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„Titane“ gewinnt in Cannes 2021: Wild und provokativ statt perfekt

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Am Samstagabend, 17. Juni 2021, sind die 74. Filmfestspiele von Cannes zu Ende gegangen — nach einem Corona-bedingten Aussetzer 2020, konnten sie erstmals wieder mit Publikum und fast zum üblichen Zeitpunkt stattfinden. Die Vergabe der „Goldenen Palme“ an Julia Ducournau sorgte für einige Überraschung: Ihr Horror-Fantasy-Film „Titane“ ist klassisches Genrekino.

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Cannes wie immer — Cannes ganz anders

Soweit, so erwartet für Cannes waren die Preise für den iranischen Filmemacher Asghar Farhadi und den Finnen Juho Kuosmanen, den Franzosen Leos Carax und den Japaner Ryusuke Hamaguchi.

Die wichtigste Auszeichnung, die Goldene Palme für den besten Film, vergab die Jury um Präsident Spike Lee hingegen an einen eher überraschenden Film: „Titane“ von der Französin Julia Ducournau, dessen Titel auf das äußerst beständige Metall Titan verweist, ist ein typischer Genre-Film. Bei der Preisverleihung unterlief Lee jedoch ein kleiner Faux-Pas — bereits bei der Moderation vor der offiziellen Verleihungszeremonie antwortete er auf eine auf Französisch gestellte Frage, dass „Titane“ den Preis gewonnen habe.

Brutales Empowerment

Im Horror-Fantasy-Bereich angesiedelt, erzählt „Titane“ die Geschichte einer Serienmörderin, die sich sexuell von Autos angezogen fühlt und auf der Flucht vor der Polizei die Identität des vermissten Sohnes eines Feuerwehrkommandanten annimmt. Dadurch greift der Film nicht nur auf sehr spezielle Art die Themen von sexueller Orientierung, Gender-Rollen und Technik-Obsession auf, sondern zeichnet auch ein außergewöhnliches Porträt von Familienbeziehungen.

Für Hauptdarstellerin Agathe Rousselle ist „Titane“ das Langfilm-Debüt — von den Dreharbeiten zu dem sehr fordernden Film und der Atmosphäre am Set, berichtete sie im Vorfeld sehr positiv — auch die sehr sexualisierten Szenen seien stets in einem „fürsorglichen Umfeld“ entstanden. Regisseurin Julia Ducournau habe immer darauf geachtet, dass Rousselle sich zu nichts gezwungen fühle und trotz Dreharbeiten eine gewisse Intimität am Set herrschte.

Der Trailer zu „Titane“:

„Die Flamme des Autorenkinos neu entzünden“

Julia Ducournau, deren Erstlingsfilm „Raw“ bereits im Body-Horror-Genre angesiedelt war, ist erst die zweite Frau in der Geschichte der Filmfestspiele, die mit dem Hauptpreis ausgezeichnet wird — nach Jane Campion und „Das Piano“ 1993, die sich den Preis jedoch mit Chen Kaige und „Lebewohl, meine Konkubine“ teilen mussten.

Für SWR2 Kritiker Rüdiger Suchsland ist die Preisverleihung ein postives Signal: Damit gewinne in Cannes ein Film, der die Flamme des Autorenkinos neu entzünde. Radikal statt rational, verspielt statt kontrolliert, provokativ statt perfekt — das Rebellische ist das Politische an diesem wilden Film, ist Suchslands Fazit.

Gespräch Nostalgische Filme von Wes Anderson und Kirill Serebrennikov in Cannes

„La Croisette“, die Strandpromenade von Cannes, ist voll von Stars ohne Schutzmasken – ein Bild wie vor der Pandemie. Ein Hauch von Nostalgie weht auch in einigen Filmen des Wettbewerbs, beispielsweise in „Petrov’s Flu“ von Regisseur Kiril Serebrennikow, der seit 2017 Russland nicht verlassen darf. Auch Wes Andersons „French Dispatch“ hat nostalgische Seiten: „Ein interessanter, kluger und politischer Film“, so der Filmkritiker Rüdiger Suchsland aus Cannes.  mehr...

SWR2 Kultur aktuell SWR2

Gespräch Halbzeit-Bilanz des Filmfestivals von Cannes: Vater-Tochter-Konflikte als Leitmotiv

„Erstaunlich gut“ nennt Filmkritiker Rüdiger Suchsland das Debüt von Dylan Penn im Film „Flag Day“ ihres Vaters Sean Penn. Die Darbietung sei einen Kinobesuch wert, findet der SWR2-Experte anlässlich einer Halbzeit-Bilanz des Filmfestivals von Cannes. Das Sujet einer Tochter-Vater-Suche sei in Cannes geradezu ein Leitmotiv.
Neben „Flag Day“ empfiehlt der Kino-Kenner auch das neue Werk von Paul Verhoeven. In „Benedetta“, bei dem das (Liebes-)Leben einer jungen Nonne im 19. Jahrhundert dargestellt wird, gehe es nicht um Erotik, meint Suchsland. „Es geht auch darum, dass Verhoeven uns aufklärt über die Position von Religion in unserer Gesellschaft“. „Benedetta“ sei im Grunde ein ferner Spiegel unserer Zeit und zudem „einfach ein sehr, sehr guter Film. Er hat mir großen Spaß gemacht“, bilanziert er.
Weniger eindrucksvoll war für den Filmkritiker dagegen der neue Animations-Film des Isaeli Ari Folman. Im Gegensatz zu „Waltz with Bashir“, mit dem Folman Furore gemacht hat, gehe es in „Where is Anne Frank“ nicht darum zu verstören, sondern eindeutig mehr um Inhalt. „Es geht auch um die Holocaust-Industrie, um die Verwertung und Vermarktung einer Figur“, verrät Suchsland zum Inhalt. Der Film sei insgesamt gut und anständig, aber auch „ein bisschen naiv und auch ein bisschen langweilig“.
Zur Kritik, dass auch dieses Jahr in Cannes nur wenige Filme von weiblichen Regisseuren gezeigt werden, findet Suchsland, dass ein Festival nicht die Aufgabe habe, die Welt besser zu machen als sie ist. Sein Gegen-Argument: „Das Festival markiert sich an einer anderen Stelle. Wenn wir auf die Jury schauen, wo sehr viele gute Regisseurinnen vertreten sind - und auch in der Nachwuchs-Sektion schein's anders zu sein“.
Rüdiger Suchsland arbeitet seit über 20 Jahren als Filmkritiker; er ist zudem Beirat im Verband der deutschen Filmkritik.  mehr...

SWR2 am Morgen SWR2

Film Die Rettung von Cannes: Das Filmfestival feiert sich zur Wiedereröffnung

Der Andrang beim Eröffnungsabend in Cannes war groß, bereits der Eröffnungsfilm, das Film-Musical „Annette“ des französischen Regisseur Leos Carax bot mit Adam Driver und Marion Cotillard Starbesetzung. Die zweifache Oscar-Preisträgerin Jodie Foster erhielt die Ehrenpalme für ihr Gesamtwerk. Und Jury-Chef Spike Lee ließ wissen, er wünsche sich, so gut Französisch sprechen zu können wie Jodie Foster selbst.  mehr...

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