Tatort-Kritik „Für immer und dich“ - zwischen Liebe und Missbrauch

Von Karsten Umlauf

Der Fall der Maria H. aus Freiburg hat bundesweit Schlagzeilen gemacht. Ein 13-jähriges Mädchen wird vermisst, über fünf Jahre ist sie unterwegs mit einer älteren Internetbekanntschaft. Vor einigen Monaten ist sie nach Hause zurückgekehrt, der Mann wurde später verhaftet. Zu dem Zeitpunkt war der Schwarzwald-Tatort „Für immer und dich“ schon fertig, der am 10.3. in Das Erste läuft.

Eine Mutter, die nicht aufgibt

Eine Mutter behauptet, ihre seit langer Zeit vermisste Tochter Emily vor dem Haus stehen gesehen zu haben. Ist das nun ein Routinefall, den man pflichtschuldig abarbeitet? 

Die Kommissarin Franziska Tobler macht sich dennoch die Mühe, fragt nochmal rum, wertet Videomaterial aus.

Dauer

Liebesbeziehung und Missbrauch

Als Zuschauer weiß man da schon, dass die Frauen hier richtig liegen. Denn seinen eigentlichen Fokus legt der Film auf die Liebesbeziehung, die bei aller Freiwilligkeit auch ein Missbrauchsverhältnis ist zwischen der mittlerweile 15-jährigen Emily und dem Mann Anfang 40, mit dem sie unterwegs ist: Martin.

Zwischen Roadmovie-Romantik und Irritation

Eis schleckend auf dem Autorücksitz, Musik, kurze Erfrischung im Baggersee. Fast weichgezeichnet, mit Gegenlichteffekten pendelt der Film zwischen Roadmovie- Romantik und dem irritierenden Blick auf ein ungleiches Paar voller Angst, entdeckt zu werden. 

Der Plot braucht den Polizeieinsatz

Martin braucht Geld und will deswegen seine Mutter besuchen. Bei einem kurzen Stopp im Wald werden sie von Jugendlichen beklaut. Verfolgungsjagd, tragischer Unfall, Fahrerflucht.

Das braucht der Plot wohl, um die Polizei irgendwie auf die Spur der beiden zu führen. Und, um die verlogene, letztlich verzweifelte Seite dieses Mannes herauszukehren. Was ihn an dem Teenager reizt, dafür hat die Polizei schnelle Erklärungen. 

Die Frage nach dem Warum

Auf die eigentlich zentrale Frage, warum sich das Mädchen überhaupt auf ihn eingelassen hat, warum sie die Enge der Hochhaussiedlung gegen die Enge der totalen Zweisamkeit eintauscht, liefert der Film glücklicherweise nur Andeutungen.

Emily (Meira Durand) im Tatrt "Für immer und dich" (Foto: © SWR/Benoit Linder - © SWR/Benoit Linder)
Martin (Andreas Lust) und Emily (Meira Durand) © SWR/Benoit Linder - © SWR/Benoit Linder

Verlorensein statt Leichtigkeit

Erfahrener Mann statt alleinerziehende Mutter, zügellose Freiheit statt reguliertem Schülerdasein am Existenzminimum, vielleicht. Doch zurück in der Nähe der Heimat scheint das einfache In-den-Tag-Leben immer mehr einem Gefühl der Scham und der Verlorenheit zu weichen.

Die beiden Darsteller Andreas Lust und Meira Durand lassen ihre Figuren offen changieren zwischen väterlich freundschaftlichem Verhältnis und einer ängstlichen Amour fou.

Hervorragende Regieleistung

Noch stärker hervorzuheben ist die Regieleistung von Julia von Heinz, der es gelingt, lolitahafte Schlüpfrigkeit allenfalls anzudeuten, den Figuren aber deutlich näher zu kommen als es beispielsweise der legendäre Tatort „Reifezeugnis“ aus dem Jahr 1977 konnte. Den Krimi deutet sie dabei mit atmosphärischen Bildern zu der zärtlich rauen Musik von Rio Reiser viel stärker als Beziehungsfilm.

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Ein „Frauen-Tatort“ im besten Sinne

Wo knackt es in dem Verhältnis von Erwachsenen und Jugendlichen, in den jeweiligen Sehnsüchten und Bedürfnissen? Und wie reagiert man, wenn alles in die Brüche geht? Mag sein, dass ein Mann einen Tatort nie so gedreht hätte. Das sollte man aber unbedingt als Kompliment auffassen.

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