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Als zur letzten Berlinale eine Netflix-Serie von Damien Chazelle, dem preisgekrönten Autor und Regisseur des Musical-Films „La La Land“ angekündigt wurde, erwarteten viele eine Art Fortsetzung der Erfolgsformel. Zumal im Mittelpunkt der Serie wie im Film ein Jazzpianist steht — der allerdings nicht in Los Angeles, sondern in Paris lebt. Aber „The Eddy“ ist kein Musical geworden und auch keine romantische Komödie.

Dauer
Sendedatum
Sendezeit
6:00 Uhr
Sender
SWR2

Pariser Jazz-Club mit Hinterhof-Charme

„The Eddy“ ist ein kleiner Jazzclub in einem Pariser Außenbezirk. Das Publikum ist bunt gemischt, bodenständig. Keine Möchtegern-Montmartre-Bohème. Stattdessen Hinterhofatmosphäre.

Besitzer Elliot (Andre Holland), ist ein ehemaliger Jazzstar, will aber seit dem Tod seines Sohnes nicht mehr selbst auf die Bühne. Stattdessen steckt er seine Ambitionen in den Club. Und in eine Band, die ausgerechnet an dem Abend als ein Plattenmanager vorbeikommt, nicht ihren stärksten Auftritt hat.

Serie „The Eddy“ von Damien Chazelle

Netflix-Serie "The Eddy" von Damien Chazelle (Foto: Pressestelle, Netflix Media Center / Lou Faulon)
Elliot Udo (André Holland) galt in New York als gefeierter Jazz-Pianist. Doch das Leben führte ihn nach Paris. Pressestelle Netflix Media Center / Lou Faulon Bild in Detailansicht öffnen
Dort ist Elliot Mitbesitzer des angeschlagenen Jazz-Clubs "The Eddy", der ums Überleben kämpft. Pressestelle Netflix Media Center / Lou Faulon Bild in Detailansicht öffnen
Allen voran ist Elliot für die Betreuung der Hausband zuständig. Deren Leadsängerin Maya (Joanna Kulig) träumt von der ganz großen Karriere. Pressestelle Netflix Media Center / Lou Faulon Bild in Detailansicht öffnen
Elliot und Maya führen seit langem eine On-Off-Beziehung, was die Zusammenarbeit im Club nicht immer einfach macht. Pressestelle Netflix Media Center / Lou Faulon Bild in Detailansicht öffnen
Elliots Sorgen werden noch größer, als er herausfindet, dass Miteigentümer Farid (Tahar Rahim) in undurchsichtige Machenschaften verstrickt ist. Pressestelle Netflix Media Center / Lou Faulon Bild in Detailansicht öffnen
Auch Farids Frau Amira (Leila Bekhti) scheint bei den fragwürdigen Geschäftspraktiken ihres Mannes die Finger im Spiel zu haben. Pressestelle Netflix Media Center / Lou Faulon Bild in Detailansicht öffnen
Als sich dann noch Elliots in Amerika lebende Tochter Julie (Amandla Stenberg) für einen Besuch anmeldet, scheint das Chaos perfekt. Pressestelle Netflix Media Center / Lou Faulon Bild in Detailansicht öffnen

Probleme über Probleme

Elliots Kompagnon Farid (Tahar Rahim) ist der lebenslustige Gegenpart zum grüblerischen New Yorker in Paris. Als aber die serbische Drogenmafia anklopft ist der Spaß bald vorbei. Dazu kommt, dass Elliots Tochter Julie (Amandla Stenberg) aus New York anreist und das Leben ihres Vaters nicht gerade unkomplizierter macht.

Damien Chazelle feiert Jazz als Lebensgefühl

Mag sein, dass die Story in den Folgen, die man im Vorfeld sehen konnte, lückenhaft gestrickt ist, die Charaktere nicht ganz so ausgefeilt daherkommen. Aber Damian Chazelles Serie „The Eddy“ lebt von dem Raum, den sie der Musik lässt: sie verkleinert den Jazz nicht zur Milieustudie, sondern feiert ihn — als Lebensgefühl, das aus dem Bewusstsein der Lebensgefahr erwächst, bei dem die Musik zur Basis der Beziehungen wird und zum wichtigsten Kommunikationsmittel.

Die Serie geht zurück auf eine Idee von Musikproduzent Glen Ballard. Er hat vorher Hits für Michael Jackson oder Alanis Morrissette geschrieben. Mit der Musik für „The Eddy“ wollte er den Jazz als lebendige, nicht perfekt gestylte, sondern unmittelbare, menschlich-künstlerische Erfahrung vermitteln.

Authentische Musik

Sämtliche Musik, die erklingt wurde live gespielt, die Band-Musiker, allesamt professionelle Jazzer, haben vorher noch nie vor der Kamera gestanden. Hollywoodstar Joana Kulig, die die polnische Sängerin Maya spielt ist die Ausnahme, aber auch sie ist von Haus ausgebildete Sängerin.

Natürlich hat Damian Chazelle der Serie als Autor und Regisseur seine Handschrift verpasst: Auffällig hat er sich an Vorbildern der Nouvelle Vague orientiert, Godard oder Truffaut lassen grüßen. Die Bilder wackeln, scheinen grobkörnig, fast dokumentarisch. Von Paris, der ehemaligen europäischen Jazzmetropole, sieht man keine Postkartenmotive, eher Einwanderer- und Büroalltagsszenen, schmucklose Hochhausszenerie.

Ein Plädoyer für Jazz als systemrelevante Kultur

Es liegt eine besondere Tragik darin, dass „The Eddy“ nun in Corona-Zeiten ein Gemeinschaftserlebnis beschwört, dass es so möglicherweise sehr lange nicht mehr geben wird und gerade kleine Clubs unverschuldet daran zu Grunde gehen.

Vielleicht sendet die Serie aber gerade deshalb wichtige Signale: Jazz ist die Kunst des Improvisierens, der Vielsprachigkeit und des Zusammenhalts. Dafür könnte man schon auch einen Rettungsschirm aufspannen.

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