Kino

„Wir sind dann wohl die Angehörigen": Kammerspiel zum Entführungsdrama Jan Philipp Reemtsma

STAND
AUTOR/IN
Rüdiger Suchsland

Mitten in der Nacht wird Johann von seiner Mutter geweckt: Sein Vater, der Multimillionär Jan Philipp Reemtsma wurde entführt. Schlagartig füllen Polizisten, Anwälte und Freunde der Familie das Haus. Zum ersten Mal in seinem Leben empfindet Johann so etwas wie Angst. Die Ungewissheit ist nun sein täglicher Begleiter und die Tage scheinen endlos zu sein.

Audio herunterladen (3,8 MB | MP3)

Familie im Ausnahmezustand

Coming-of-Age, das Erwachsenwerden ist eines der beliebtesten Filmthemen. Denn es führt die Zuschauer auf eine universelle Erfahrung zurück: Wie sich das Kind im Menschen wandelt, wie man sich von den Eltern emanzipiert und ein unabhängiges, freies Subjekt wird. Aber ein Coming-of-Age wie dieses haben glücklicherweise nur die allerwenigsten erlebt, jedenfalls in den zivilisierten, behüteten Verhältnissen Europas.

 

Filmstill (Foto: Pndora Filmverleih)
Hamburg, 25. März 1996. Für den 13-jährigen Johann (Claude Heinrich) ist es ein Tag wie jeder andere. Abgesehen davon, dass am nächsten Morgen eine leidige Lateinarbeit ansteht. Am nächsten Morgen spielt all das freilich keine Rolle mehr. Seine Mutter Ann Kathrin Scheerer (Adina Vetter) weckt ihn mit den Worten: „Wir müssen jetzt ein Abenteuer bestehen, Jan Philipp ist entführt worden“. Pndora Filmverleih Bild in Detailansicht öffnen
Sie hat ein Schreiben der Täter gefunden – eine Lösegeldforderung über zwanzig Millionen D-Mark. Die 33 Tage, die nun folgen, markieren einen tiefen Einschnitt in Johanns bislang behütetem Leben. Vera und Nickel (Yorck Dippe, Enno Trebs) beraten sich mit Christian Schneider (Hans Löw), dem Anwalt Johann Schwenn (Justus von Dohnányi) und der Familie. Pndora Filmverleih Bild in Detailansicht öffnen
Später wird er sagen, bis dahin habe er nicht gewusst, was Angst überhaupt ist. Noch am selben Vormittag verwandelt sich das Haus der Familie in ein hochtechnisiertes Einsatzzentrum. Pndora Filmverleih Bild in Detailansicht öffnen
Ein Brief der Entführer erreicht Vera (Yorck Dippe), Ann Kathrin Scheerer (Adina Vetter) und Rechtsanwalt Johann Schwenn (Justus von Dohnányi).. (v.l.n.r.). Pndora Filmverleih Bild in Detailansicht öffnen
Die Aufforderung zur Geldübergabe kommt per Post, zusammen mit einem erschütternden Brief des Entführten. Er vergleicht seine Gefangenschaft mit einer Figur aus dem Kinderbuch „Die Abenteuer des Tom Sawyer“. Ein versteckter Hinweis? Pndora Filmverleih Bild in Detailansicht öffnen
Die Kommunikation mit den Tätern verläuft darauf nur noch schleppend, die Nerven der Angehörigen liegen blank. Noch immer geht Johann nicht zur Schule, aber seine Muter Ann Kathrin versucht, das Leben für ihren Sohn nicht ganz auszusperren. Pndora Filmverleih Bild in Detailansicht öffnen
Hans-Christian Schmids Film WIR SIND DANN WOHL DIE ANGEHÖRIGEN erzählt die Entführung von Jan Philipp Reemtsma erstmals aus der Sicht der Angehörigen. Das Drehbuch von Michael Gutmann und Hans-Christian Schmid basiert auf dem gleichnamigen autobiografischen Buch von Johann Scheerer. Pndora Filmverleih Bild in Detailansicht öffnen

20 Millionen D-Mark Lösegeld für den eigenen Vater

Die Hauptfigur ist ein 13-jähriger Junge, er heißt Johann. Zu Beginn des Films ist seine Welt noch in Ordnung: die Verhältnisse sind gut bürgerlich, er muss Latein für die Schule pauken, spielt in einer Rockband, und pubertiert. Eines Nachts ändert sich alles radikal: die Mutter weckt ihn, sein Vater, ein Wissenschaftler und Multimillionär, wurde entführt. Man fordert 20 Millionen D-Mark Lösegeld. Plötzlich ist für Johann nichts mehr wie es gerade noch war, Freiheit und Möglichkeiten verwandeln sich in Angst und Sicherheitsbedürfnis.


Entführung aus der Perspektive des 13-jährigen Sohns erzählt

Es sind diese existenziellen Veränderungen, die im Mittelpunkt des Films von Hans-Christian Schmid stehen. „Wir sind dann wohl die Angehörigen" basiert auf Ereignissen rund um die Entführung des Wissenschaftlers, Autors und Multimillionärs Jan Philipp Reemtsma im Jahr 1996 und auf dem autobiografischen Roman seines Sohnes Johann Scheerer, der dessen Erinnerungen poetisch aufbereitet. Erzählt wird größtenteils aus der Perspektive des damals 13-jährigen. Um dessen vertraute Umgebung formieren sich neue fast familienähnliche Strukturen aus fremden Menschen.

