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Worte können Leben retten. Ein jüdischer Häftling in einem NS-Konzentrationslager gibt sich als Perser aus und erteilt einem seiner Peiniger Farsi-Unterricht. Das Problem: Er kann diese Sprache gar nicht. Aus dieser ungewöhnlichen Situation entwickelt Regisseur Vadim Perelman ein packendes Kammerspiel mit zwei starken Hauptdarstellern.

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Es ist der beste Tausch seines Lebens: 1942 auf einem Gefangenentransport in ein französisches Durchgangslager tauscht der jüdische Belgier Gilles ein Stück Brot gegen ein persisches Buch. Kurz darauf hält der LKW im Wald: Die Gefangenen sollen erschossen werden.

Der KZ-Küchenchef will in Teheran ein deutsches Lokal eröffnen

Gilles rettet sich, indem er das Buch vorzeigt und behauptet, er sei kein Jude, sondern Perser. Daraufhin bringen ihn die Wachen zum Küchenchef des KZs. Denn wie es der Zufall will, sucht der einen Farsi-Lehrer. Nach dem Krieg will er nach Teheran auswandern und dort ein deutsches Restaurant eröffnen.

Wie gibt man Persischunterricht, wenn man kein Persisch kann?

Für Gilles, der ab jetzt Reza heißt, beginnt ein Spiel auf Messers Schneide. Er, der kein Wort Farsi kann, muss sich nicht nicht nur all die Vokabeln ausdenken, die er seinem Schüler beibringt. Er muss sie sich vor allem selbst merken. Jedes falsche Wort könnte tödlich sein. In seiner Verzweiflung benutzt Reza Silben aus den Namen seiner Mithäftlinge, um daraus Wörter zu kreieren.

Die Kunstsprache als utopischer Ort, an dem sich Täter und Opfer begegnen

Aus dieser Schüler-Lehrer-Situation entwickelt Regisseur Vadim Perelman ein packendes Kammerspiel. Die Kunstsprache wird zu einem utopischen Ort, an dem sich Täter und Opfer auf Augenhöhe als Menschen begegnen können.

Lars Eidinger als Hauptsturmführer Koch und Nahuel Pérez Biscayart als falscher Perser Reza gewinnen der ungewöhnlichen Konstellation ein breites Spektrum an Emotionen ab: Es mischen sich Todesangst und Misstrauen mit einer wachsenden Vertrautheit. Neben vielen schrecklichen Momenten gibt es auch einige komische, etwa wenn Koch sich in Phantasie-Farsi zum Dichter aufschwingt.

Problematisch ist die Schilderung des KZ-Alltags

In „Persischstunden“ geht es viel um die Themen Vertrauen und menschliche Interaktion. So gut das in den Szenen mit beiden Hauptdarsteller funktioniert, so schwierig wird es, wenn Perelman den Fokus auf den Rest des Lagers öffnet.

Film „Persischstunden“ von Vadim Perelman

"Persischstunden" von Vadim Perelman (Foto: Pressestelle, Alamode Filmverleih)
1942: Der Belgier Gilles (Nahuel Pérez Biscayard) wird zusammen mit anderen Juden von der SS aufgegriffen. Pressestelle Alamode Filmverleih Bild in Detailansicht öffnen
Sie werden in ein Konzentrationslager gebracht, wo ihnen der baldige Tod droht. Pressestelle Alamode Filmverleih Bild in Detailansicht öffnen
Doch Gilles ersinnt eine List. Er behauptet kurzerhand, er sei kein Jude, sondern Perser, um dem Tod zu entgehen. Pressestelle Alamode Filmverleih Bild in Detailansicht öffnen
Der Lagerkommandant Klaus Koch (Lars Eidinger) träumt schon lange davon, nach dem Krieg ein Restaurant im Iran zu eröffnen. Er befiehlt, dass Gilles ihn von nun an in Farsi unterrichten soll. Pressestelle Alamode Filmverleih Bild in Detailansicht öffnen
Gilles muss nun dem Kommandanten eine Sprache beibringen, die er selbst nicht spricht, sondern einfach erfindet. Pressestelle Alamode Filmverleih Bild in Detailansicht öffnen

In vielen Szenen fühlt man sich an das vor einiger Zeit aufgetauchte Fotoalbum aus dem KZ Majdanek erinnert. Dieses schockierte durch die abgebildete Harmlosigkeit und die Abwesenheit der Opfer.

Auch in „Persischstunden“ darf sich das KZ-Personal ausführlich von seiner privaten Seite zeigen. Auch die fiesesten Typen sind Menschen mit Ängsten und Träumen, was die Handlung teilweise erschreckend banal erscheinen lässt. Erst zum Schluss wendet sich der Film wieder den Opfern zu, dann allerdings mit emotionaler Wucht.

Aus seinen Farsi-Vokabeln rekonstruiert Reza die Namen der Opfer

Nachdem die Alliierten das Lager befreit haben, fehlen ihnen die Namen der Opfer, denn die Nazis haben die Register verbrannt. Doch Reza kann dank seiner Farsi-Vokabeln 2804 Häftlinge aufzählen.

Aus Nummern werden wieder Individuen. Die Namens-Eselsbrücke, die einem Einzelnen das Leben gerettet hat, wird zum Kaddish, zum Totengebet für all die Ermordeten.

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