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Regisseur Murad Abu Eisheh: Ein Jordanier in Ludwigsburg auf dem Weg nach Hollywood

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„Als ich meinem Vater sagte, dass ich Film studieren will, hat er gesagt: 'Bist du bescheuert?'“ erzählt der jordanische Filmemacher Murad Abu Eisheh. Darüber kann er inzwischen nur lachen — Eisheh hat es schließlich einfach trotzdem gemacht, an der Baden-Württembergischen Filmakademie in Ludwigsburg. Sein Kurzfilm „Tala'vision“ ist 2021 für den prestigeträchtigen Studentenoscar nominiert.

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Der Nahe Osten erzählt sich selbst

In Jordanien, der Heimat Eishehs, gab es bis vor kurzem praktisch keine Filmindustrie und damit wenig Chancen für einen Filmemacher, Alltagsgeschichten zu erzählen. Dabei gebe es einen großen Markt für arabischsprachige Filme, so Eisheh: „Es gibt auf der Erde 500 Millionen arabisch-sprechende Menschen, für die gibt es nicht genug Content, finde ich. Für die Stimmung des Nahen Ostens finde ich es sehr wichtig, Filme von dort zu machen.“ Er selbst dreht ausschließlich im Nahen Osten — und fördert andere Nachwuchstalente mit dem Programm „Follow the Nile“.

Eine Kindergeschichte über das Schicksal einer Gesellschaft

In Murad Abu Eishehs „Tala'Vision“ geht es um die 8-jährige, fußballbegeisterte Syrerin Tala, deren einziges Fenster zur Welt in dem vom Krieg zerrütteten Land ein Fernseher ist. Als ihr Vater diesen wegen eines neuen Verbots vom IS abgeben muss, bestimmen fortan Angst, Schweigen und Langeweile ihren Alltag. Daraufhin beschließt Tala, einen Fernseher von der Straße zu stehlen — „mit ungeahnten Konsequenzen“, wie es in der Pressemeldung der Filmakademie heißt. Premiere feierte der Film im Januar 2021 beim renommierten Filmfestival Max Ophüls Preis, wo er mit dem Jury- und Publikumspreis in der Kategorie Mittellanger Film ausgezeichnet wurde.

Blick auf die Dreharbeiten von „Tala'Vision“:

„Ich glaube viele Probleme, die im Nahen Osten passieren, fangen in der Kindheit an — wie unsere Gesellschaft und unsere Eltern mit uns reden. Diese verlorene Kindheit in extremen Situationen“, beschreibt der Filmemacher seine Gedanken zum Film. Überhaupt hat ihn seine Heimat stark geprägt: der Krieg in den Nachbarländern und die geflüchteten Menschen, die Armut und das patriarchale System.

Über Ludwigsburg nach Hollywood?

Was bei ihm zuhause den Ausschlag gegeben hat? Bildung, meint der Filmemacher — die wurde von seinen Eltern hochgehalten, auch wenn Murad Abu Eisheh nach der Schule immer arbeiten musste. Über ein Auslandsjahr Abu Eisheh, der in Jordanien bereits Kommunikationsdesign und Film studiert hatte, dann nach Deutschland. Dort lernte er Kameramann Philipp Henze kennen, der ihn 2016 an die Filmakademie nach Ludwigsburg brachte.

Der Oscar für Filmstudierende wird am 21. Oktober 2021 online verliehen.

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