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Die satirische TV-Politserie „Veep“ machte den Regisseur Armando Iannucci einem breiten Publikum bekannt. Im Kino feierte er zuletzt großen Erfolg mit der rabenschwarzen Komödie „The Death of Stalin“. Jetzt hat er einen Klassiker der Weltliteratur verfilmt: Charles Dickens’ Roman „David Copperfield“. Aus dem düsteren viktorianischen Sittengemälde macht Iannucci einen komödiantisch überdrehten Bilderbogen, opulent ausgestattet und rasant erzählt.

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Armando Iannucci wirft die Schwere über Bord

Bitterböse ist an „David Copperfield – einmal Reichtum und zurück“ überraschend wenig. Dabei birgt die Lebensgeschichte des jungen Helden schon früh einiges an Tragik: Vom Rauswurf durch den brutalen Stiefvater über die Kinderarbeit in einer Flaschenfabrik bis hin zum Tod der Mutter.

Doch Armando Iannucci wirft die viktorianische Schwere über Bord und macht aus der Geschichte einen komödiantisch überdrehten Bilderbogen, opulent ausgestattet und mit rasantem Tempo erzählt.

Vom Kindheitsidyll ins Elend vertrieben

Eigentlich lebt der kleine David Copperfield in einem ländlichen Idyll. Umsorgt von einer jungen Mutter und einer liebenden Kinderfrau bekommt der aufgeweckte Junge zu Hause Bildung für den Kopf. Für die Bildung des Herzens sorgen die Verwandten der Kinderfrau, grundgute Fischersleute, die David in ihre Patchworkfamilie integrieren.

"David Copperfield" von Armando Iannucci (Foto: Pressestelle, EclairPlay)
Das viktorianische England: Der Vater des Jungen David Copperfield (Ranveer Jaiswal) starb bereits vor seiner Geburt. Pressestelle EclairPlay Bild in Detailansicht öffnen
Dennoch verlebt er im Kreise seiner Mutter Clara (Morfydd Clark) und seiner Tante Betsey (Tilda Swinton) eine glückliche Kindheit. Pressestelle EclairPlay Bild in Detailansicht öffnen
Als seine Mutter jedoch den grausamen Industriellen Edward Murstone heiratet, ist es mit dem unbeschwerten Leben für David vorbei. Pressestelle EclairPlay Bild in Detailansicht öffnen
Anstatt zur Schule zu gehen, muss David nun in einer Glasflaschenfabrik arbeiten. Außerdem lebt er beim hochverschuldeten Mr. Micawber (Peter Capaldi). Pressestelle EclairPlay Bild in Detailansicht öffnen
Als Davids (jetzt: Dev Patel) Mutter überraschend verstirbt, nimmt sein Leben erneut eine Wendung. Pressestelle EclairPlay Bild in Detailansicht öffnen
Kurzerhand verlässt David London und zieht zu seiner wohlhabenden Tante Betsey. Pressestelle EclairPlay Bild in Detailansicht öffnen
Dort trifft er auf Betseys kauzigen Mitbewohner Mr. Dick (Hugh Laurie) und sein Leben scheint endlich wieder bergauf zu gehen. Pressestelle EclairPlay Bild in Detailansicht öffnen
Als Schriftsteller macht sich David auf die Suche nach Familie, Freundschaft, Romantik und seinen persönlichen Platz in der Welt. Pressestelle EclairPlay Bild in Detailansicht öffnen

Aus diesem Paradies vertreibt ihn der Stiefvater. David wächst stattdessen als Teil des Londoner Lumpenproletariats auf – beim Ehepaar Micawber, das ständig auf der Flucht vor den vielen Gläubigern ist und David den letzten Cent aus der Tasche zieht.

Erst als seine wohlhabende Tante und ihr versponnener Hausfreund den mittlerweile zum jungen Mann gereiften David aufnehmen, scheint es für ihn endlich bergauf zu gehen.

Eine Fülle an Figuren und Handlungen

Von Dickens autobiographisch gefärbtem Roman „David Copperfield“, der ursprünglich als Fortsetzungsgeschichte in einer Zeitung erschien, gibt es bereits einige Verfilmungen für TV und Kino. Alle kämpfen mit der Fülle des Stoffs, den unzähligen Nebenfiguren und ausufernden Handlungssträngen.

Armando Iannucci nimmt das Episodenhafte auf und unterteilt die Coming-of-Age-Geschichte in mehrere mit Überschriften versehene Kapitel. Dev Patel als David Copperfield bleibt stets als Erzähler seiner eigenen Geschichte sichtbar.

Verspielte Erzählweise

Auch visuell wird der Prozess des Erzählens auf der Leinwand integriert. So schreibt David Figuren in die Geschichte hinein oder wieder heraus, kommende Ereignisse werden schon in frühere Szenen eingeblendet oder eine riesige Hand setzt die Hauptfigur von einer Szene in die nächste.

Das macht Spaß anzusehen, auch wenn durch die verspielte Erzählweise nicht alle Handlungsstränge gleichermaßen stringent verfolgt werden und sich keine emotionale Tiefe entwickelt.

Diversität in der Besetzung

Die Besetzung ist mit Dev Patel, Tilda Swinton, Ben Wishaw und Hugh Laurie hochkarätig und zudem auffallend divers. So spielt eine schwarze Schauspielerin die snobistische Upper Class-Mutter eines weißen Schulfreundes.

Ein asiatischer Schauspieler ist der Vater einer schwarzen Tochter. Die Tatsache, dass das in diesem Historienfilm so auffällt, zeigt, wie selten ein solch farbenblinder Cast nach wie vor ist.

Hingebungsvolle Bekenntnis zur Leichtigkeit

Er passt auf jeden Fall zu Iannuccis Herangehensweise, in der es um Phantasie, Spiel, Dynamik und Witz geht. Allerdings muss man sagen: Nicht jede Pointe in dieser temporeichen Inszenierung zündet auch.

Manch skurriler Charakter wirkt ein bisschen zu gewollt. Das Düstere zu glatt gezogen. Insgesamt aber ist es ein Film, der gerade mit seinem hingebungsvollen Bekenntnis zur Leichtigkeit Spaß macht.

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