Filmkritik "Waldheims Walzer" von Ruth Beckermann Lebenslüge einer ganzen Nation

Von Julia Haungs

Die österreichische Dokumentarfilmerin Ruth Beckermann dreht seit 40 Jahren politische Filme über das schwierige Verhältnis ihrer Heimat zum Judentum und zur NS-Zeit. In ihrem filmischen Essay "Waldheims Walzer" geht es um den Politiker Kurt Waldheim. Er wurde 1986 österreichischer Bundespräsident, obwohl vorher ans Licht kam, dass er über seine Rolle im Zweiten Weltkrieg gelogen hatte.

"Ein Österreicher, dem die Welt vertraut"

Mit diesem Slogan zog Kurt Waldheim 1986 in den Wahlkampf um das Amt des Bundespräsidenten. Und lange war Waldheim das auch gewesen: österreichischer Botschafter in Kanada, Außenminister, zehn Jahre lang Generalsekretär der UNO.

Doch kurz vor der Wahl tauchen Dokumente auf, die belegen, dass Waldheim eine deutlich aktivere Rolle im Zweiten Weltkrieg gespielt hat als bislang bekannt: Mitglied der SA, auf dem Balkan Teil einer Einheit der Wehrmacht, die an Kriegsverbrechen beteiligt war.

Fake News aus Österreich

Doch Waldheim tut alle Enthüllungen als "Fake News" ab. Er habe als junger Offizier nur seine Pflicht getan, so wie hunderttausende andere Österreicher auch.

"Das war eine ganz korrekte, anständige Tätigkeit."

Internationale Medien berichten. Nur in Österreich findet die Entlarvung Waldheims zunächst kein großes Echo. Der Kandidat kann weiter Wahlkampf machen: "Jetzt erst recht" steht auf seinen Plakaten. Die Filmemacherin Ruth Beckermann hat ihn damals gefilmt.

In "Waldheims Walzer" setzt sie sich über 30 Jahre später mit ihren Bildern und den damit verbundenen Erinnerungen auseinander.

Bewaffnet mit der Handkamera

Mit einer der ersten Handkameras bewaffnet, dokumentiert die junge Filmemacherin die Proteste zunächst aus Interesse und wird dann selbst zur Aktivistin. Eine Doppelrolle, die auch ihre späteren Dokus prägen wird: politische, zeitgeschichtliche Stoffe, aus persönlichem Blickwinkel erzählt.

Lebenslüge einer ganzen Nation

Oft geht es darin um das gestörte Verhältnis der Österreicher zur Kriegszeit. Auch die Reaktion auf die "Waldheim-Affäre" ist bezeichnend für das Land.

Dem großen Schweigen folgt eine heftige Abwehrreaktion. Denn Waldheim, der sich an nichts erinnern will, lässt die Lebenslüge einer ganzen Nation auffliegen: Selbst das erste Opfer der Nationalsozialisten gewesen zu sein.

"Waldheims Walzer" konzentriert sich auf den kurzen Zeitraum von März bis Juni 1986.

Als Waldheims Kriegsbiografie vom Jüdischen Weltkongress enthüllt wird, werden die Demonstrationen und Ausschreitungen rund um seine Kandidatur immer größer. (Foto: Edition Salzgeber - Edition Salzgeber)
Als Waldheims Kriegsbiografie vom Jüdischen Weltkongress enthüllt wird, werden die Demonstrationen und Ausschreitungen rund um seine Kandidatur immer größer. Edition Salzgeber - Edition Salzgeber

Der Volkszorn steigt

Der Film zeichnet nach, wie der Volkszorn steigt, je mehr Druck aus dem Ausland kommt. Zorn aber nicht auf den Kandidaten, der seine potentiellen Wähler belogen hat. Sondern Zorn auf die ausländischen Medien, die "ehrlosen Gesellen vom jüdischen Weltkongress", die immer weitere Belege ausgraben und die linken Protestler, die nach Ansicht der Mehrheit die politische Kultur beschädigen.

Vorboten des heutigen Rechtspopulismus

Die ungefilterte Aggression, die verquere Argumentation mit Lügen und Halbwahrheiten und der offen zutage tretende Antisemitismus erinnern fatal an den Rechtspopulismus von heute. Für Österreichs Geschichtsverständnis war die Waldheim-Affäre ein Wendepunkt, auch das macht der Film deutlich.

Zwar wurde der umstrittene Politiker tatsächlich gewählt und blieb bis 1992 im Amt. Aber in der Folge setzte sich das Land zum ersten Mal mit der eigenen Rolle in der NS-Zeit auseinander.

Ein Film gegen Geschichtsvergessenheit

Allerdings bereiteten die Vorgänge auch den Boden für den späteren Aufstieg der FPÖ, die heute Teil der Regierung ist. Und anders als früher, ohne dass das Ausland mit Isolierung reagiert. Ein guter Zeitpunkt also für einen Film gegen Geschichtsvergessenheit und antisemitische Reflexe, die heute wieder Konjunktur haben. In Österreich und anderswo.

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