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Weiblicher, indigener Western im australischen Outback: „The Drover’s Wife – die Legende von Molly Johnson“

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AUTOR/IN
Julia Haungs

Der klassische Westernheld ist weiß, männlich und amerikanisch. Im Western „The Drover’s Wife – die Legende von Molly Johnson“ steht dagegen eine indigene Frau im Mittelpunkt der Szene im australischen Outback. Ein postkolonialer, feministischer Film der indigenen australischen Regisseurin Leah Purcell, der das Western-Genre auf den Kopf stellt. Dabei hat Purcell nicht nur Regie geführt und das Drehbuch geschrieben – sie hat auch gleich noch die Hauptrolle übernommen.

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Das Gewehr immer im Anschlag

Das Gewehr ist Molly Johnsons ständiger Begleiter, sie selbst immer in Alarmbereitschaft. Mit ihren vier kleinen Kindern lebt die „toughe“ Frau in einer abgelegenen Holzhütte im australischen Outback. Ihr Mann ist als Drover – als Viehtreiber – oft wochenlang weg. Die schwangere Molly ist auf sich allein gestellt, sie muss sich und ihre Kinder schützen. Als der flüchtige Aborigine Yadaka schwer verletzt auf ihren Hof stolpert, geraten die Dinge außer Kontrolle. Und Molly muss sich einem gut gehüteten Familiengeheimnis stellen: sie selbst hat auch indigene Wurzeln.

Filmstill (Foto: Cinemien Deutschland)
1893 in der rauen Landschaft der Snowy Mountains im australischen Outback. Die Hierarchien sind klar: Weiß über Schwarz. Mann über Frau. Cinemien Deutschland Bild in Detailansicht öffnen
Das Gesetz des „Stärkeren“ regelt das Geschehen in der Stadt Everton. Das niedergeschriebene Gesetz ist Nebensache. Cinemien Deutschland Bild in Detailansicht öffnen
Die hochschwangere Molly Johnson (Leah Purcel) ist mit ihren drei Kindern auf einer Farm abseits von Everton komplett auf sich allein gestellt. Cinemien Deutschland Bild in Detailansicht öffnen
Ihr Mann ist seit Monaten fort zum Viehtrieb im Hochland. Bewaffnet mit einem Gewehr, einem Überlebenswillen aus Stahl und dem Beschützerinstinkt einer Mutter, ist Molly allerdings auf alles gefasst. Cinemien Deutschland Bild in Detailansicht öffnen
Molly Johnson ist bereit, alles für ihre Kinder und ihr Überleben zu tun. Alles. Cinemien Deutschland Bild in Detailansicht öffnen
Als Molly plötzlich auf ihrem Grundstück den verwundeten Ngarigo Yadaka (Rob Collins) auffindet, überschlagen sich die Ereignisse für alle Beteiligten plötzlich. Cinemien Deutschland Bild in Detailansicht öffnen
Leah Purcells „The Drover’s Wife – Die Legende von Molly Johnson“ ist der erste australische Spielfilm, bei dem eine indigene Frau das Drehbuch schrieb, Regie führte und die Hauptrolle spielt. So hat der Film eine starke weiblichen Perspektive in dem sonst traditionell sehr „männlich“ geprägten Genre des Westerns. Cinemien Deutschland Bild in Detailansicht öffnen

Kurzgeschichte von Henry Lawson als Vorlage

Leah Purcells Film basiert auf ihrer eigenen Theaterversion der bekannten australischen Kurzgeschichte „The Drover's Wife“ von Henry Lawson aus dem Jahr 1892. In der lediglich neun Seiten langen Geschichte verteidigt eine mutige Frau ihre Kinder gegen eine Schlange im Haus. Purcell macht aus Lawsons weißer Pionierin eine indigene Frau. Weit bedrohlicher als die wilden Tiere sind für sie die Männer. Im ländlichen Australien von 1893 gibt es noch keine verbindliche Rechtsordnung, die von einer staatliche Macht durchsetzt wird.

Weiße Männer haben das Sagen im Outback

Im Outback gilt das Recht des Stärkeren, und das heißt: Weiße Männer sind die unumschränkten Herrscher. Als Frau und als Indigene ist Molly gleich doppelt gefährdet. Purcell erzählt von Rassismus, Diskriminierung, Sexismus und Gewalt gegen Frauen. Während die Gefahr im ersten Teil des Films nur unterschwellig als ständig dräuende Spannung präsent ist, entlädt sie sich im zweiten Teil in einer Gewaltorgie. Das Martyrium, das Molly durchläuft, weil sie aufbegehrt, schildert Purcell schmerzhaft explizit.

Filmstill (Foto: Cinemien Deutschland)
Das Gesetz des „Stärkeren“ regelt das Geschehen in der Stadt Everton. Das niedergeschriebene Gesetz ist Nebensache. Cinemien Deutschland

Bildgewaltige Kulisse sind die Snowy Mountains

Vor der eindrucksvollen Kulisse der Snowy Mountains in Australien inszeniert Purcell ein bildgewaltiges Drama. Die berauschend schönen Naturaufnahmen lassen die Szenerie geradezu mystisch wirken. Purcells Molly scheint wie verwachsen mit dieser rauen Landschaft. Sie spielt sie als harte, wortkarge Frau, der das Leben wenig Grund zum Lächeln gegeben hat. Ihre Kinder liebt sie aber über alles und verteidigt sie mit ihrem Leben. Neben der Gewalt gegen Frauen ist die brutale Unterdrückung der australischen First Nations das Thema dieses ungewöhnlichen Westerns: Kinder werden aus Familien gerissen, Menschen verschleppt, versklavt oder getötet.

Filmstill (Foto: Cinemien Deutschland)
Molly Johnson ist bereit, alles für ihre Kinder und ihr Überleben zu tun. Alles. Cinemien Deutschland

Zögerliche Aufarbeitung kolonialer Verbrechen in Australien

Auch Purcells eigener Urgroßvater wurde Ende des 19.Jahrhunderts verschleppt und jahrelang gezwungen, in einem Wanderzirkus zu arbeiten. Mit ihrem Film greift die Regisseurin ein Thema auf, mit dem sich Australien nur zögerlich befasst. Erst 2008 entschuldigte sich der damalige Premierminister Kevin Rudd für die kolonialen Verbrechen. Seit dem Frühjahr 2022 können Familien, denen der Staat bis 1970 Kinder weggenommen hat, eine Entschädigung beantragen. Mit „The Drover's Wife – die Legende von Molly Johnson“ liefert Leah Purcell eine postkoloniale Interpretation eines australischen Klassikers. Die weiße Westernperspektive dreht sie um und erzählt das, was im Genre ansonsten höchstens mitschwingt: Teil der verklärten Pionierzeit war auch die Unterdrückung und Ermordung der First Nations.

Trailer „The Drover's Wife – die Legende von Molly Johnson", ab 10.11. im KIno

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