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Der chinesische Regisseur Diao Yinan, einer der interessantesten seiner Generation, hat einen Noir-Thriller gedreht. Ein grundsätzlicher Fatalismus durchzieht den Film: Die Verhältnisse sind, wie sie sind, die Menschen und ihre Leben sind durchlässig für diese Verhältnisse, denn gegen sie aufbäumen können sie sich nicht. „See der wilden Gänse“ erzählt vieles aus dem China von heute.

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Am Anfang steht das Verbrechen

Der Film startet als Gangster-Geschichte: Die klassische, uralte Geschichte von Rivalität und Verrat, von der Hoffnung auf Befreiung und von ihrer Zerschlagung im Alltag, in der Mühle des Lebens und der Arbeit. Auch das Gangster-Leben ist hier vor allem harte Arbeit – das macht der Film früh klar.

Szene aus "Der See der Wilden Gänse" (Foto: eksystent distribution filmverleih)
Zwischen Gangster Zenong Zhou (Ge Hu) und einer rivalisierenden Bande kommt es in Wuhan zu einer verhängnisvollen Konfrontation, bei der ein Polizist ums Leben kommt. eksystent distribution filmverleih Bild in Detailansicht öffnen
Daraufhin befindet sich der Kriminelle auf der Flucht. eksystent distribution filmverleih Bild in Detailansicht öffnen
Im Katz-und-Maus-Spiel kommen ihm nicht nur die Gesetzeshüter näher. eksystent distribution filmverleih Bild in Detailansicht öffnen
Auch seine ehemaligen Gangmitglieder wollen ihren einstigen Mitstreiter in die Finger bekommen. eksystent distribution filmverleih Bild in Detailansicht öffnen
Unterdessen lernt der Flüchtige eine Frau kennen, die für die Rückerlangung ihrer Freiheit bereit ist, alles aufs Spiel zu setzen. eksystent distribution filmverleih Bild in Detailansicht öffnen
Gemeinsam versuchen die beiden die brenzlige Situation zu bewältigen. eksystent distribution filmverleih Bild in Detailansicht öffnen

Ein Toter auf Urlaub

Die Hauptfigur ist sozusagen ein Manager in diesem Gangster-Betrieb. Ein Anführer, dem aber – weil er seine Mitarbeiter einmal nicht unter Kontrolle hat – ein Fehler unterläuft: Er erschießt einen Polizisten und 300.000 Yuhan werden als Belohnung für seine Festnahme ausgesetzt. Ein Verbrecher aus verlorener Moral, ein Mörder aus Versehen, der eigentlich einer der wenigen „Guten“ in diesem Spiel ist.

Von nun an ist er vogelfrei – eine Art wandelnder Toter, ein Zombie. Es wird ihn eher früher als später erwischen. Seinen Tod schiebt er nur noch auf, um bestimmte Dinge zu Ende zu bringen.

Moderner chinesischer Film Noir

Man kennt solche existentiellen, universalen Stoffe schon aus alten Filmen, aus dem Berlin oder dem Paris oder dem Shanghai der 20er, 30er Jahre, vor allem aber aus dem New York und Chicago der 40er und 50er – aus den berühmten „Film Noirs“, jener amerikanischen „Schwarzen Serie“, die zum Besten gehört, was das Kino in seiner kurzen Geschichte hervorgebracht hat.

Der chinesische Regisseur Diao Yinan hat alle wesentlichen Zutaten des Film Noir in seinem neuen Film zusammengefügt: Das heißt einerseits „hardboiled“, also harte Männer und ruchlose Frauen, femme fatales — in diesem Fall gleich zwei.

Überleben lautet die Devise

Nüchternheit und ein grundsätzlicher Fatalismus durchzieht den Film: Die Verhältnisse sind, wie sie sind — die Menschen und ihre Leben sind durchlässig für diese Verhältnisse, denn gegen sie aufbäumen können sie sich nicht. Sie erwarten nichts über den Tag hinaus vom Leben; das Prinzip Hoffnung haben sie immer schon preisgegeben. Stattdessen gilt das Prinzip Überleben.

Noir heißt schließlich auch: Korruption. Und zwar universale Korruption. Moral nach abstrakten Prinzipien funktioniert hier überhaupt nicht. Stattdessen gefordert ist Pragmatismus und Anpassungsfähigkeit, eine elastische Moral des Existenziellen.

Begeisterndes Kino

„See der wilden Gänse“ ist ein Film des Überlebens und der Todesnähe. Es ist auch ein Film der Schönheit, die darin liegt, aus dieser hässlichen Welt das Beste zu machen. Auch wenn das nicht immer gut genug ist, haben alle Menschen hier große Würde.

„See der wilden Gänse“ erzählt also vieles, auch Unerwartetes aus dem China von heute. Ein spannender Film der Menschlichkeit und Klugheit, der in coolen Neonfarben bis zum Schluß überraschende Wendungen parat hat. Aber nicht nur deshalb, sondern als Filmkunstwerk von großem visuellem Wert und hinreißendem Stil ist dies begeisterndes Kino. Meisterlich, episch, tief und groß.

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