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Die Münchner Regisseurin Julia von Heinz erzählt in „Und morgen die ganze Welt" eine autobiographische Geschichte aus ihrer Vergangenheit in der Antifa. Mut beweist sie inhaltlich in der Debatte um Gewalt und die Frage, wann diese gerechtfertigt sein könnte. Ästhetisch bleibt der Film allerdings beim Bebildern der Ereignisse und geht selten über nackten Realismus hinaus.

Der Film war deutscher Beitrag bei den Filmfestspielen Venedig im September 2020 und wurde pünktlich zum Kinostart am 29. Oktober als deutscher Oscar-Beitrag nominiert.

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Eine höhere Tochter studiert Jura

Luisa studiert Jura im ersten Semester. Eine höhere Tochter. Die Eltern sind freundlich und nachsichtig, auch als die Tochter in eine linke Kommune zieht. Von den ersten Minuten des Films an ist Luisa die Neue in der Antifa-Gruppe und gehört irgendwie nie ganz dazu. Das merkt man, sobald es in diesem Film ans Eingemachte geht, sobald sich Luisa politisch radikalisiert.

"Und morgen die ganze Welt" von Julia von Heinz (Foto: Pressestelle, Alamode Filmverleih)
Luisa (Mala Emde) ist 20 Jahre alt, stammt aus gutem Haus und studiert im ersten Semester Jura. Sie will erreichen, dass sich in Deutschland endlich etwas verändert. Pressestelle Alamode Filmverleih Bild in Detailansicht öffnen
Der Rechtsruck in Deutschland und die zunehmende Beliebtheit populistischer Parteien bringt Luisa immer öfter dazu, gegen die neue Rechte zu demonstrieren. Pressestelle Alamode Filmverleih Bild in Detailansicht öffnen
Schon bald lernt sie Alfa (Noah Saveedra) und Lenor (Tonio Schneider) kennen, die jedoch weitaus radikaler eingestellt sind, als Luisa. Für die beiden Freunde ist auch Gewalt ein mögliches Mittel. Pressestelle Alamode Filmverleih Bild in Detailansicht öffnen
Nun muss Luisa entscheiden, wie weit sie zu gehen bereit ist - trotz der möglichen Konsequenzen. Pressestelle Alamode Filmverleih Bild in Detailansicht öffnen

Das Recht auf Widerstand

Am Anfang ist alles ganz harmlos. Im Jura-Seminar geht es um Artikel 20 des Grundgesetzes. Das darin festgeschriebene Recht auf Widerstand gehört zum Standardwissen, den Zuschauern wird es gleich dreimal sehr deutlich gesagt. Und dies ist ein wichtiger Punkt: Denn heute berufen sich Neonazis und Rechtsextremisten aufs Widerstandsrecht - gegen die demokratische Ordnung.

Engagiertes politisches Kino

Die Anspielungen auf die aktuelle Wirklichkeit in diesem Film sind mit Händen zu greifen. „Und morgen die ganze Welt" ist engagiertes, politisches Kino, das einerseits versucht, die gängige Moralisierung des Politischen möglichst zu vermeiden, andererseits vor direkten Verweisen auf aktuelle Geschehnisse und Akteure nicht zurückschreckt.

Man sieht wie die Antifa-Gruppe gegen eine politische Kundgebung demonstriert. Deren Plakate und Polit-Design ist absolut unverkennbar in Anspielung auf die AfD gestaltet. Sogar das Aussehen der Rednerin ist dem öffentlichen Aussehen einer Alice Weidel zum Verwechseln ähnlich. Wir werden Zeugen der Vernetzung zwischen Wutbürgern und Neonazis, weil wir hier gewissermaßen der Antifa bei der Arbeit zusehen.

Antifa-Mitglieder beobachten die Neonazis-Szene

Der Film beschränkt sich nicht auf Musik hören, gemeinsam abhängen, Fitness-Training für die nächste Demo, Plakate malen, Containern, und Klamotten für Flüchtlinge sammeln. Oft genug übernehmen die Antifa-Mitglieder nämlich jene Arbeit, die man sich von den Behörden wünschen und erwarten würde.

Beobachtung der Neonazi-Szene, Beobachtung jener vielen Übergänge zwischen offenem Faschismus und gewalttätigen Spießertum, die Erkundung jener Garagen, in denen Mitgliederlisten der Organisation lagern, aber auch all der Keller in denen schon der Sprengstoff und die Munition für den nächsten Terroranschlag bereitgehalten wird.

Mannheim als Entdeckung fürs deutschen Kino

Die Stärken von Julia von Heinz' Film liegen in dieser Menge sprechender Details, in ihrer Story, sie liegen darin, mit der Stadt Mannheim einen facettenreichen, hochinteressanten Schauplatz gewählt zu haben, der vom deutschen Kino bislang fast komplett übersehen wurde.

Sie liegen auch in einer Schauspieler-Riege mit vielen unbekannten Gesichtern, die durchweg stark spielen. Neben der Hauptdarstellerin Mala Emde als Luisa sind hier Noah Saavedra und Tonio Schneider hervorzuheben. Außerdem der Österreicher Andreas Lust, der einen desillusionierten Veteranen der Antifa spielt.

Bildgestaltung bleibt hinter dem Inhalt zurück

Defizite gibt es allerdings im Ästhetischen: Immer wieder bleibt es beim Bebildern der Ereignisse, und es gibt eher wenige Momente, in denen alles über nackten Realismus hinausreicht. Ausgeglichen wird diese Unentschiedenheit durch den Mut der Regisseurin, inhaltlich, moralisch wie politisch dahin zu gehen, wo es weh tut: zu den Debatten um Gewalt und die Frage, wann diese gerechtfertigt sein könnte.

Zwar zeigt der Film eine Hauptfigur, die der Gewalt – so scheint es am Ende – abschwört. Aber eines macht dieser Film angesichts der alltäglichen Gewalt der Rechtsextremisten sehr klar: Keine Gewalt ist auch keine Lösung.

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