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Golden Globe für "Aus dem Nichts" von Fatih Akin Ein weiblicher Michael Kohlhaas

Von Rüdiger Suchsland

Fatih Akins Film "Aus dem Nichts hat am 8. Januar 2018 einen Golden Globe Preis für den besten nicht-englischsprachigen Film gewonnen. Der Film erzählt von dem Terror-Mord an einem Mann und seinem Sohn und der Frau und Mutter, die weiterleben muss. Weil die Täter mangels Beweisen freigesprochen werden, nimmt die Frau das Recht in die eigene Hand. Diane Krueger spielt überraschend überzeugend eine Frau, der auf Erden nicht zu helfen ist.

Der Extremismus der Mitte

Fatih Akins neuer Film "Aus dem Nichts" erzählt von einer Frau, deren Mann und ihr achtjähriger Sohn bei einem rechtsextremen Terroranschlag in Hamburg ermordet werden. Sogenannte Zufallsopfer. Parallelen zum Terror der NSU sind keineswegs zufällig. Daneben zeigt Akin aber auch wie dieser offene mordlustige Faschismus, auch wenn man das ungern wahrhaben will, in manchen Punkten Stellen in der bundesdeutschen Mehrheits-Gesellschaft verankert ist, im "Extremismus der Mitte" wie das Kenner nennen. Akin zeigt auch strukturellen Rassismus: Wenn Türken ermordet werden, dann stehen erst einmal die Opfer unter Verdacht.


Freispruch zweiter Klasse

Der Film erzählt in drei Akten in ganz unterschiedlichen Tonlagen zuerst von der Tat und den unmittelbaren Folgen bis zur Verhaftung der Täter; dann vom Prozess, der mit einem Freispruch sogenannter "zweiter Klasse" "im Zweifel für den Angeklagten" ausgeht und schließlich von dem, was darauf folgt: Die Pointe ist nämlich und dies muss man enthüllen, um über diesen Film überhaupt sprechen zu können, dass Diane Kruegers Figur daraufhin das Recht in die eigene Hand nimmt: Am Schluss sprengt sie die Mörder per Selbstmordattentat ins Jenseits – ein weiblicher Michael Kohlhaas, die Selbstjustiz und Rache übt, um der Gerechtigkeit willen, und der auf Erden nicht zu helfen ist.

Teilweise hölzern inszeniert

Was würden wir tun, wenn wir Frau und Kind verlören? Die Frage ist legitim und die poetische Antwort, die Fatih Akin in seinem Film gibt und die nicht unumstritten bleiben kann, ist es auch.

Leider nur sind die Passagen des mittleren Akts, die von Justiz und Staatsanwaltschaft und vom Gerichtsverfahren selbst handeln, in jeder Hinsicht der große Schwachpunkt der Films. Dieser Teil ist sowohl überraschend hölzern und unglaubwürdig geschrieben, also auch mitunter ungenügend gespielt, so dass auch Akins Inszenierung und die gewohnt souveräne Montage seines britischen Stammcutters Andrew Bird diesen Teil nicht retten können. So schwach wie er hier erscheint, ist der Rechtsstaat nicht und so kommt das Ergebnis einer Verhöhnung der Gesetze und der Institutionen gleich.

Dennoch ist der Film als Ganzes spannend und gelungen. Die Dialoge sind gut geschrieben und realistisch. Geprägt von der Sprache der Straße: "Aus dem Nichts" ist in erster Linie ein moralisches Drama, in dem der Charakter der Mutter, ihr Leid und der Umgang damit, ganz im Zentrum stehen. Die Frage der Selbstjustiz, der Kohlhaas-Konflikt zwischen Gerechtigkeit und Gewalt, Recht und Terror, wird dagegen nicht wirklich ausgetragen, sondern einfach behauptet und das Ergebnis gesetzt.

Aus dem Nichts

Fatih Akin und Diane Kruger am Set

Überzeugender Auftritt von Diane Krueger

Akin zeichnet auf der Leinwand ein schwarzes Bild unser gegenwärtigen Welt. Zusammengehalten wird es in erster Linie durch die Deutsche, Französin und Hollywoodschauspielerin Diane Krueger, die in der Hauptrolle, ihrer ersten in Deutschland und deutscher Sprache, überraschend überzeugend auftritt.

Sie verkörpert die großen Pluspunkte des Kinos, des im besten Sinne von Bauchgefühlen geprägten Films des Hamburgers Regisseurs: Die Emotionen, seine starken Frauen, und die Power der schieren druckvollen Bewegung der Bilder. Es ist ein Kino von Blut, Schweiß, Dreck und Tränen. Letztere spielen diesmal eine besondere Rolle. Nach dem Zorn kommen die Tränen.

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