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Lange Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg wurde in der deutschen Gesellschaft nicht offen thematisiert, was sich in den Konzentrationslagern abgespielt hatte. Das änderte die US-Serie „Holocaust“ 1979. Sie war der Beginn der deutschen Erinnerungskultur. Zwei Jahre später eine weniger bekannte, aber mindestens genau so wichtige Etappe: Das Erste sendete Interviews mit KZ-Überlebenden unter dem Titel „Zeugen – Aussagen zum Mord an einem Volk“. Die Serie waren nach langer Vorbereitung in Israel und Polen entstanden. 40 Jahre danach zeichnet eine Dokumentation diesen Weg noch einmal nach.

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Gespräche zwischen Überlebenden des Holocaust

Für die ursprüngliche Serie „Zeugen – Aussagen zum Mord an einem Volk“ hatte Filmemacher Karl Fruchtmann in Polen und Israel Gespräche mit 60 Zeitzeug*innen geführt. Darunter der Künstler Jehuda Bacon, der sich in Theresienstadt Gesichtszüge der Täter so genau einprägt, dass seine Zeichnungen später beim Prozess gegen Adolf Eichmann als Beweismittel herangezogen werden. Aus all diesen Interviews schnitt Fruchtmann zweimal zwei Stunden Film zusammen, das Material im Archiv von Radio Bremen beträgt aber insgesamt wohl mindestens 80 Stunden Gespräche und Erinnerungen. Bisher konnte aus finanziellen Gründen nur der Ton vollständig digitalisiert werden.

Das „Making of“ zur Original-Sendung

Die Dokumentation „Wie der Holocaust ins Fernsehen kam“ von Susanne Brahms und Rainer Krause wiederum ist eine Art „Making of“ dieser Interviews, sie zeigt kurze Ausschnitte bislang unveröffentlichten Materials und Einblicke, wie die Macher mit den belastenden Gesprächen klargekommen sind. Die Aufarbeitung trifft einen eigenen Ton und zeigt, wie man den Schrecken der Zeit für ein heutiges Publikum sichtbar machen kann: Erinnerungen und biografische Details werden in berührenden Animationen des Künstlers Vincent Burmeister umgesetzt.

Wichtiger Schritt in der Auseinandersetzung mit NS-Verbrechen

Der Film verdeutlicht, welche Bedeutung diese Gespräche und Aufnahmen für die Auseinandersetzung mit dem Völkermord an den Juden in Deutschland hatten. Wie die fiktionale amerikanische Serie „Holocaust“ 1979 war auch der „Zeugen“-Film ein wichtiger Schritt in der Auseinandersetzung mit der deutschen Schuld, die mit der täglichen Berichterstattung über den Eichmann-Prozess in den 1960er Jahren einen Anfang genommen hatte und dann mit Claude Lanzmanns „Shoah“-Dokumentation Mitte der 1980er seine volle Kraft entfaltete. Die Reaktionen auf die Erstausstrahlung der „Zeugen“ waren 1981 noch heftig.

Geschichte Holocaust-Gedenktag 2021: Erstarken des Antisemitismus verhindern

Holocaust, Schoah, Porajmos: Der grausamen Vernichtungspolitik der Nationalsozialisten fielen vor allem Juden und Jüdinnen, Sinti*ze und Rom*nja, Menschen mit Behinderungen und psychisch Kranke zum Opfer. Andere Bevölkerungsgruppen wie Homosexuelle, Zeugen Jehovahs und sogenannte Asoziale und Berufsverbrecher wurden ebenfalls systematisch verfolgt, gequält und ermordet. Ihrer und aller anderen Opfer der Nationalsozialisten – darunter auch politische Gefangene, Zwangsarbeiter*innen und Widerstandskämpfer*innen – wird seit 1996 am 27. Januar in Deutschland gedacht. Der Tag markiert die Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau durch die Rote Armee 1945 und ist seit 2005 auch weltweit Gedenktag der Opfer des Holocaust. 2021 steht er in Deutschland außerdem im Kontext des Festjahres „1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“.  mehr...

18.1.1979 Anschlag auf SWF, um „Holocaust“-Ausstrahlung zu verhindern

Am 18.1.1979 detonierte ein Sprengsatz am Sender Koblenz des Südwestfunks – an jenem Abend, als die erste Folge von „Holocaust“ im Fernsehen lief. Ähnliches passierte beim WDR in Münster. Der Verdacht fiel schnell auf Neonazis, die schon zuvor in Publikationen dazu aufgerufen hatten, die Ausstrahlung der Serie zu verhindern.

Der Verdacht bestätigte sich: Ein Nazi aus Wiesbaden wurde schließlich als Täter ermittelt und zu mehr als vier Jahren Haft verurteilt.  mehr...

28.1.1979 Zuschauerreaktionen auf US-Fernsehserie „Holocaust“

28.1.1979 | Das Wort „Holocaust“ zog erst mit der gleichnamigen Serie 1979 in die deutsche Sprache ein – und das war nicht das einzige, was diese US-Serie bewirkte. Die Aufarbeitung und öffentliche Erinnerungskultur hat damals erst begonnen. Die Resonanz auf die Serie war überwältigend – aber auch gespalten, wie die Zuschauerreaktionen zeigen.  mehr...

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