Film

The Billion Dollar Code: Netflix-Serie von Robert Thalheim

STAND
AUTOR/IN

Deutsche Künstler und Hacker entwickelten schon in den 90er-Jahren einen Vorgänger von „Google Earth“ namens „TerraVision“, doch ihr Startup scheiterte. In der auf historischen Begebenheiten basierenden Netflix-Serie „The Billion Dollar Code“ werfen die Computerpioniere dem Google-Konzern vor, ihre Idee geklaut und als „Google Earth“ auf den Markt gebracht zu haben.

Audio herunterladen (3,2 MB | MP3)

Kunstprojekt vom Chaos Computer Club und Berliner Medienkünstlern

Filmstill: „The Billion Dollar Code“ – Netflix-Serie von Robert Thalheim (Foto: Netflix)
Filmstill: „The Billion Dollar Code“ – Netflix-Serie von Robert Thalheim Netflix

Juri und Carsten hat es nie gegeben – aber was sie erlebt haben, ist einer Gruppe Hackern und Künstlern im Berlin der Nachwendezeit wirklich passiert. Ende der 1980er Jahre hatten sie das Medienkunst-Unternehmen „Art+Com“ gegründet, eine einzigartige Gruppe aus Hackern vom Chaos Computer Club und Medienkünstlern von der Universität der Künste in Berlin. Hier entsteht die Idee eine Erdkugel zu programmieren mit der man virtuell an jeden erdenklichen Ort reisen kann. Ein Kunstprojekt, das unter dem Namen „TerraVision“ und finanziert von der Telekom 1994 auf der internationalen Telekommunikationsmesse in Kyoto präsentiert werden sollte:

„The Billion Dollar Code" – offizieller Trailer:

Absturz in die Realität

Dass Art+Com zu diesem Zeitpunkt nicht wussten, wie ihre virtuelle Weltkugel funktionieren soll, ist eine der haarsträubenden wahren Wendungen, von denen die Miniserie „The Billion Dollar Code“ spannend und unterhaltsam erzählt. Der rasante Aufstieg von „Art+Com“, die Reisen ins Silicon Valley, Anerkennung von Branchen-Ikonen – all das sehen wir in den ersten beiden Folgen. Es folgt: Ein Reality Check, der es in sich hat. Denn kein Geldgeber in Deutschland glaubt daran, dass „TerraVision“ im Internet eine Zukunft hat.

Filmstill: „The Billion Dollar Code“ – Netflix-Serie von Robert Thalheim (Foto: Netflix)
Filmstill: „The Billion Dollar Code“ – Netflix-Serie von Robert Thalheim Netflix

Patentrechtstreit mit Google

Wenige Jahre später ist „Google Earth“ das neue Gesprächsthema – und Art+Com ahnen, dass die Ähnlichkeit zu „TerraVision“ nicht zufällig ist. 2014 sitzen sie dem Internetgiganten schließlich in einem Patentrechtsstreit gegenüber. Dieses Verfahren bildet die Rahmenhandlung der Serie. „The Billion Dollar Code“ zeigt: Die heutige Digitalisierungskrise kommt nicht aus dem Nichts. Aber die Serie macht auch deutlich, wie wichtig der Dialog zwischen Technologie und Kunst ist, Innovation, die nur von Wirtschaftsinteressen getrieben ist, kann die Welt nicht bewegen.

Filmstill (Foto: Netflix)
Showdown vor Gericht im Patentrechtsstreit mit Google: Carsten Schlüter (Mark Waschke) und Lea Hauswirth (Lavinia Wilson). Netflix

Aufwändig recherchiert und detailversessen umgesetzt

Die Serienschöpfer Oliver Ziegenbalg und Robert Thalheim haben die Geschichte vier Jahre lang aufwändig recherchiert und detailversessen umgesetzt: Kleidung, Musik und Szenenbild sind originalgetreu, die Dialoge aus dem Gerichtsverfahren stammen 1:1 aus den 3000-seitigen Prozessakten. Und es gelingt ihnen die abstrakten Ideen der Programmierer verständlich runterzubrechen – aber trotzdem authentisch zu bleiben.

