Das Drama auf der "Gorch Fock" ARD-Film "Tod einer Kadettin"

Kulturthema am 5.4.2017 von Karsten Umlauf

Vor neun Jahren stürzte die Marinesoldatin Jenny Böken von Bord der Gorch Fock und ertrank in der Nordsee. Die Umstände ihres Todes sind bis heute ungeklärt. Die Eltern glauben, dass ihre Tochter schon vor dem Sturz im Wasser war. Auf jeden Fall habe sie ungesichert bei lebensgefährlichen Bedingungen ihren Wachdienst in der Nacht versehen müssen. Vor Gericht sind sie bislang in verschiedenen Instanzen gescheitert. Ein Spielfilm im Ersten rollt am 5.4. den Fall noch einmal auf: "Tod einer Kadettin". SWR2 Autor Karsten Umlauf hat ihn gesehen.

Drei Sichtweisen

Der Fall Jenny Böken wäre wohl nicht in solch starker Erinnerung, wenn die entscheidende Frage beantwortet wäre: war es Mord, Selbstmord oder doch der tragische Unfall, für den es die Bundeswehr von Anfang an gehalten hat? Der Film bietet alle drei Versionen an, geschildert aus der Sicht eines Radiojournalisten, der an Bord war und nun versucht die Ereignisse der Nacht zu rekonstruieren. So ähnlich wie die Filmemacher Raymond und Hanna Ley. Aus der Schwäche, nicht mehr feststellen zu können, wie es wirklich war, macht ihr Film ein Prinzip: es ist eine permanenten Annäherung aus quasi dokumentarischen Interviews und Befragungen und der Handlung mit ständigen Vor- und Rückblenden.

Filmzitat: "Sie wissen, ich will zur Marine, zum Sanitätsdienst, ja? / Sind Sie denn dafür fit genug? / Ja, ich bin Rettungsschwimmerin. Es ist wirklich nur heute, dass ich mich nicht so wohl fühle. / Dann werde ich Ihnen den Belastungstest heute ersparen".

Der Einzelfall auf allgemeiner Ebene

Jenny Böken heißt im Film Lilly Borchert. Mit der Fiktionalisierung geht die UFA-Produktion dem Risiko von juristischen Auseinandersetzungen aus dem Weg. Und sie hebt den Einzelfall auf eine allgemeinere Ebene: "Tod einer Kadettin". Vielleicht hat das Geschehen doch grundsätzlicher mehr mit der Verfassung von Marine und Bundeswehr zu tun als der lieb ist.

Filmzitat: "Aus ärztlicher Sicht zeigt sie das Bild einer Diabetikerin im Anfangsstadium. Dann sehe ich hier unter 12. Tauglichkeitsgrad III, sprich unter Stress wird sie panisch und schwitzt stark."

Der Film ist gründlich recherchiert. Er greift viele Ungereimtheiten auf, die während der Untersuchungen des Jenny Böken Falls zu Tage getreten sind: verschwundene Krankenakten, verheimlichte Diagnosen.

Filmzitat: "Wir sollten uns eines ins Gedächtnis rufen: Die neuen Richtlinien besagen, dass wir unsere Frauenquote anpassen sollten. Die Beurteilungen und das Zeugnis vor Eintritt in die Bundeswehr sahen ja gut aus. Geben wir ihr doch eine Chance".

Die Marine hat ein Nachwuchsproblem

Die Marine, die übrigens jede Zusammenarbeit bei dem Film abgeblockt hat, hat ein Nachwuchsproblem, das wird deutlich. Und sie vernachlässigt offenbar die Sorgfalt für die ihr anvertrauten Menschen. Der Film stützt sich auf Tagebucheinträge und Zeugenaussagen. Er benennt die potentielle Gefahr der hohen See, ohne sich allzu spekulativer Theorien hinzugeben.

Starke Gruppendynamik

Intellektuell ist die junge Soldatin den meisten überlegen, aber rein körperlich zeigt sie in fast jeder Szene, wie ungeeignet sie für den Job an Bord ist: zu wenig Kraft, Kreislaufprobleme, ständige Müdigkeit und Höhenangst.

Marie Dragus spielt Lilly mit einer Mischung aus Hilflosigkeit, kindlichem Trotz und Beharrlichkeit. Schauspielerisch hervorragend, dennoch kann auch sie das krampfhafte Festhalten der jungen Frau an ihrem Traum, Ärztin bei der Bundeswehr zu werden, nicht ganz plausibel machen. So bleibt als stärkster Eindruck des Films vielleicht die Schilderung der Gruppendynamik unter den Bedingungen der Marine

Die Umstände verdienen Öffentlichkeit

Sexistische Sprüche, Saufrituale, spontane Hilfsbereitschaft, aber auch gezieltes Mobbing. Wer dem zum Opfer fällt, für den wird es einsam. "Tod einer Kadettin" bringt die Umstände des Todes von Jenny Böken verdientermaßen noch einmal in die Öffentlichkeit. Es ist ein Stück weit aber auch ein eindrücklicher Film über die Härte des Erwachsenwerdens geworden. Wenn alle Träume zerplatzen, braucht man jemanden, der darauf achtet, dass man nicht unbemerkt über Bord geht. Oder der einem zumindest rechtzeitig einen Rettungsring zuwirft.

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