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York-Fabian Raabes Film „Borga“ bei Arte: Kleider machen Leute und Migration

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AUTOR/IN
Julia Haungs

Das ghanaische Wort „Borga“ hat seinen Ursprung in dem deutschen Wort Hamburg. Es bedeutet so viel wie „Der reiche Onkel aus dem Ausland“, also einer, der den Aufstieg aus der Armut geschafft hat und aus dem Ausland die Familie mit Geld unterstützt. Was sich hinter diesem Konzept alles an Schwierigkeiten verbirgt, zeigt der gleichnamige Film „Borga“. Die SWR Koproduktion startet am 28.10.2021 in den deutschen Kinos.

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Nichts scheint die Lage der ghanaischen Metallsammler verbessern zu können

Ein Borga hat es geschafft. Ein Borga trägt einen schicken Anzug, feiert exzessive Partys und ist reicher als der Rapper Dr. Dre. So erscheint es zumindest dem kleinen Kojo und seinen Freunden, als sie einmal einen Borga treffen.

Film bei Arte anschauen

„Borga“ läuft noch bis zum 13.10. in der Arte Mediathek.

Traum: reich werden

Die Jungs leben mit ihren Familien am Rand einer riesigen Elektroschrottkippe in Ghanas Hauptstadt Accra. Ihren Lebensunterhalt verdienen sie mit dem Sammeln von Metall. Ihr Traum: eines Tages richtig viel Geld zu haben. Nur wie?

York-Fabian Raabes Film spielt mehrere Möglichkeiten durch — aber weder ehrliche, harte Arbeit noch kleinkriminelle Aktivitäten verändern etwas an der Lage der Metallsammler in Ghana. Sogar der Erfolg der Borgas entpuppt sich als reine Fassade.

Film „Borga“  (Foto: Pressestelle, Filmpresskit)
Mit „Borga“ bringt der junge Regisseur York-Fabian Raabe seinen ersten fiktionalen Spielfilm auf die Leinwand. 2021 wurde der Film beim Max-Ophüls-Preis gleich vier mal ausgezeichnet. Pressestelle Filmpresskit Bild in Detailansicht öffnen
Der Film erzählt die Geschichte der Brüder Kojo (Eugene Boateng) und Kofi (Jude Arnold Kurankyi), die auf einer Elektroschrott-Deponie in der ghanaischen Hauptstadt Accra aufwachsen und mit dem Sammeln von Metallen ihren Lebensunterhalt im Betrieb ihres Vaters verdienen. Pressestelle FilmPressKit / Chromosom Film GmbH Bild in Detailansicht öffnen
Eines Tages trifft Kojo einen Borga (Elikem Kumordzie) aus Deutschland. Diese Begegnung verändert sein Leben. Als sich für ihn die Chance ergibt, nach Deutschland zu gehen, zerreißt das Familienband und es beginnt eine lange Irrfahrt über die Kontinente. Pressestelle FilmPressKit / Chromosom Film GmbH Bild in Detailansicht öffnen
Kojos Lichtblick ist Lina (Christine Paul), doch auch bei ihr versucht er stets, das Bild des Borgas zu erfüllen. Die Beziehung der beiden vertieft sich über die Zeit, wird jedoch auch vor Herausforderungen gestellt. Pressestelle FilmPressKit / Chromosom Film GmbH Bild in Detailansicht öffnen
Es zeigt sich in Deutschland immer mehr, dass Kojos Traum vom Borga nur ein Mythos ist und er nicht mit offenen Armen empfangen wird. Eine Rückkehr kommt jedoch für ihn nicht in Frage. Er gerät zunehmend in einen Strudel aus zwielichtigen Machenschaften. Pressestelle FilmPressKit / Chromosom Film GmbH Bild in Detailansicht öffnen

Als Drogenkurier kann Kojo seiner Familie alle Wünsche erfüllen

Als Kojo, mittlerweile ein junger Mann, nach Deutschland flieht, stellt er fest, dass der vermeintlich reiche Onkel selbst ein armer Schlucker ist. Gestrandet in Mannheim, bleibt Kojo nur ausbeuterische Schufterei und ein nacktes Bettgestell in einem Container. Soll das alles gewesen sein? Damit will er sich nicht abfinden.

Sein Chef macht Kojo zum Borga und schickt ihn als Drogenkurier nach Ghana. Jetzt ist er derjenige, der es im Ausland offenbar zu Reichtum gebracht hat.

Misstrauisch beäugt vom älteren Bruder erfüllt Kojo seiner Familie alle Wünsche von neuen Turnschuhen bis zum eigenen Haus. Dass er selbst so gut wie nichts hat, ahnt niemand. Der schicke Anzug ist seine Tarnung und zugleich das gefährliche Lockmittel für die nächste Generation, ihr Glück doch auch in Europa zu versuchen.

Ein Kampf für ein würdiges Leben, Liebe und die Familie

„Borga“ ist das Spielfilmdebüt von Regisseur und Drehbuchautor York-Fabian Raabe, der sich bereits in zwei Kurzfilmen mit Afrika befasst hat. Was „Borga“ auszeichnet, ist seine ungewohnte Erzählperspektive: Die ist konsequent Schwarz.

Am Beispiel von Kojos Schicksal wird klar, wie verfahren die Lage vieler Afrikaner*innen ist und welch wesentlichen Anteil Europa daran hat. Trotzdem will Raabe keine repräsentative Opfergeschichte erzählen für alles was schief läuft in der Migrations- und Entwicklungspolitik.

Es ist die individuelle Lebensgeschichte eines Ghanaers, der seine Heimat verlässt und für sein Recht auf ein würdiges Leben, Liebe und Familie kämpft. Auch Afrika erscheint im Vergleich zu Europa nicht ausschließlich als Ort des Mangels.

Eine erfrischende Erzählung über Afrika

Eine Lösung hat „Borga“ nicht anzubieten. Wie auch, wenn weder fliehen, bleiben, noch zurückkehren die Aussicht auf ein gutes Leben bieten. Aber durch seine dokumentarische Anmutung und seinen starken ghanaischen Hauptdarsteller Eugene Boateng strahlt der Film eine große Authentizität aus.

So wie in diesem Film wurde in Deutschland vielleicht noch nie von Afrika erzählt: erfrischend unvoreingenommen, empathisch und aus Schwarzer Perspektive.

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Julia Haungs