Christian Brey inszeniert "Husbands and Wives" am Schauspiel Frankfurt Woody Allen, grandios beschleunigt

Kulturthema am 11.12.2017 von Mareike Gries

„Die Ehe ist der Versuch, zu zweit mit Problemen fertig zu werden, die man alleine niemals gehabt hätte.“ Das berühmte Zitat von Woody Allen fasst das Thema seiner mehr als 60 Filme zusammen: die Liebe zwischen Mann und Frau. „Husbands and Wives“ von 1992 gehört zu seinen erfolgreichsten Streifen, oft und gerne auch im Theater gespielt. Am Wochenende hatte das Stück am Schauspiel Frankfurt Premiere, unter der Regie von Komödien-Experte Christian Brey.

Bunte Plexisglas-Quader stehen im Hintergrund, ein paar grüne Sträucher am Bühnenrand werden zum Central Park. Und ein großes, graues Podest in der Mitte, das ein bisschen aussieht wie eine Treppe, ein bisschen wie eine Sitzgruppe, deutet eine Wohnung in Manhattan an. Die Wohnung von Gabe und Judy.

Wir haben uns getrennt. Es ist das Beste

"Mein Name ist Judy Roth. Ich bin mit Gabe verheiratet. Wir sind jetzt seit zehn Jahren verheiratet. Wir haben keine Kinder." Gabe und Judy haben Freunde zum Essen eingeladen. Das Ehepaar Jack und Sally. Doch ehe der gemeinsame Abend richtig begonnen hat, haben Jack und Sally etwas zu verkünden. "Jack und ich haben uns getrennt.“ - „Wir haben das lange diskutiert und sind beide zu dem Schluss gekommen, dass es das Beste ist.“

Husbands and Wives von Woody Allen: Matthias Redlhammer, Friederike Ott (Foto: Schauspiel Frankfurt - Foto: Felix Grünschloss)
Husbands and Wives von Woody Allen: Matthias Redlhammer, Friederike Ott Schauspiel Frankfurt - Foto: Felix Grünschloss

Während Jack und Sally sehr abgeklärt über ihre Trennung sprechen, sind Gabe und Judy empört. Einer körperlosen Stimme aus dem Nichts erläutern sie ihre Gedanken. Diese Stimme befragt aber auch eine Prostituierte, mit der Jack einmal zusammen war. Oder den Exmann von Judy.

Wer wollte eigentlich die Scheidung?

"Wie lange waren Sie und Judy denn verheiratet?“ - „Fünf Jahre.“ - „Und warum haben Sie sich getrennt?“ - „Am Anfang dachte ich, dass ich die Scheidung eigentlich wollte. Ich hatte das Gefühl, dass die Luft raus war. Aber wenn ich so zurückblicke, denke ich, dass eigentlich doch Judy die Scheidung wollte.“

Husbands and Wives von Woody Allen: Sebastian Kuschmann, Anna Kubin, Friederike Ott, Matthias Redlhammer (Foto: Schauspiel Frankfurt - Foto: Felix Grünschloss)
Husbands and Wives von Woody Allen: Sebastian Kuschmann, Anna Kubin, Friederike Ott, Matthias Redlhammer Schauspiel Frankfurt - Foto: Felix Grünschloss

Diese Stimme erinnert an einen Psychotherapeuten und kommt vom Band. Sie gehört Wolfgang Draeger, der seit Jahrzehnten der deutsche Synchronsprecher von Woody Allen ist. Denn was wäre eine Allen-Geschichte ohne Woody?

Ganz nah an Woody Allen inszeniert

Aber nicht nur diese körperlose Stimme ist eine Verneigung vor dem Komödien-Großmeister. Auch die Figur des Gabe lässt in Frankfurt keine Zweifel daran, dass Regisseur Christian Brey gar nicht erst versuchen wollte, Allens Erfolgsfilm neu zu erfinden. Denn wie so oft spielte Woody Allen 1992 diese autobiographisch geprägte Hauptrolle selbst. Der Frankfurter Gabe sieht in seiner zerbeulten Cordhose und der großen Brille Woody Allen verblüffend ähnlich.

Husbands and Wives von Woody Allen: Matthias Redlhammer (Foto: Schauspiel Frankfurt - Foto: Felix Grünschloss)
Husbands and Wives von Woody Allen: Matthias Redlhammer Schauspiel Frankfurt - Foto: Felix Grünschloss

"Ich hatte schon immer den Hang zu dem, was ich Kamikaze-Frauen nenne. Sie bringen ihr Flugzeug zum Absturz. Sie fliegen direkt in Dich rein und reißen Dich mit in den Tod."

Grausiger erster Kuss

Regisseur Christian Brey gilt als Experte für zeitgenössische, komische Stoffe. Für „Husbands and Wives“ hat er extra eine neue Theaterfassung geschrieben, für die es viel Szenenapplaus gibt. Zum Beispiel für die Szene, in der Sally und ihr neues Objekt der Begierde sich zum ersten Mal küssen. Besser gesagt: Versuchen, sich zu küssen. Denn einen grausigeren ersten Kuss als diesen mit verhakten Knöpfen, verrutschten Kontaktlinsen und unbeholfenem Lippengeschürze gab es selten.

Husbands and Wives von Woody Allen: Anna Kubin, Benjamin Grüter (Foto: Schauspiel Frankfurt - Foto: Felix Grünschloss)
Husbands and Wives von Woody Allen: Anna Kubin, Benjamin Grüter Schauspiel Frankfurt - Foto: Felix Grünschloss

Christian Brey heizt seine Schauspieler zu einem noch höheren Tempo an, als man es von Allen gewohnt ist. Und er hat Mut zum Slapstick. Sein Gabe wird fast zu einer Karikatur, wenn er schildkrötenhaft, mit vorgerecktem Kopf, einer viel zu jungen Frau hinterher stolpert.

Szenen wie diese machen „Husbands and Wives“ zu einem fulminanten Abend, ebenso die klug ausgesuchte Musik, entweder als direktes Zitat aus dem Film, wie Mahlers 9. Symphonie. Oder Indie Folk der Gruppe „The Living Sisters“, die ebenfalls gut in den Film gepasst hätte.

Ohne erhobenen Zeigefinger

In Zeiten der metoo-Debatte, die auch an Woody Allen nicht spurlos vorbeigegangen ist, wäre es ein leichtes gewesen, einer Beziehungskomödie einen erhobenen Zeigefinger aufzudrücken. Glücklicherweise hat Christian Brey das nicht getan. Stattdessen hat er einen brüllend komischen Theaterabend abgeliefert.

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