Kammerspiel mit zurückhaltender Perspektive

Hans-Christian Schmids erster Kinofilm seit zehn Jahren erzählt von diesem speziellen Coming-of-Age auf sehr intime Weise. Dies ist kein Thriller oder Entführungsdrama, sondern ein Kammerspiel. Gedämpfte Töne, sparsame Kamerafahrten und Dialoge herrschen vor, es geht ums Atmosphärische. Auch die Kritik an den zum Teil haarsträubend dilettantischen Fehlern der Polizei ist zurückhaltend, sozusagen hanseatisch höflich formuliert. Im Rückblick erscheint auch die Welt der 1990er Jahre schon ungemein weit weg: Eine Welt der Faxgeräte und Papierkarten, ohne Mobilphone, Internet und GoogleMaps.

 Routinierte und etwas langweilige Regie von Hans-Christian Schmid

Das ist in jedem Fall routiniert inszeniert, mitunter spannend, mitunter aber auch etwas langweilig. Zumal der Ausgang der Entführung zumindest den normal informierten Zeitgenossen bekannt sein sollte. Schmid erzählt eine in jeder Hinsicht ungewöhnliche Geschichte.

Mitunter aber fallen einem andere Geschichten ein, die in dieser verboren sind, die Schmid nicht erzählt: Über Macht und Übermacht der Väter und die Fixierung der Söhne auf ihre Väter zum Beispiel. Oder über die Unmöglichkeit von Normalität in Verhältnissen, in denen man einerseits durch brutale gnadenlose Entführer gefährdet ist, und anderseits dann immerhin 30 Millionen Mark aufbringen kann, um sein Leben zu retten. 

Trailer „Wir sind dann wohl die Angehörigen", ab 3.11. im Kino

Das Buch, das Jan Philipp Reemtsma über seine Entführung geschrieben hat

Film „Rheingold“ von Fatih Akin: die bewegende Lebensgeschichte des deutsch-kurdischen Rappers Xatar

Xatar gehört zu den schillerndsten Figuren der deutschen Gangsterrap-Szene. Nachdem der heute 40-Jährige wegen des Überfalls auf einen Goldtransporter ab 2011 mehrere Jahre im Gefängnis saß, stieg er zum erfolgreichen Rapper, Labelgründer und Gastro-Unternehmer auf. Mit „Rheingold“ hat Regisseur Fatih Akin die bewegte Lebensgeschichte von Giwad Hajabi alias Xatar verfilmt – in einer wilden Mischung aus Gangster-, Flüchtlings- und Familiendrama.  mehr...

SWR2 am Morgen SWR2

Kino „Rimini“ von Ulrich Seidl: Alles andere als leichte Kost

Richie Bravo, einst ein gefeierter Schlagerstar, jagt im winterlichen Rimini seinem verblichenen Ruhm hinterher. Mit Auftritten vor Bustouristen und Liebesdiensten an weiblichen Fans finanziert er seinen ausschweifenden Lebensstil zwischen Dauerrausch und Spielsucht. Als eines Tages seine erwachsene Tochter vor ihm steht und das Geld einfordert, das er ihr nie gegeben hat, beginnt seine Welt zu kollabieren. Regisseur Ulrich Seidl stand zuletzt in der Kritk wegen des zweiten Teils seiner „filmischen Diptychons über zwei Brüder“: Beim Dreh von „Sparta“ wurde laut Spiegel Recherchen das Wohl der rumänischen Kinderdarsteller gefährdet.  mehr...

SWR2 am Morgen SWR2

Gespräch „Ein Skandal, der nicht eintraf“: „Sparta“ von Ulrich Seidl feiert Weltpremiere beim Filmfestival San Sebastian

Der vorab vieldiskutierte Film „Sparta“ des österreichischem Regisseurs Ulrich Seidl sei beim baskischen Filmfestival San Sebastian „überraschenderweise“ gut angekommen, sagt SWR2-Filmkritiker Rüdiger Suchsland. Zuvor hatte es schwere Vorwürfe gegen den Film gegebenen: Bei den Dreharbeiten mit minderjährigen Laiendarstellern sei die Jugendschutzpflicht nicht eingehalten worden. Seidl und die Produktionsform weisen die Vorwürfe zurück. Die eigentlich geplante Uraufführung des Films beim Toronto Film Festival war abgesagt worden. In San Sebastian habe man deshalb „große Aufregung“ erwartet, aber es sei ein Skandal, der nicht eintraf, so Suchsland. Im Gespräch mit SWR2 bezeichnet Rüdiger Suchsland „Sparta“ als einen „humanistischen und warmherzigen Film“. Bei der Premiere habe es Applaus und Standing Ovations gegeben.  mehr...

SWR2 Kultur aktuell SWR2

STAND
AUTOR/IN
Rüdiger Suchsland