Filmkritik

Tragikomisch, makaber und reichlich schräg: „The Banshees of Inisherin“

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AUTOR/IN
Rüdiger Suchsland

In seinem neuen Film erzählt Regisseur Martin McDonagh („Brügge sehen… und sterben?“, „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“) von der Freundschaft zweier einfacher irischer Männer, gespielt von Colin Farrell und Brendan Gleeson, die eines Tages in eine giftige Feindschaft umschlägt.

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Ziemlich beste Freunde in Irland

Bis gestern noch waren Padraic und Colm ziemlich beste Freunde. Jahrelang verbrachten sie mehrere Tage in der Woche miteinander – zugegeben in einem ziemlich kleinen Fischerdorf an der irischen Küste, wo es so viele andere Möglichkeiten auch gar nicht gibt. Und wo man anderen Leuten schlecht aus dem Weg gehen kann. Aber Colm hat sich entschlossen, genau das zu tun. Seine Gründe bleiben unverständlich.

Filmstill (Foto: Disney Germany)
Die Geschichte beginnt mit Pádraic (Colin Farrell, re), der froh und zufrieden über die Insel Inisherin spaziert, wo er mit seiner Schwester Siobhán lebt. Pádraic ist ein liebenswerter, freundlicher Typ, der glücklich in den Tag hineinlebt. „Ziemlich genau so wie der echte Colin Farrell“, merkt Regisseur Martin McDonagh an. Disney Germany Bild in Detailansicht öffnen
Pádraic (Colin Farrell, re) und Colm (Brendan Gleeson) leben schon immer auf Inisherin. Ihr Leben lang sind sie beste Freunde. Disney Germany Bild in Detailansicht öffnen
Jeden Tag treffen sich Pádraic und Colm pünktlich um zwei Uhr auf ein Bier iim einzigen Pub auf der Insel. Das ist ihre tägliche Routine. Bis eines Tages Colm seine Freundschaft mit Pádraic beendet. Disney Germany Bild in Detailansicht öffnen
Der am Boden zerstörte Pádraic sucht die Unterstützung seiner Schwester Siobhán (Kerry Condon), um die Freundschaft wieder aufleben zu lassen. Disney Germany Bild in Detailansicht öffnen
„Die Geschichte erzählt von einem Ort, der nicht wirklich existiert...“ sagt Hauptdarsteller Colin Farrell (links, mit Gary Lydon) . „Es geht um zwei Freunde, die nicht mehr länger Freunde sind, und um die Konsequenzen. Es gibt Uneinigkeit und Wahnsinn, Verlust und Leid, und ein bisschen lachen kann man auf dem Weg auch noch.“ Disney Germany Bild in Detailansicht öffnen
Doch Colm stellt Pádraic (Colin Farrell) ein schockierendes Ultimatum, um seine Absicht klarzumachen. Die Ereignisse beginnen zu eskalieren und komplett aus dem Ruder zu laufen. Disney Germany Bild in Detailansicht öffnen

Das Ende einer Freundschaft

Man weiß nicht so recht, ob man diesen Film eine Komödie, eine Tragödie oder ein Melodrama nennen soll. Worum es am Ende geht, ist natürlich im Prinzip überaus ernst: die Irrationalität menschlicher Konflikte, aus der schlimme Dinge wachsen. Das Ende einer Freundschaft, der Wut und Hass richten sich nicht nur gegen den jeweils anderen; sie sind auch eine Form der Selbstverstümmelung.

Der Film ist komplett geprägt durch die Perspektive von Pádraic. Gespielt von Colin Farrell ist er die Identifikationsfigur, und er wirkt in diesem Konflikt der beiden Freunde als das Opfer, Colm als der Täter. Aber tiefe Verletzungen erzeugen noch tiefere Verletzungen. Und irgendwann schlägt Pádraic zurück.

Filmischer Blick aus der Stadt auf sonderbare irische Provinzler

Der Film blickt mit der etwas schmunzeligen Folklore städtisch geprägter Filmemacher auf sonderbare Provinzler, unserer Moderne entfremdete Hobbits, die in einem fernen Auenland ihre merkwürdigen Bräuche und Verhaltensweisen zelebrieren.

Zugleich sehen wir eine makabere, grausame Groteske, überlang und trostlos, die man durchaus auf heutige Konflikte beziehen muss. Denn alles spielt vor 100 Jahren, 1923 mitten im Britisch-Irischen Krieg, der auch ein irischer Bürgerkrieg war. Die nach wie vor ungelöste Nordirland-Frage ist eine Folge dieses Kriegs.

Trailer „The Banshees of Inisherin", ab 5.1. im Kino

„Banshees" sind wehklagende Feen

Regisseur Martin McDonagh, der aus London stammt, erforscht metaphorisch einen universalen Gefühlszustand. Die „Banshees“ des Titels, die auf der Insel Inisherin ihr Unwesen treiben, sind Feen, weibliche Geister, die als düstere Omen den Tod einer ihnen nahestehenden Person durch Schreie, Wehklagen oder Kreischen wie düstere Sirenen ankündigen.

Es ist trotzdem alles ein bisschen behauptet: Sind wirklich nur toxische Männlichkeit und irrationale Dummheit die Ursache von Konflikten wie dem in Nordirland oder jetzt der Ukraine? Spielen handfeste Interessen, Gier nach Reichtum und Macht und soziale Ungleichheit gar keine Rolle? An diesem Punkt macht es sich der Film zu einfach.

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