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Der „Tatort“ ist der Dauerbrenner unter den Fernsehkrimis: Vor einem Jahr lief der 1000. Fall und an diesem Wochenende feiert die Reihe ihren 50. Geburtstag. Zum Jubiläum gibt’s eine Doppelfolge, bei der die Teams aus Dortmund und München gemeinsam einen Fall von Mafiakriminalität verfolgen: „In der Familie“ ist auch ein Wiedersehen mit Dominik Graf als Tatort-Regisseur.

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Hin- und Rückspiel zum Jubiläum

Zwei regionale Krimiteams ermitteln gemeinsam - das gab es auch schon beim Polizeiruf und selbst beim Tatort hat es das ein oder andere Gastspiel schon gegeben. Die Doppelfolge zum 50. ermöglicht aber nun, wie es ein beteiligter Redakteur ausgedrückt hat, „ein Hin- und Rückspiel.“

Dortmund gegen Bayern

Der Fußballvergleich ist gar nicht so weit hergeholt. Denn auch im Tatort spielen Dortmund und die Bayern ganz weit oben. Sie haben ihren eigenen Stil, der zwar eine männliche Schlagseite hat, aber immerhin genremäßig nicht zu festgefahren ist.

Und auch das passt zum Fußball: Frisch im Ruhrgebiet angekommen, macht die Münchener Gastmannschaft erstmal auf dicke Hose: Mit einem Haftbefehl für einen Mörder sind Batic und Leitmayr nach Dortmund gereist, aber die Kollegen zieren sich noch etwas.

50 Jahre Tatort - Doppelfolge zum Jubiläum "In der Familie" von Dominik Graf (Foto: ard-foto s2-intern/extern, WDR/Frank Dicks)
Luca (Beniamino Brogi) und Juliane (Antje Traue) Modica betreiben ein kleines Restaurant in Dortmund, das nicht besonders gut läuft. Dennoch hat die Familie immer viel Geld. ard-foto s2-intern/extern WDR/Frank Dicks Bild in Detailansicht öffnen
Regelmäßig kommen Kokain-Lieferungen der 'Ndrangheta, die vor Ort umgeladen werden und die Familie so finanziell absichern. ard-foto s2-intern/extern WDR/Frank Dicks Bild in Detailansicht öffnen
Lucas 17jährige Tochter Sofia (Emma Preisendanz) hat als einzige keine Ahnung, was sich im elterlichen Restaurant abspielt. ard-foto s2-intern/extern WDR/Frank Dicks Bild in Detailansicht öffnen
Mit einer Lieferung taucht plötzlich Pippo Mauro (Emiliano de Martino) in Dortmund auf. Er hat in München einen Mord begangen und die 'Ndrangheta will, dass die Modicas ihn bei sich verstecken. ard-foto s2-intern/extern WDR/Frank Dicks Bild in Detailansicht öffnen
Juliane drängt währenddessen ihren Mann darauf, endlich mit den illegalen Geschäften aufzuhören. ard-foto s2-intern/extern WDR/Frank Dicks Bild in Detailansicht öffnen
Sie ahnt nicht, dass ihr Restaurant längst von den Dortmunder Ermittlern Peter Faber (Jörg Hartmann), Martina Bönisch (Anna Schudt), Nora Dalay (Aylin Tezel) und Jan Pawlak (Rick Okon) observiert wird. ard-foto s2-intern/extern WDR/Frank Dicks Bild in Detailansicht öffnen
Außerdem sind die Komissare Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) aus München angereist, um Mauro für den Mord in München in Rechenschaft zu ziehen. ard-foto s2-intern/extern WDR/Frank Dicks Bild in Detailansicht öffnen
Währenddessen will Pippo Mauro seine Geschäfte nach Dortmund ausweiten. Er trifft sich mit Leuten aus der Untergrundszene und versucht Luca das neue Geschäftsfeld schmackhaft zu machen. ard-foto s2-intern/extern WDR/Frank Dicks Bild in Detailansicht öffnen
Die Dortmunder Ermittler wollen mehr Informationen sammeln, bevor sie im Restaurant der Modicas zuschlagen. Sie hoffen auf die Hilfe von Juliane Modica. ard-foto s2-intern/extern WDR/Frank Dicks Bild in Detailansicht öffnen
Schließlich packt Juliane Modica über die Geschäfte der Familie aus, mit verheerenden Folgen. ard-foto s2-intern/extern WDR/Frank Dicks Bild in Detailansicht öffnen
Vater Luca Modica taucht mit seiner Tochter Sofia und dem Mörder Pippo Mauro in München unter und arbeiten für die Mafia. ard-foto s2-intern/extern WDR/Frank Dicks Bild in Detailansicht öffnen
Schon bald unterlaufen ihnen jedoch fatale Fehler, die die Ermittler auf ihre Spur bringen. ard-foto s2-intern/extern WDR/Frank Dicks Bild in Detailansicht öffnen

