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Filmkritik "Dogman" von Matteo Garrone Die schmuddelige Welt der Camorra

Von Rüdiger Suchsland

Dem italienischen Regisseur Matteo Garrone gelang mit der Verfilmung von Roberto Savianos "Gomorrah" ein Welterfolg. In seinem neuen Kinofilm beleuchtet er die schmuddelige Variante der Mafia im Süden Italiens.

Held der Geschichte: ein Hundefrisör

Rührend kümmert sich der Hundefrisör Marcello um seine Tochter aus einer früheren Beziehung. Sein Geld verdient er, ganz im Gegensatz zu den meisten seiner Bekannten, auf anständige Weise: mit einem Hundeshop für zugelaufene Tiere, als Hundesitter und Hundepfleger.

Schon in den ersten Szenen dieses Films, in denen man sieht wie er einen überaus aggressiven Kampfhund mit Zärtlichkeit beruhigt, versteht man schnell, wie sensibel Marcello ist. Er hat ein großes Herz und eine schwache Seite für seine Hunde, um die er sich liebevoll kümmert.

Regisseur Matteo Garrone kehrt zu seinem Lebensthema zurück

Dem italienischen Regisseur Matteo Garrone gelang mit der Verfilmung von Roberto Savianos "Gomorrah" ein Welterfolg. Mit seinem neuen Film kehrt er nun zu seinem Lebensthema zurück.

"Dogman" ist kein konventioneller Mafiafilm, sondern ein Werk ganz eigener Art. Gnadenlose elegante Bösewichter gibt es hier nicht. Eher geht es um die schmuddelige und alltägliche Seite der Camorra, der süditalienischen, armen Variante der Mafia.

Die Mafia als dichtes Netz aus sozialen Beziehungen

Von Anfang an macht der Film deutlich, dass Mafia nicht nur Menschen meint, sondern vor allem soziale Strukturen, ein dichtes Netz aus Beziehungen, die eng im Alltag verankert sind. In diese Strukturen sind vor allem die Unterschichten und die Underdogs der Gesellschaft involviert.

1/1

Kinostart 18.10.

Dogman von Matteo Garrone

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Paris, 1993: Der HIV-positive Schriftsteller Jaques (Pierre Deladonchamps) versucht, sich das Leben von seiner Diagnose nicht allzu sehr vermiesen zu lassen. Auf einer Lesung in der Bretagne lernt er den Nachwuchsfilmemacher Arthur (Vincent Lacoste) kennen.

Irgendwo in einer verfallenen italienischen Küstenstadt, wo das Gesetz des Stärkeren gilt, lebt der sanftmütige Hundefriseur Marcello (Marcello Fonte).

Mit seinem Salon verdient der schmächtige Mann den bescheidenen Unterhalt für sich und seine kleine Tochter Alida, die er über alles liebt.

Der ganze Ort wird allerdings von dem ehemaligen Boxer Simone (Edoardo Pesce) tyrannisiert.

Nach und nach drängt sich der soeben aus dem Gefängnis entlassene Mafioso auch in Marcellos Leben und bedroht dessen Existenz.

Simone zwingt Marcello (Marcello Fonte), ihm eines Nachts seinen Hundesalon zu überlassen, um durch die Wand in den angrenzenden Laden einbrechen zu können, in dem Marcellos Freund Franco mit Gold handelt.

Ob aus Angst oder falscher Loyalität: Marcello wird sich für ein Verbrechen verurteilen lassen, von dem jeder weiß, dass er es nicht begangen hat.

Edle Anzüge trägt hier niemand, sondern billige Hemden unter glänzenden Glitter-Jackets. Manchmal haben die Menschen auch ein zusammengerolltes Geldbündel in der Hand, oder ein Tütchen Kokain versteckt in der Tasche und eine Pistole daheim im Schrank.

Neben den Hunden gibt es hier, in der namenlosen vergessenen Hafenstadt an der unendlich langen italienischen Westküste, auch Menschen, die eine Art Tier sind.

Ein Tier: der junge Mafia-Schläger Simone

Vor allem Simone, der junge Mafia-Schläger des Viertels, ein Taugenichts und unberechenbarer Gewalttäter, der alle hier drangsaliert und ärgert und mit allen denkbaren sozialen Regeln bricht, auch denen der Gesellschaft des Verbrechens.

Dogman von Matteo Garrone

Marcello und der ehemalige Boxer Simone (Edoardo Pesce)

"Komm, mit uns, es ist ein einfacher Job." So geht es los, und so wird Marcello, der "sauber bleiben" will, hineingezwungen in einen kriminellen Akt. Tatsächlich wird er dann erwischt, und muss die Haftstrafe stellvertretend für Simone verbüßen.

Als er dann wieder herauskommt, ist sein bisheriges Leben kaputt. Nun will Marcello wenigstens Geld bekommen, eine Entschädigung von Simone. Als er das nicht bekommt, sondern weiterhin dessen Opfer wird, rächt er sich.

Bildsprache des italienischen Neorealismus

"Dogman" ist ein Film über Zwangslagen. Es ist beachtlich, wie es Garrone gelingt, in wenigen Minuten ein Milieu zu skizzieren. Und wie der Hauptdarsteller Marcello Fonte größte innere Konflikte in kleinsten Regungen seines Gesichts aufhebt, und auch eine minutenlange Großaufnahme von Marcellos Gesicht nie langweilig wird. Grundsätzlich ist dieser Film von einer klassischen humanistischen, dem italienischen Neorealismus verpflichteten Bildsprache geprägt.

Gelungene Allegorie auf das heutige Italien

Manches an "Dogman" ist sehnsuchtsvoll stilisiert, anderes wiederum zu einer pessimistisch ausweglosen Tragödie verdichtet. Vor allem aber ist Garrone eine facettenreiche Allegorie auf die ambivalenten politischen Verhältnisse in seiner Heimat geglückt. Und wer ein bisschen Lust an Sprache hat, sollte versuchen, den Film in der Orginalfassung mit Untertiteln zu sehen.

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