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Doku im Ersten „Elternschule“ trennt Therapie und Erziehung nicht klar genug

Von Karsten Umlauf

Schon bei seiner Kinopremiere hat der Dokumentarfilm „Elternschule“ 2018 einen Sturm der Entrüstung entfacht. Der Vorwurf: der Film propagiere schwarze Pädagogik, ja Nazi-Erziehungsmethoden. Am 3. Juli läuft der Film als TV-Premiere im Ersten. Im Mittelpunkt die Kinder- und Jugendklinik Gelsenkirchen, in der Kinder mit Ess- oder Schlafstörungen behandelt werden. Das Problem des Films: Er erweckt den Eindruck, die Therapierung schwer verhaltensgestörter Kinder lasse sich mit allgemeinen Erziehungsmethoden gleichsetzen.

3:09 min | Mi, 3.7.2019 | 6:00 Uhr | SWR2 am Morgen | SWR2

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Dokumentation

„Elternschule“ unterscheidet Therapie und Erziehung nicht klar genug

Karsten Umlauf

Das Erste zeigt den hochumstrittenen Dokumentarfilm „Elternschule“. Das Problem des Films: Er erweckt den Eindruck, die Therapierung schwer verhaltensgestörter Kinder lasse sich mit allgemeinen Erziehungsmethoden gleichsetzen.

Tochter ins Heim geben, wenn es nicht mehr weitergeht

Es gibt viele Szenen in diesem Film, die beim Zuschauen weh tun: Kleine Kinder, die sich die Augen ausweinen, die schreien, sich verkriechen, schlagen.

Dennoch ist der wohl erschütterndste Moment der, in dem eine Mutter gesteht, ihre Tochter weggeben zu wollen, wenn die Therapie in der Gelsenkirchener Kinder- und Jugendklinik nicht funktionieren sollte.

Keine allgemeingültigen Erziehungsratschläge

Eltern in purer Verzweiflung und Hilflosigkeit, das ist der Punkt, an dem der Film „Elternschule“ von Jörg Adolph und Ralf Bücheler ansetzt, und allein deswegen sollte man nicht den Fehler begehen, daraus allgemeingültige Erziehungsratschläge abzuleiten.

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Doku "Elternschule"

Begleitung von Kindern und Eltern in Extremsituationen

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Die Doku begleitet Kinder und Eltern durch ihre Zeit auf der Station – vom Aufnahmegespräch bis zur Nachsorge, ein halbes Jahr nach der Entlassung. Wir erleben das Auf und Ab einer radikalen, ganzheitlichen Behandlung. 

Die Doku begleitet Kinder und Eltern durch ihre Zeit auf der Station – vom Aufnahmegespräch bis zur Nachsorge, ein halbes Jahr nach der Entlassung. Wir erleben das Auf und Ab einer radikalen, ganzheitlichen Behandlung. 

Essverhaltenstraining

Zweimal die Woche steht Dietmar Langer an einer alten Schultafel vor staunenden Eltern und erzählt: Wie „ticken“ Kinder? Was brauchen sie von uns Erwachsenen – und was nicht?

Der Psychologe Dietmar Langer erforscht seit 30 Jahren die Zusammenhänge zwischen Stress, Erziehung und chronischer Krankheit.

Mütter der Elternschule

Wie gehen wir richtig mit Kindern um?

Seminar mit den Eltern

Es sind Kinder mit massiven Ess- und Schlafstörungen, mit Aggressionen und anderen Verhaltensauffälligkeiten. Die Klinik versucht, ihnen dieses Verhalten abzutrainieren und gleichzeitig den Eltern zu erklären, warum sich die Kinder so verhalten. Das ist so einfach wie umstritten.

„Verhaltensweisen aus dem Nahkampf“

Der Klinik-Psychologe Dietmar Langer: „Stellen Sie es sich wirklich so praktisch vor: Das Kind klappt den Werkzeugkasten auf und schaut, was da für Werkzeuge drin sind: Weinen, Schreien, Kratzen. Alles Reflexverhaltensweisen aus dem Nahkampf, zum Selbstschutz. Und diese Verhaltensweisen werden jetzt anderweitig ausprobiert. Damit ist die Erziehung nicht gescheitert, sondern es sind normale Entwicklungsphasen. Die Frage ist: Was machen wir jetzt damit?“

Chefärztin Tina Schlüter: Kein Erziehungs- sondern ein Behandlungsprogramm

9:25 min | Mi, 3.7.2019 | 16:05 Uhr | SWR2 Impuls | SWR2

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Gespräch

Debatte um TV-Ausstrahlung des Films „Elternschule“

Martin Gramlich

Der Dokumentarfilm „Elternschule“ hat schon im Vorfeld der TV-Ausstrahlung für heftige Kritik gesorgt. Dr. Tina Schlüter von der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Weinsberg spricht über den Film und den Unterschied von Therapie und Erziehung.

Kinder als egoistische und manipulative Naturwesen

Grenzen, Leitplanken, Kompetenztraining: Es sind begriffliche Nuancen, die im Verhältnis von Erwachsenen zu Kindern ein ganzes Menschenbild ausmachen können.

In der Sprachregelung der Klinik erscheinen die Kinder im Grunde als Naturwesen, die sehr egoistisch und mehr oder weniger bewusst verschiedene Strategien anwenden, um die Aufmerksamkeit ihrer Eltern zu erlangen. Die sollen sich aber diesem gegenseitigen Kontrollverhältnis entziehen.

Gitterbetten und Schweigeübungen auf Turnmatten

Die Methoden wie die Trennung von den Eltern, hohe Gitterbetten, Schweigeübungen auf Turnmatten, sie wirken befremdlich und althergebracht.

Sie mussten gerade in Deutschland zu heftigen Auseinandersetzungen führen, wo die ideologischen Gräben zwischen der berühmten „harten Hand“ auf der einen und angeblich „orientierungsloser Kuschelpädagogik“ auf der anderen Seite so tief sind wie sonst nirgends.

Fragwürdige Therapien mit Erziehung gleichgesetzt

Man kann dem Film mit Recht vorwerfen, dass er mit seinem Titel „Elternschule“ einen allgemeingültigen Anspruch formuliert, dabei aber auch - zumindest indirekt - fragwürdige Therapiemethoden mit Erziehung gleichsetzt.

Und dann stellt der Film dieser Art, mit Kindern umzugehen, keine modernere Alternative gegenüber, sondern erzählt im Grunde eine Erfolgsgeschichte. Manche dieser Extremfälle schaffen es, wieder geregelt zu essen oder durchzuschlafen, man sieht glückliche Eltern und Kinder, die keinen verstörten Eindruck machen.

Betrachtung ohne ganzheitlichen Blick auf Familie

Sind sie also psychisch gebrochen, oder haben sie einfach Gehorsam als Strategie ihrem Werkzeugkasten hinzugefügt? Auch das erscheint als unzulässige Verkürzung und Spekulation.

Am Ende bleibt ein doch sehr klinischer Betrachtungswinkel, der gerade keinen ganzheitlichen Blick auf das komplexe System „Familie“ zulässt und viele Fragen aufwirft.

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