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Sterben lernen: Gaspar Noés großartiger Film „Vortex“

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Mit „Irreversibel“, einem rückwärts erzählten Vergewaltigungsdrama, wurde der französisch-argentinische Regisseur Gaspar Noé berühmt. Es folgten immer wieder Filme, die das Publikum wegen ihrer provokativen Inhalte und formaler Strenge herausforderten. Sein neuer Film „Vortex“ ist ein für diesen Regisseur erstaunlich leiser und zärtlicher Film über ein altes Ehepaar, das die letzte Phase seines Lebens gemeinsam verbringen möchte.

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„Das Leben ist ein Traum"

Der Film beginnt nahezu betulich auf einer kleinen Dachterrasse, sie gehört zu einer geräumigen Pariser Altbauwohnung. In ihr wird der größte Teil des Films spielen. Auf dieser Terrasse beginnt alles im Abendlicht eines warmen Tages. Zwei alte Menschen machen sich einen schönen gemeinsamen Moment; es gibt etwas zu essen, eine Flasche Cremant wird entkorkt, man prostet einander zu. „Das Leben ist ein Traum, nicht wahr!" sagt sie. Und er antwortet: „Ja. Ein Traum in einem Traum."

Filmstill (Foto: Rapid Eye Film)
Eine Frau (Françoise Lebrun) und ein Mann (Dario Argento), beide um die 80, stoßen auf der Terrasse ihrer großen Pariser Wohnung aufeinander an. Ein schöner Moment. Sie scheinen glücklich zu sein. Rapid Eye Film Bild in Detailansicht öffnen
Doch ihre ruhigen Herbstjahre werden langsam von einer heimtückischen Krankheit zerrissen, durch die sich die Frau, eine ehemalige Psychoanalytikerin, zunächst in den Straßen von Paris und bald auch in ihrem eigenen Kopf verliert. Rapid Eye Film Bild in Detailansicht öffnen
Sie ist nicht die einzige Liebe im Leben ihres beschäftigten Mannes, der an einem Buch über Filme und Träume arbeitet und sich gerne um sie kümmern würde, aber seine Energie ist nicht mehr das, was sie einmal war. Das Ende ihrer Eigenständigkeit ist absehbar. Rapid Eye Film Bild in Detailansicht öffnen
Das Ende ihrer Eigenständigkeit ist absehbar. Ihr Sohn (Alex Lutz) konfrontiert das Ehepaar damit, aber das eigene Heim, voller Bücher und Erinnerungen, können sie unmöglich verlassen. Rapid Eye Film Bild in Detailansicht öffnen
VORTEX zeigt zwei Leben, die nicht mehr synchron laufen. Und so verpasst das Publikum keine Sekunde der filmischen Zeit, in der die Frau und der Mann versuchen, das Alter zu überleben. Rapid Eye Film Bild in Detailansicht öffnen
Der Film wechselt mühelos vom Komischen ins Melodramatische, ist schonungslos und versöhnlich zugleich. Regisseur Gaspar Noé („Climax“) widmet seinen Film all denen, „deren Hirn vor ihrem Herzen zerfällt". Rapid Eye Film Bild in Detailansicht öffnen

Sturz in den Abgrung

Dann dreht sich die Kamera ruckartig von den beiden weg, schwenkt nach links, kommt auf der alten steinernen Brandmauer des Nachbarhauses zum Stehen und kippt kurz nach unten weg. Ein Fall, ein Sturz, ein Taumel. Während dieser Bewegung wird die Musik immer leiser und strahlt nahenden Horror aus.

„Vortex" bedeutet in vielen Sprachen so etwas wie „Abgrund", „Strudel", „starker Wirbel". Gemeint ist damit in jedem Fall das, was uns allen bevorsteht, das, was diese beiden jetzt verschlingt: Der Tod, ein Abgrund in den die beiden zwangsläufig früher oder später hinabgerissen werden.

Zwei Perspektiven, ein Film

Ab jetzt sieht man die gesamte Dauer des Filmes eigentlich zwei Filme in zwei Bildquadrate nebeneinander. Wir verfolgen dabei auch das gemeinsame Leben von zwei alten Menschen. Das ist filmisch für sich schon sehr interessant: Manchmal sieht man den gleichen Raum aus zwei Perspektiven.

Dies ganz ist hervorragendes Kino, das in seiner formalen Strenge und Betonung der Form voller Anspielungen und Zitate ist. „Vortex“ ist ein Film über den Mut des Akzeptierens des Todes. Des eigenen und darüber wie es ist, wenn man dem geliebten Menschen beim Sterben zusieht. Er ermuntert uns auch ganz sachte, uns unserer eigenen Sterblichkeit zu stellen.

Trailer „Vortex“ von Gaspar Noé, ab 28.4. im Kino

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