, verarbeitete er seine Erlebnisse in seinem ersten Film "Lebanon". In Foxtrot erzählt er eine Anti-Kriegs-Parabel.

Das ist nicht alles falsch, aber vielleicht eine doch etwas billige Kritik in einem Land, dessen Nachbarn offiziell seine Vernichtung proklamieren und das fast täglich von Attentaten auf Zivilisten heimgesucht wird.

Kritik an israelischer Männlickeit

"Foxtrot" beginnt mit dem, was israelische Eltern am meisten fürchten: Zwei Spezial-Soldaten, psychologisch trainierte Todesengel der Armee, bringen die schlimmstmögliche Nachricht: Jonathan, der Sohn der Familie Feldman sei gefallen.

Tatsächlich handelt es sich um eine Verwechslung. Als die bald auffliegt, ist die Erleichterung kurz, denn später stirbt der Sohn bei einem Unfall tatsächlich.

Michael Feldman verliert die Fassung. Beim Militär fordert er die sofortige Rückkehr seines Sohnes nach Hause.

Michael Feldman (Lior Ashkenazi)

Diesen Rahmen nutzt Maoz zu einer Kritik israelischer Männlichkeit, die in drei Akten, vielen kleinen Szenen und Episoden erzählt wird: Anhand von Vater und Sohn, Generälen und Soldaten.

Alles mündet in das Portrait einer kaputten Familie und die Verachtung des Regisseurs für den - angeblichen - Ausverkauf der Erinnerung an die Shoah und der jüdischen Tradition an die Pop- und Konsumkultur.

Es ist schon der zweite Film, in dem Regisseur Samuel Maoz  das Thema Krieg zentral aufgreift. Nachdem er 1982 selbst im Libanonkrieg an der Front verwundet wurde, verarbeitete er seine Erlebnisse in

Regisseur Samuel Maoz wurde 1982 selbst im Libanonkrieg an der Front verwundet und verarbeitete seine Erlebnisse auch in seinem ersten Film "Lebanon".

Film mit ausgefeiltem Set-Design

Samuel Maoz ist ein Autorenfilmer, der mit viel Geschick und Geschmack inszeniert. Sein Film besticht durch ausgefeiltes Set-Design: Moderne Kunst, abstrakte Muster der Bodenfliesen, die mal wie ein Davidstern, mal wie schwarze Quadrate aussehen. Vexierbilder der Klassischen Moderne, die aus der richtigen Perspektive einen horriblen Abgrund ergeben.

Die Szenen, die das Militär zeigen, setzen auf Absurdismus: Ein herrenloses Kamel ist das einzige Wesen, das regelmäßig die Grenze kreuzt.

Bierdose führt zum Tod von harmlosen Jugendlichen

Dann taucht irgendwann, nachts bei Regen, ein Auto auf. Es ist vollbesetzt mit Arabern. Jonathan, der Sohn, flirtet noch mit der hübschen Beifahrerin. Dann fällt aus Versehen eine Bierdose aus dem Auto, "Eine Bombe!" schreit ein Soldat und dann regieren die Reflexe. Danach sind fünf harmlose Jugendliche tot.

Gewalt wird so als tragische Verkettung dummer Zufälle gezeigt und als Folge einer paranoiden Gesellschaft. Aber ist das tatsächlich die ganze Wahrheit über den Nahostkonflikt? Ist es wirklich so paranoid, Angst vor einer Bierdose zu haben, wenn diese sich schon in vielen Fällen als getarnte Granate entpuppt hat?

Währenddessen ist das Leben von Jonathan geprägt von Monotonie und Langeweile. Weit abgeschieden überwachen er und seine Kameraden eine selten eine Versorgungsstraße und die Zeit scheint nicht vergehe

Bis zu seinem Unfalltod ist das Soldatenleben von Jonathan geprägt von Monotonie und Langeweile. Weit abgeschieden überwachen er und seine Kameraden eine einsame Versorgungsstraße.

Auch als Jonathan dann doch noch stirbt, geschieht dies natürlich nicht durch eine Hamas-Granate, oder eine palästinensische Selbstmordattentäterin, sondern durch einen Unfall, bei dem der Armee-Fahrer ausgerechnet dem herrenlosen Kamel ausweichen wollte.

Israelische Regierung ruft zum Boykott des Films auf

In Israel wird "Foxtrot" auch wegen solcher Art Humors stark kritisiert, die rechte Regierung ruft gar zum Boykott auf. Es wäre aber falsch, im Umkehrschluss zu folgern, dass "Foxtrot" brillante Kritik üben würde und über alle Zweifel erhaben wäre.

Antiisraelischer Film aus Israel

Regisseur Maoz ist selbst politisch ein Schwarzweiß-Maler, der ein allzu einseitiges Bild zeichnet und dessen Charaktere meist Karikaturen sind. Künstlerisch ist "Foxtrot" ein konsequenter Film mit vielen Stärken, politisch aber erzkonservativ und letztlich im Ergebnis auch ein antiisraelischer Film aus Israel.

Am interessantesten ist sein Film als Kritik israelischer Männlichkeit, die manchmal auch lächerliche, groteske Züge hat, die ihre Traumata vererbt, und in Selbstqual und Selbstverletzung mündet. Dafür mag sogar der Film selbst ein Beispiel sein.

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