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Neu im Kino: "303" von Hans Weingartner Über Reden und Liebe

Am 18.7.2018 von Rüdiger Suchsland

Vielleicht gibt es im Kino nichts Schöneres anzusehen als eine Liebesgeschichte im Werden. Der deutsch-österreichische Regisseur Hans Weingartner erzählt sie in Form eines Roadmovies. "303" heißt es und ist ein leichtfüßiger Sommerfilm, der viel Sinnlichkeit zu bieten hat: Sonne, Meer, Natur, Essen und Trinken und vor allem die Liebe.

"303": Autofans zumindest werden vielleicht auf Anhieb wissen, was dieser Filmtitel bedeutet. Allen anderen sei gesagt: Der "303" ist ein legendärer, über 30 Jahre alter Mercedes Caravan und der Schauplatz dieses Films. Denn "303" ist ein Roadmovie, der von Berlin aus nach Südwesten führt, also unbedingt in die richtige Richtung, hin zu mehr Wärme und zum Mittelmeer.

Zwei Idealisten versuchen die Welt zu verstehen

Zwei junge Erwachsene, Jule und Jan, fahren hier "On the Road". Sie versuchen – zunehmend gemeinsam – die Welt zu verstehen und können nicht verhindern, dass irgendwann auch die Liebe ausbricht. Das ist nicht überraschend, aber um Überraschungen dieser Art geht es auch gar nicht.

Regisseur Hans Weingartner, der auch das Drehbuch zu diesem Film schrieb, macht von Anfang an klar, dass wir es hier mit zwei Idealisten zu tun haben. Zwei Menschen haben sich selber noch nicht ganz gefunden, wissen aber schon in mancher Hinsicht genau, was sie wollen, und was nicht.

Sie ist schwanger, der Freund ist in Portugal

Beide studieren. Jule hat gerade ihre Abschlussprüfung in Biochemie versemmelt, ihr gehört auch der Oldtimer. Mit dem will Jule nach Portugal, um dort ihren Freund zu sehen. Sie ist nämlich schwanger und das will sie ihm nicht einfach am Telefon eröffnen.

An der Tankstelle, beim Ölwechsel, trifft sie Jan, der den Treffpunkt seiner Mitfahrgelegenheit verschusselt hat und es jetzt per Anhalten versucht. Nun fahren sie zusammen. Wie das so ist, kommen die beiden bei der gemeinsamen Fahrt ins Gespräch.

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Kinostart 19.07.

303 von Hans Weingartner

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Das Leben der Berliner Studentin Jule (Mala Emde) steht Kopf: sie hat eine wichtige Biochemie Klausur verhauen und ist ungewollt schwanger von ihrem Freund Alex, der gerade in Portugal seine Doktorarbeit schreibt. Um einen klaren Kopf zu bekommen und zu entscheiden, ob sie das Kind behalten möchte, plant sie einen Wohnmobil-Roadtrip nach Portugal.

Das Leben der Berliner Studentin Jule (Mala Emde) steht Kopf: sie hat eine wichtige Biochemie Klausur verhauen und ist ungewollt schwanger von ihrem Freund Alex, der gerade in Portugal seine Doktorarbeit schreibt. Um einen klaren Kopf zu bekommen und zu entscheiden, ob sie das Kind behalten möchte, plant sie einen Wohnmobil-Roadtrip nach Portugal.

An einer Raststätte kurz nach Berlin trifft Jule auf den gleichaltrigen Jan (Anton Spieker). Er sucht nach einer Mitfahrgelegenheit, erzählt ihr, dass er seinen leiblichen Vater in Spanien suchen möchte. Kurzerhand nimmt Jule den Anhalter mit.

Die beiden kommen schnell ins Gespräch und sind sich auf Anhieb sympathisch. Als Jan jedoch ein sensibles Thema bei Jule anspricht, setzt sie ihn kurzerhand an der nächsten Raststätte wieder aus.

Die beiden finden jedoch wieder zueinander: Jan reist mit einem LKW-Fahrer weiter und landet zufällig auf dem gleichen Rasthof wie Jule. Er kann sie aus einer unangenehmen Situation befreien und die beiden versöhnen sich schließlich. Gemeinsam starten sie erneut Richtung Süden.

