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Ein amerikanischer Großkonzern leitet über Jahrzehnte giftige Chemikalien ins Wasser und gefährdet so wissentlich die Einwohner*innen einer Stadt. Todd Haynes erzählt im Umweltthriller „Vergiftete Wahrheit“ eine wahre Geschichte, die bis heute kein gutes Ende gefunden hat.

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Übermächtiger Gegner

David gegen Goliath – der Einzelne gegen eine übermächtige Institution: Das ist die gängige Konstellation in Gerichtsthrillern. In „Vergiftete Wahrheit“ ist es ein Rinderzüchter aus West Virginia, der den Chemieriesen DuPont verdächtigt, giftige Abwässer in den Bach zu leiten, aus dem seine Tiere trinken. 190 kranke Kühe musste er erschießen.

Weder die Umweltbehörde noch die Lokalpolitiker*innen schenken dem Farmer Gehör. Schließlich ist Dupont der größte Arbeitgeber in der abgehängten Gegend und finanziert die komplette Infrastruktur des Ortes. Wer will so jemandem auf die Füße treten?

"Vergiftete Wahrheit" von Todd Haynes (Foto: Pressestelle, EclairPlay)
Cincinnatti, 1998: Rob Bilott (Mark Ruffalo) arbeitet erfolgreich als Wirtschaftsanwalt in einer großen Kanzlei und wird eines Tages von zwei Farmern nach West Virginia gerufen. Pressestelle EclairPlay Bild in Detailansicht öffnen
Auf den Farmen in Parkersburg verenden immer mehr Kühe auf mysteriöse Weise. Die Farmer vermuten einen Zusammenhang mit dem Chemiekonzern DuPont, der ganz in der Nähe ansässig ist. Pressestelle EclairPlay Bild in Detailansicht öffnen
Für Bilott bedeutet dies zunächst einen Zwiespalt, da er auch für DuPont arbeitet. Dennoch möchte er der Sache gewissenhaft nachgehen. Pressestelle EclairPlay Bild in Detailansicht öffnen
Mit Unterstützung seines Chefs Tom Terp (Tim Robbins) geht er ohne Vorbehalt an den Fall heran und findet schon bald erdrückende Indizien. Pressestelle EclairPlay Bild in Detailansicht öffnen
Die Farmer haben recht: Es scheint, als wäre DuPont in einen Umweltskandal ungeheuren Ausmaßes verwickelt. Pressestelle EclairPlay Bild in Detailansicht öffnen
Bilotts Frau (Anne Hathaway) steht hinter ihm, auch wenn sich schnell zeigt, dass ihn der Fall seine Karriere kosten könnte. Pressestelle EclairPlay Bild in Detailansicht öffnen
... oder sogar Schlimmeres. Pressestelle EclairPlay Bild in Detailansicht öffnen
Der Film von Regisseur Todd Haynes basiert auf der wahren Geschichte des Anwalts Rob Bilott, der in den 1990ern im Alleingang den weltweit größten Chemiekonzern verklagte. Pressestelle EclairPlay Bild in Detailansicht öffnen

Vergiftung von Trinkwasser und Luft

Ausgerechnet der Anwalt einer großen Kanzlei, die normalerweise die Interessen von Chemieunternehmen vertritt, nimmt sich dann doch des Falls an und findet Unglaubliches heraus: Hier geht es nicht nur um den Bach eines einzelnen Bauern. DuPont verpestet seit Jahrzehnten wissentlich Trinkwasser und Luft einer ganzen Stadt durch Perfluoroktansäure (PFOA), eine giftige Chemikalie aus der Teflon-Produktion, dem Wundermaterial antihaftbeschichteter Pfannen.

Mark Ruffalo als Anwalt

Mark Ruffalo in der Hauptrolle des Anwalts Robert Bilott spielt ihn als sympathischen Durchschnittstypen, der anfangs zutiefst in die amerikanische Politik und Justiz vertraut, bevor er im Zuge seiner Recherche erkennen muss, wie naiv das war. Der Aufsteiger aus kleinen Verhältnissen stellt fortan sein ganzes Berufs- und Privatleben in den Dienst der Aufklärung. Überraschenderweise kann er auch den Chef der Kanzlei für sein unprofitables Anliegen gewinnen.

Wahrer Fall als Vorlage

„Vergiftete Wahrheit“ beruht auf einem wahren Umweltskandal, der Ende der 90er Jahre ans Licht kam. Die Gerichtsprozesse dauern bis heute an. Zwar wurde durch die jahrelange Arbeit des Anwalts Robert Bilott und medizinische Studien zweifelsfrei erwiesen, dass die Chemieabfälle der Grund für viele Krebserkrankungen in der 70.000-Einwohner-Stadt sind. Doch bislang wurde DuPont nicht umfassend zur Rechenschaft gezogen.

Dem Film von Todd Haynes merkt man die Erschütterung über diese moralische Ungeheuerlichkeit mit jeder Faser an. In düsteren Bildern, unterlegt mit unheilschwanger dräuender Musik, erzählt Haynes am Beispiel von DuPont von der Macht entfesselter Konzerne. Von der Politik nur unzureichend kontrolliert, lehnen sie mit Blick auf die eigenen Gewinne jede Verantwortung für Mensch und Umwelt ab.

Hochkarätige Besetzung und geradlinige Erzählweise

Bei aller Verbitterung ist „Vergiftete Wahrheit“ doch auch getragen von dem Glauben, dass Einzelne innerhalb eines korrupten Systems etwas bewegen können. Der Film überzeugt mit einem hochkarätigen Ensemble und einer geradlinigen Erzählweise, die ganz darauf ausgelegt ist, den Zuschauer*innen klarzumachen: Dieses Thema geht uns alle an.

In der EU ist PFOA seit diesem Jahr verboten, aber es gibt viele ähnliche Chemikalien. 99% der Weltbevölkerung tragen bereits nachweisbare Mengen teflon-verwandter Stoffe in sich. Sicher ist: Wer eine antihaftbeschichtete Pfanne zu Hause hat, wird sie nach diesem Film nur noch mit Unbehagen in die Hand nehmen.

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Rezension von Günter Kaindlstorfer.


Ullstein-Verlag, Berlin
ISBN 978-3-550-08194-1
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