Mafia-Mörder im Dienst der Polizei

Der gesuchte Mörder, der Kalabrier Pippo Mauro, soll dem Dortmunder Ermittler Faber noch Dienste erweisen: Faber untersucht das Umfeld einer Pizzeria und will dort einen vermutlich europaweiten Kokainschmuggel aufdecken.

Jörg Hartmann begegnet dem langen Arm der Mafia wieder als Faber mit Parka und gewohnt nöliger Kopf-durch-die-Wand Mentalität. Weil er seine Theorie nicht beweisen kann, geht er zusammen mit Kollegin Dalay ein großes Risiko ein. Die Ehefrau des Pizzabäckers wird unter Druck gesetzt und dann mit Mikrofon und Sender verkabelt.

Dominik Graf vermeidet Sonntagabend-Eskapismus

Der Jubiläumstatort ist für Aylin Tezel als Nora Dalay auch ihr letzter. Und es ist ein echter Knaller zum Schluss. Vor allem der erste Teil geht unter die Haut. Er ist ein Familiendrama, dem Dominik Graf nicht den Hauch von Sonntagabend Eskapismus zugesteht.

Vielmehr überträgt sich die Anspannung der Ermittler sehr direkt. Der Regisseur zeigt sich einmal mehr als großartiger Beobachter des Mafiamilieus.

Gut inszenierte Klischees

Es wird sehr viel italienisch gesprochen, mit Untertiteln. Klischees sind vorhanden, ja, aber sie sind zumindest gut inszeniert. Machotum, schlechter Geschmack gepaart mit schnellem Geld und der bruchlose Übergang von der Pastasoße zur skrupellosen Gewalt - so unerbittlich wie hier hat man das vielleicht zuletzt in der Serie „Gomorrha“ gesehen. Graf und sein Autor Bernd Lange geben jeder Figur Raum zur Entfaltung.

Neues filmisches Niveau

Den Tatort heben sie damit auf ein neues, filmisch anspruchsvolles Niveau. Mit einer Intensität, die einem am Ende des ersten Teils tatsächlich schlechte Laune machen könnte. Deswegen unbedingt auch den zweiten Teil eine Woche später anschauen!

Der spielt dann mehr im Münchener Baumilieu und schwächelt ein wenig bei der Auflösung. Die Verbindung von regionaler Farbe und krimineller Verstrickung gelingt aber auch hier, bei Regisseurin Pia Strietmann, ziemlich gut. Und Faber erweist sich als unberechenbarer Auswärtsspieler.

Verlängerung bitte!

Um nochmal den Fußball zu bemühen: Die Doppelfolge „In der Familie“ spielt nicht auf Unentschieden, sondern geht in die Offensive und ist damit auch krimitaktisch ein starkes Stück. Sie zeigt nicht nur, dass ältere Männer auch irgendwie teamfähig sind. Sondern, wie eine Fernsehinstitution frisch und überraschend bleiben kann. Dafür bitte Verlängerung!

Tatort 50 Jahre Tatort – das letzte fiktionale Fernseh-Lagerfeuer

Seit 50 Jahren gehört er fest zum deutschen Fernsehalltag - der Tatort am Sonntagabend im Ersten. Seit dem „Taxi nach Leipzig" 1970 erreicht der „Tatort", an einem guten Sonntag auch heute noch über 10 Millionen Zuschauer*innen.  mehr...

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