STAND
AUTOR/IN

Ein junger, jüdischer Geigenvirtuose verschwindet 1951, am Tag seines ersten großen Konzerts, spurlos. Im Musikdrama „The Song of Names“ macht sich der beste Freund des jungen Geigers auf Spurensuche zu den Abgründen der deutschen Geschichte. „The Song of Names“ ist ein Drama mit tollen Schauspieler*innen und starken Momenten, das sich allerdings oft an der Grenze zum Kitsch bewegt.

Audio herunterladen (3,8 MB | MP3)

Mit 10 Jahren zum Geigenunterricht nach London

Der polnische Jude David Rapoport, genannt Dovidl, ist erst 10 Jahre alt, aber schon ein Virtuose auf der Geige. Damit er eine gute Ausbildung erhält, gibt ihn sein Vater schweren Herzens in die liebevolle Obhut der Familie Simmonds in London und kehrt zu Frau und Töchtern nach Warschau zurück. Kurz darauf bricht der Zweite Weltkrieg aus. Dovidl wird seine Familie nie wiedersehen. Stattdessen wächst der selbstbewusste Junge mit dem gleichaltrigen Martin an seiner Seite auf.

Film „The Song of Names“ von François Girard

"The Song of Names" von Francois Girard (Foto: Pressestelle, EclairPlay)
Dovidl (Luke Boyle) ist schon in jungen Jahren ein Virtuose an der Geige. Doch in den 1930er Jahren hat er als Jude in seiner Heimat Polen kein schönes Leben zu erwarten. Pressestelle EclairPlay Bild in Detailansicht öffnen
Deshalb reist Dovidls Vater mit seinem Sohn nach London, um für ihn einen Unterschlupf zu finden. Musikverleger Gilbert Simmonds (Stanley Townsend) nimmt das Kind bei sich auf und Dovidl freundet sich sofort mit Simmonds Sohn Martin an. Pressestelle EclairPlay Bild in Detailansicht öffnen
1951, kurz vor seinem ersten großen Konzert, verschwindet Dovidl spurlos. Pressestelle EclairPlay Bild in Detailansicht öffnen
Was eigentlich der Beginn einer großen Karriere werden sollte, lässt Dovidls Ziehbruder Martin (Tim Roth) ratlos zurück. — Im Bild: Clive Owen als gealterter David Rapoport Pressestelle EclairPlay Bild in Detailansicht öffnen
Jahre später glaubt Martin plötzlich eine Spur seines Ziehbruders entdeckt zu haben. Pressestelle EclairPlay Bild in Detailansicht öffnen
Er begibt sich auf eine weltweite Suche, um herauszufinden, warum der Violinen-Virtuose damals weggegangen ist. Pressestelle EclairPlay Bild in Detailansicht öffnen

Geschichte über 40 Jahre auf zwei Zeitebenen

Das enge, aber auch spannungsgeladene Verhältnis der beiden Fast-Brüder ist die zentrale Ebene des Films. Allerdings bleibt diese besondere Freundschaft auf der Leinwand eher eine Behauptung als dass sie zwingend in Szene gesetzt wird. Unter anderem liegt das daran, dass „The Song of Names“ seine Geschichte auf zwei Zeitebenen gestreckt über 40 Jahre erzählt.

Jede Rolle wird von drei Schauspielern in verschiedenen Altersstufen gespielt, was es schwierig macht, ein durchgängiges Charakterprofil zu erkennen. Die Verbindung der beiden Freunde reißt 1951 abrupt ab, nachdem Dovidl zu seinem ersten großen Konzert, das sein Ziehvater für ihn organisiert hat, einfach nicht erscheint. Der 23-Jährige ist wie vom Erdboden verschluckt.

Wiedersehen nach 35 Jahren

35 Jahre später sucht Martin ihn von London über Warschau und Treblinka bis nach New York, wo sich die beiden Männer, jetzt gespielt von Tim Roth und Clive Owen, endlich wieder gegenüber stehen. Natürlich wartet man als Zuschauer auf die Erklärung, warum Dovidl damals verschwunden ist.

Dennoch fühlt sich diese krimiartige Erzählstruktur seltsam an. Denn der Film verhandelt große, universale Themen, die sich nur schlecht auf einen alles enthüllenden Aha-Moment herunterbrechen lassen. Vor dem Hintergrund des Holocaust geht es um Trauer, Verlust, den Umgang mit der jüdischen Identität und die gefühlte Schuld der Überlebenden.

Musik als Ausdrucksform für persönlichen Schmerz

François Girards Film erzählt diese Themen vor allem über die Musik. Sie wird für Dovidl Ausdrucksform sowohl für seinen persönlichen Schmerz als auch für die Dimension der NS-Morde, die sich mit Sprache kaum erfassen lässt. Der Titel „The Song of Names“ bezieht sich auf einen für den Film erdachten, rituellen jüdischen Gesang, der über fünf Tage alle Opfer des Vernichtungslagers Treblinka aufzählt. Auch Dovidls Familie gehört dazu.

Starke Kino-Momente an der Grenze zum Kitsch

Der junge Künstler komponiert im Film eine Geigenversion, die der Handlung einen Rahmen gibt und die verschiedenen Zeitebenen elegant miteinander verbindet. Insgesamt ist „The Song of Names“ ein Drama mit starken Momenten, das sich allerdings oft an der Grenze zum Kitsch bewegt. Es reiht sich ein in die lange Reihe von Filmen, die sich dem Holocaust so pietätvoll und dezent nähern, dass dessen Schrecken am Ende doch blass bleibt.

Leben Dem Amulett sei Dank (1/2) - Auf den Spuren des jüdischen Mädchens Karolina Cohn

Yoram Haimi, israelischer Archäologe, fand das silberne Amulett im November 2018 und konnte es Karolina Cohn zuordnen. Eine ungewöhnliche Recherche, erzählt von Igal Avidan.  mehr...

SWR2 Leben SWR2

Gespräch Der wohl letzte NS-Prozess – Urteil gegen Ex-KZ-Wachmann von Stutthof

„Einerseits sinnvoll, andererseits gespenstisch“ kommentiert der Historiker Ulrich Herbert das am 23. Juli anstehende Urteil des Landgerichts Hamburg gegen einen ehemaligen KZ-Wachmann. Der Prozess lief vor einer Jugendstrafkammer, denn die Morde im KZ Stutthof, zu denen der 93-Jährige Beihilfe geleistet haben soll, waren 1944 verübt worden, als der Beschuldigte 18 Jahre alt war.  mehr...

SWR2 am Morgen SWR2

Gespräch Ein Jude zum Mieten

Wie ist es, heute als Jude in Deutschland zu leben? David Holinstat geht in Schulklassen und beantwortet Fragen zum Jüdischsein. Das Ziel: Miteinander statt übereinander reden.  mehr...

SWR2 Tandem SWR2

STAND
AUTOR/IN