Die beiden neugierigen Köpfe diskutieren über die wildesten Themen. Bei einem Erholungsspaziergang im Wald bemerken beide, wie sehr ihnen die gemeinsamen Gespräche und Debatten guttun.

Kurzerhand beschließen sie, die gesamte Strecke gemeinsam zurückzulegen. Mit der Zeit werden ihre Gesprächsthemen immer persönlicher und die beiden kommen sich näher.

Als Jule während der Fahrt ihrem Freund am Telefon offenbart, dass er Vater wird, zeigt sich dieser wenig erfreut. Jule ist am Boden zerstört, doch Jan schafft es, sie abzulenken.

Die beiden sprechen nun auch offen über das Thema Liebe und Beziehungen. Sie bemerken, dass sie sich in den selben Dingen schwertun.

Schließlich können die beiden der Anziehungskraft nicht mehr widerstehen und fallen übereinander her. Doch die Reise, die Jule immer näher zu ihrem Freund Alex führt, geht weiter.

Für Regisseur Hans Weingartner sind 90% des Unglücks der Erde auf gebrochene Herzen zurückzuführen. Mit seinem Film möchte er die Frage aufwerfen, warum die Menschen noch immer in 300 Jahre alten Beziehungsmodellen leben.

Gespräche über das Große und Ganze

Es dauert keine zehn Minuten da gehen ihre Gespräche ans Eingemachte, zielen aufs Ganze. Ob Selbstmord egoistisch ist oder nicht. Was Jan da nicht nicht weiß, ist, dass Jules Bruder sich umgebracht hat und er sie dadurch verletzt.

Sie schmeißt ihn raus, doch zufällig treffen sie sich wieder und da rettet er sie auch noch vor einer Vergewaltigung. Solche Zufälle gibt es nur im Kino, das mag sein, aber jetzt werden sie sich nicht mehr trennen.

Verlieben? Auf keinen Fall!

Weingartners Film begleitet sie, lässt uns Zuschauer teilnehmen an ihren Gesprächen. Sie kreisen um sehr grundsätzliche, und allzu vertraute Lebensfragen. Kann man sich eigentlich aussuchen, in wen man sich verliebt oder nicht? Führt Monogamie am Ende nur ins Unglück? Leiden wir alle unter dem Kapitalismus?

Manchmal fühlt man sich in ein Proseminar oder in eine Therapiesitzung versetzt. Jule und Jan reden und reden und umkreisen einander und wollen sich auf keinen Fall verlieben. Dann aber hat "303" etwas sehr Leichtfüßiges, Frisches, im besten Sinne gradlinig Einfaches.

Die beiden finden jedoch wieder zueinander: Jan reist mit einem LKW-Fahrer weiter und landet zufällig auf dem gleichen Rasthof wie Jule. Er kann sie aus einer unangenehmen Situation befreien und die b

Jan (Anton Spieker) und Jule (Mala Emde) starten gemeinsam im 303 Caravan in Richtung Süden.

Die Musik ist nicht die Stärke des Films

Kraftwerk als Musik wäre besser gewesen, aber das kann sich ein deutscher Filmemacher nicht leisten. Die stimmungsmachende Musik, die zudem als eine nicht sehr prägnante Krücke über dramaturgische Löcher dient, hätte es gar nicht gebraucht. 

Je länger ihre Fahrt dauert, um so mehr erleben sie kleine Wunder, ein bisschen Alltag, vor allem aber eine magische Anziehungskraft, die mit jedem Kilometer ein Stückchen größer wird. Es gibt viele Spielfilme, in denen irgendwann die Liebe ausbricht. Aber in diesem zeigt der Regisseur vor allem die Kunst der Verzögerung.

Ein Sommer-Liebesfilm der glücklich macht

Wunderbar, manchmal mit einer unverkrampften Natürlichkeit, die knapp das Unschuldig-Naive streift, spielen die beiden jungen Schauspieler Mala Emde und Anton Spieker ihren Part.

"303" macht glücklich und es verbreitet tiefe Lebensfreude, dabei zuzusehen, wie diese Liebe entsteht. Ein Sommerliebesfilm, den die Berlinale im kalten Februar zwar in der Kinderfilmreihe versteckt hatte, den man sich aber auch, wenn man über 18 Jahre ist, ohne Fremdschämen angucken kann. Man wird es nicht bereuen.

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