"The Favourite" | Frauen-Machtkämpfe am Hof von Queen Anne Beste Hauptdarstellerin Olivia Colman

Von Rüdiger Suchsland

Beste Hauptdarstellerin bei den Oscars 2019 wurde die Hollywood-Newcomerin Olivia Colman. Sie verkörpert im Historienfilm "The Favourite" die englische Königin Anne. "The Favourite", der erste Kostümfilm des in England lebenden Griechen Yorgos Lanthimos, reist zurück in ein barockes Matriarchat: Die Zeit der Queen Anne. Am englischen Hof zu Anfang des 18. Jahrhunderts überlässt die Königin das Regieren einem Haufen von Dilettanten, ihr Land versinkt im Chaos.

Der pure Wahnsinn

Es ist der pure Wahnsinn: Da hoppeln 18 Häschen auf dem erlesenen Parkett eines Barock-Palasts. Die Diener müssen sich liebevoll um sie kümmern.

Ein großartiges Film-Bild, eine Groteske, aber eine mit tieferer, abgründiger Bedeutung. Nicht nur, weil dies keineswegs der spleenige Einfall eines Hipster-Regisseurs ist, sondern historische Realität.

18 Hasen, 18 tote Kinder

Der Schrecken liegt darin, dass jeder dieser Hasen für eines der 18 Kinder steht, die Queen Anne im Laufe von 17 Jahren zur Welt gebracht und wieder verloren hat. Nicht weniger als elf von ihnen wurden bereits tot geboren. Und so hoppelt auch die tägliche Erinnerung an das private Grauen durch die Palastgemächer.

Die letzte Stuart

Queen Anne ist heute ein bisschen vergessen. Sie regierte im frühen 18.Jahrhundert, von 1702 bis 1714. Sie war die Letzte des Hauses Stuart und stand im Schatten des Franzosenkönigs Ludwig XIV., aber auch ihres bedeutendsten Feldherren, des Duke of Marlborough.

Ihre Freundin und Vertraute Lady Sarah Churchill (Rachel Weisz) kümmert sich um die kranke Königin und erträgt deren impulsives Gemüt. (Foto: Fox Film -)
Ihre Freundin und Vertraute Lady Sarah Churchill (Rachel Weisz) kümmert sich um die kranke Königin (Olivia Colman) und erträgt deren impulsives Gemüt. Fox Film -

Die inoffizielle Premierministerin

Dessen Frau Sarah ist, derweil der Gatte in der Ferne Schlachten schlägt, die wichtigste Hofdame der Königin. Eine Art inoffizielle Premierministerin, die von allen für die wahre Regentin gehalten wird.

Nicht ganz zu Recht, denn zumindest in diesem Film ist ihre Stellung von Anfang an prekär, immer bedroht durch Hof-Intrigen und die Launen der Königin.

Kinostart 24.01. The Favourite von Yorgos Lanthimos

Das frühe 18. Jahrhundert: England befindet sich im Krieg mit Frankreich und die gebrechliche Königin Anne (Olivia Colman) tut sich schwer, ihre Thronpflichten zu erfüllen. (Foto: Fox Film -)
Das frühe 18. Jahrhundert: England befindet sich im Krieg mit Frankreich und die gebrechliche Königin Anne (Olivia Colman) tut sich schwer, ihre Thronpflichten zu erfüllen. Fox Film - Bild in Detailansicht öffnen
Ihre Freundin und Vertraute Lady Sarah Churchill (Rachel Weisz) kümmert sich um die kranke Königin und erträgt deren impulsives Gemüt. Fox Film - Bild in Detailansicht öffnen
Ebenso kümmert sich Lady Sarah um die Regierungeschäfte der Monarchin. Fox Film - Bild in Detailansicht öffnen
Zur gleichen Zeit tritt eine neue Dienerin ihren Dienst am Hof an: die junge Abigail Masham (Emma Stone), die ihren Adelstatus verlor, kann bald schon die Aufmerksamkeit von Lady Sarah erregen. Fox Film - Bild in Detailansicht öffnen
Abigail erkennt, dass sie mit ihrem Charme möglicherweise zu ihren aristokratischen Wurzeln zurückkehren könnte. Fox Film - Bild in Detailansicht öffnen
Als Lady Sarah immer mehr vom Krieg in Beschlag genommen wird, nutzt Abigail die Gelegenheit und versucht, die Gunst der Königin zu erlangen. Ihr Ziel ist es, Lady Sarah den Rang als Vertraute abzulaufen. Fox Film - Bild in Detailansicht öffnen

Die heimliche Schwäche der Queen

Gespielt wird sie hier von Rachel Weisz als so kalte wie leidenschaftliche Machtpolitikerin, die zugleich die heimliche Liebhaberin der Königin ist.

Diese Liebe zu Frauen ist die eigentliche schwache Seite der Queen. Olivia Colman spielt diese depressive, launische, mental und körperlich zerquälte Königin im Schlachtfeld der Liebe mit Verve.

Energiegeladener Film

Verve, Energie, ist überhaupt das prägende Merkmal dieses großartigen Films. Die kraftvollste Bewegung kommt von der jungen Abigail, gespielt von Emma Stone.

Lady Sarah hält ihre ferne Verwandte für Wachs in ihren Händen und verhilft ihr arglos zum Aufstieg. Doch die bedient bald ähnlich geschickt die Klaviatur der höfischen Machtausübung. Und so erwächst Sarah in Abigail eine ebenbürtige Konkurrentin um die königliche Gunst.

Abigail erkennt, dass sie mit ihrem Charme möglicherweise zu ihren aristokratischen Wurzeln zurückkehren könnte. (Foto: Fox Film -)
Abigail (Emma Stone) Fox Film -

Weiblicher Dreikampf

Es wird ein weiblicher Dreikampf. "The Favourite", dessen Titel sich auf beide Hofdamen münzen lässt, ist eine subtile, facettenreiche Studie über weibliche Macht zwischen Furcht und Eigennutz, über die Tricks und Täuschungsmanöver des nur vermeintlich schwächeren Geschlechts.

Monarchie ist "in"

Es ist eine Frage für sich, warum das Thema Monarchie im Kino gerade wieder so "in" ist. Aber "The Favourite" ist anders als die Serie "The Crown", als "Victoria" oder "The Queen" anders auch als die zwei Filme, in denen Cate Blanchet als "Elisabeth" zu sehen ist, anders als gerade wieder "Maria Stuart". Der Film ist abgründiger, abstruser, faszinierender.

Hier geht es nicht um zeitgeistiges "Empowerment" und über "#MeToo" würden die drei Figuren im Film gewiss nur lachen. Aber dies ist auch kein zynisches "House of Cards" in historischem Setting.

Belustigter und distanzierter Blick auf das 18. Jahrhundert

Der Grieche Yorgos Lanthimos zeigt die Realität des Matriarchats, zeigt Frauen, die Macht haben, empathisch, aber so wie alle Mächtigen sind: amoralisch, als wölfischen Überlebenskampf.

Sein Blick auf die Epoche ist belustigt und distanziert. Lanthimos modernisiert den Barock ins Ironisch-Absurdistische und erinnert darin an Sofia Coppolas "Marie Antoinette".

Witziger und boshafter Film

Wie immer bei Lanthimos ist dies ein sehr witziger, zugleich abgründig boshafter Film. Wer einen Moment zum Nachdenken kommt, nachdem er laut gelacht hat, wird sich mindestens wundern. "Wicked" hat eine US-Kritikerin den Film genannt, "verdreht, schräg und boshaft" also. Das trifft es ganz gut.

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