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Emmy-Verleihung 2015 als Plattform für das liberale Hollywood Transgender, Rassismus, politische Satire

Kulturthema am 22.9.2015 von Karsten Umlauf

Am 21. September wurden in den USA die wichtigsten Fernsehpreise verliehen, die Emmys. Geht es nach der amerikanischen Fernsehakademie, dann ist die beste Serie, die dort im vergangenen Jahr zu sehen war, eine Fantasy-Geschichte. "Game of thrones" schildert die Auseinandersetzung verschiedener Königshäuser in einer erfundenen Welt, die an unser Mittelalter erinnert, mit Drachen und anderen mythischen Wesen. Aber diese kraftstrotzende Fantasie-Saga bildet im Reigen der aktuellen US-Fernsehproduktionen eher die Ausnahme. Die präsentieren sich nämlich, gerade was ihre politische und gesellschaftliche Relevanz angeht, durchaus auf der Höhe unserer Zeit.

Es sind die zweischneidigen Typen, die das US-Fernsehen wieder groß gemacht haben. Figuren, die sich zwischen böse und gut einfach nicht entscheiden können, und deren Geschichten sich in komplizierten Wendungen über mehrere Staffeln erzählen lassen. Es scheint, als könne man diese Ambivalenz jetzt auch auf die Fernsehproduzenten übertragen. Denn ausgerechnet der wegen seiner aggressiven Verlagspolitik von vielen kritisierte Onlinehändler Amazon hat sich mit einer Eigenproduktion an die Spitze einer Reihe von gesellschaftlich engagierten Fernsehserien gesetzt. "Transparent" heißt die Serie, in der ein Mann sich als Transsexuell outet und damit seine ganze Familie in einen Strudel von Identitätskrisen und Selbstbefragungen hineinzieht.

Produzentin Jill Soloway und der 71jährige Schauspieler Jeffery Tambor gelten dabei schon als Aushängeschilder einer neuen Bürgerrechtsbewegung für die Belange von Transgendern. Soloway erzählt mit "Transparent" ein Stück weit auch ihre eigene Familiengeschichte und sie machte bei der Preisverleihung noch einmal deutlich, das ihrem Vater bzw. ihrer "MaPa" in vielen Bundesstaaten bislang nur eingeschränkte Rechte zustehen, zum Beispiel bei der Wohnungssuche.

Sexuelle Orientierung und Hautfarbe sind die alten Kampfthemen amerikanischer Bürgerrechtsbewegungen. Und indem sie sie zum Thema machen, knüpfen Fernsehserien an die alte, liberale Tradition von Hollywood an, die im Kinomainstream nur noch selten zum Vorschein kommt.

Natürlich klopft sich das US-Fernsehbusiness für seine Vielfalt und Offenheit jetzt auch fleißig selbst auf die Schulter. Das relativiert sich, wenn man bedenkt, dass viele der Farbigen, Drogenabhängigen, der Transmänner und -frauen im wahren Leben sich bestimmt kein Pay-TV-Abo leisten, um sogenanntes Qualitätsfernsehen schauen zu können, weder klassisch im Wohnzimmer noch über das Internet. Und dass es bis zur zweiten Amtszeit eines farbigen Präsidenten gebraucht hat, dass auch mal eine farbige Hauptdarstellerin den wichtigsten Fernsehpreis bekommt, ist eher auch kein Ruhmesblatt. Für "How to get away with murder" ist das Viola Davis jetzt immerhin gelungen. Sie spielt eine sozial engagierte, aber auch äußerst ehrgeizige und manipulative Anwältin. In ihrer Dankesrede mahnte sie die immer noch zu geringen Arbeitsmöglichkeiten für farbige Schauspieler an.

Aber dank eines immer breiteren Marktes werden sich weitere Gelegenheiten ergeben. Serienhits wie "Mad men", "Boardwalk Empire" oder "The Newsroom" sind abgedreht, "House of cards" oder "Homeland" schwächeln ihrem Ende zu. In Zukunft wird es wohl noch stärker darum gehen, sich neben den gut gemachten Freakshows und Fantasy-Geschichten der eigenen Wirklichkeit zu versichern und diese kritisch und dabei massenkompatibel zu reflektieren. Dafür scheint das Fernsehen auch in den USA gerade ein ziemlich geeignetes Medium.

 

 

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