Dass die Figuren aus heutiger Sicht die Geschehnisse vor Gericht einordnen können, ist ein geschickter dramaturgischer Kniff. Er erlaubt es auch weniger technikaffinen Menschen zu verstehen, warum „TerraVision“ so bahnbrechend war – und wie der Algorithmus dahinter funktioniert.

Zukunftsverweigernde Aussagen großer deutscher Unternehmen

Die Serienschöpfer können so aber auch die Versäumnisse der Vergangenheit – und der Gegenwart – kommentieren. Oft findet man sich gegenüber den naiven und zukunftsverweigernden Aussagen großer deutscher Unternehmen kopfschüttelnd vor dem Bildschirm wieder. „The Billion Dollar Code“ zeigt: Die heutige Digitalisierungskrise kommt nicht aus dem Nichts. Aber die Serie macht auch deutlich, wie wichtig der Dialog zwischen Technologie und Kunst ist - Innovation, die nur von Wirtschaftsinteressen getrieben ist, kann die Welt nicht bewegen.

„The Billion Dollar Code“ von Robert Thalheim ab 7.10. auf Netflix

Film Horrorthriller und Kriegsdrama: „Hinterland“ von Stefan Ruzowitzky

Die Faszination für die 1920er Jahre ist ungebrochen. Auch Oscar-Preisträger Stefan Ruzowitzky hat seinen Film „Hinterland“ in dieser wilden Zeit angesiedelt: Kriegsheimkehrer kommen zurück nach Wien und dort gleich ins Heim für Obdachlose, ein Serienmörder hat es auf sie abgesehen. „Hinterland“ – ein düsteres Genrestück über Kriegsversehrungen – überzeugt vor allem durch die am Computer entworfenen Szenenbilder. Kinostart am 7. Oktober.  mehr...

SWR2 am Morgen SWR2

Film „Titane“ von Cannes-Gewinnerin Julia Ducournau: Verstörend-faszinierendes Kino

„Titane“ von Julia Ducournau nimmt sein Publikum mit auf eine von Anfang an rasante, anstrengende, emotionale Reise. Es geht um eine Serienmörderin, mit der man Mitleid hat. Ein böses Kind wächst zu einer Frau heran, die hat Sex mit einer Stretch-Limousine und wird darauf schwanger. Der Film gewann die Goldene Palme 2021 in Cannes. Kinostart am 7. Oktober 2021.  mehr...

SWR2 am Morgen SWR2

Film Gelungene Abschiebungs- Komödie: „Toubab“ mit Farba Dieng

Statt bleischweres Sozialdrama ist der Debütfilm „Toubab“ von Florian Dietrich eine ziemlich witzige Komödie über die gar nicht leichten Themen Abschiebung und Homophobie. Hauptdarsteller Farba Dieng ist mit dem Film der Sprung vom Laien- zum begehrten Nachwuchsdarsteller gelungen. Für seine Rolle als Babtou hat er den Bayerischen Filmpreis 2021 als bester Nachwuchsdarsteller erhalten.  mehr...

SWR2 am Morgen SWR2

Film „Keine Zeit zu Sterben“ : Daniel Craigs Abschied als James Bond

Dies ist ein Film voller Überraschungen: Für 007 und für seine Zuschauer*innen. Es beginnt gemächlich, fast wie eine Senioren-Soap. Der ehemalige Agent im Geheimdienst Ihrer Majestät hat sich ins Privatleben an einen Traumstrand zurückgezogen. Dann wird er in den Dienst zurückgerufen. Auch wenn die Geschichte um einen biologischen Kampfstoff erwartbar scheint, dieser Bond öffnet den Blick dafür, wie es mit dem Genre weitergehen könnte: schnell und lässig, witzig und voller Ironie.  mehr...

SWR2 am Morgen SWR2

Film „Baghdad in My Shadow“ von Samir: Mosaik der Emigration

Hunderttausenden irakischer Migranten haben in Europa ein neues Zuhause gefunden, darunter der Regisseur Samir, gebürtiger Iraker und längst ein bekannter Schweizer Filmemacher. Er fasst in seinem neuen Film unzählige Schicksale zu einer Handvoll finktionaler Figuren und Geschichten zusammen. Es geht um Identität, die Freiheit der Kunst und den politische Kampf im Londoner Exil.  mehr...

SWR2 am Morgen SWR2

STAND
AUTOR/IN