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Sommerkomödie „Freibad“ von Doris Dörrie: Toleranzübungen auf der Liegewiese

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AUTOR/IN
Julia Haungs

Die Freiheit des Einen endet an der Handtuchgrenze des Anderen. In Doris Dörries Sommerkomödie „Freibad“ stoßen Kulturen und Generationen aufeinander. Dörrie inszeniert die Streitigkeiten in Deutschlands einzigem Frauenbad als Spiegel der Gesellschaft.

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Alle Erscheinungsformen des weiblichen Körpers

Ein Schutzraum vor männlichen Blicken soll das Frauenbad eigentlich sein. Doch niemand urteilt wohl gnadenloser über den Körper von Frauen als Frauen selbst. Zu dick, zu dünn, zu alt, zu schlaff, irgendwas ist immer verkehrt.

In Doris Dörries Komödie „Freibad“ gibt es den weiblichen Körper in allen Erscheinungsformen zu sehen: mit sehr viel Haut wie bei den beiden Alt-68ern Eva und Gabi, die als politisches Statement auch gerne mal oben ohne sonnenbaden.

Oder komplett verhüllt im schwarzen Burkini wie bei der jungen Yasemin, die darin selbstbewusst durchs Becken krault, sehr zum Missfallen von Eva, divenhaft gespielt von Andrea Sawatzki. 

Doris Dörries Film „Freibad“ (Foto: ©MathiasBothor 2021)
Eva (Andrea Sawatzki) ist die hitzige Rädelsführerin einer Gruppe deutscher Frauen im Freibad. ©MathiasBothor 2021

Eine gesunde Portion Misstrauen

Wer verteidigt hier welche Freiheit? Das ist eine zentrale Frage in „Freibad“. Eigentlich sind alle Gruppen, die hier aufeinanderstoßen, überzeugt, selbst ziemlich tolerant zu sein. Und doch erregt alles Ärger, was das eigene Weltbild bedroht.

Und so beäugen sich alle Parteien auf der Liegewiese misstrauisch gegenseitig: die Alt-68er-Alphaweibchen und die türkische Großfamilie, die verschleierten arabischen Frauen und das verunsicherte Badepersonal: bis die Anführerin der Vollverschleierten und die schwarze Bademeisterin eine überraschende Gemeinsamkeit feststellen.

Doris Dörries Film „Freibad“ (Foto: ©MathiasBothor 2021)
Als eine Gruppe arabischer Frauen rund um Yasemin (Nilam Farooq) mit Burkinis schwimmen gehen möchte, droht ein Konflikt. ©MathiasBothor 2021

Klischeebeladen und holzschnittartig

In der ersten Hälfte des Films stellt Dörrie ihre Figuren reichlich klischeebeladen und holzschnittartig vor. Sie sind weniger Individuen als Repräsentantinnen einer bestimmten Gruppe in diesem Kampf der Kulturen.

In den Dialogen dekliniert das Autorinnenteam Doris Dörrie, Madeleine Fricke und Karin Kaci alle twittertauglichen Zeitgeist-Diskurse durch: vom Bodyshaming über Identitätspolitik und kulturelle Aneignung bis zur Frage, wer eigentlich als Frau gilt.

Doris Dörries Film „Freibad“ (Foto: ©MathiasBothor 2021)
Letzteres ist für ein Frauenbad tatsächlich keine ganz unwesentliche Frage: Auch hier drohen Konflikte. ©MathiasBothor 2021

Ein Mann wirbelt die Gruppendynamik auf

Ähnlich wie die Frage, was eigentlich mit dem Safe Space Frauenbad passiert, wenn ein männlicher Bademeister auf den Plan tritt.

Das passiert nämlich, nachdem es zu einer -ziemlich klamaukig inszenierten- Massenschlägerei gekommen ist. Der Mann wirbelt die Gruppendynamik auf der Liegewiese nochmal ordentlich durcheinander. Dabei interessiert er sich viel mehr für Meerjungfrauen als für die Avancen der weiblichen Badegäste. 

Doris Dörries Film „Freibad“ (Foto: ©MathiasBothor 2021)
Bademeister Nils wird gespielt von Samuel Schneider. ©MathiasBothor 2021

Buntes Sommerwimmelbild und Spiegel der Gesellschaft

Doris Dörrie inszeniert das Schwimmbad als buntes Sommerwimmelbild und als Spiegel der Gesellschaft mit ihren Empörungsspiralen, dem Mangel an Empathie und gegenseitiger Rücksichtnahme.

Ganz nebenbei räumt sie mit der Idee auf, dass die Welt eine bessere wäre, wenn nur Frauen die Macht hätten. Der Besuch im Freibad wird hier zu einer Übung in Toleranz mit der Moral: wenn alle sich ein bisschen lockermachen, kann Zusammenleben gelingen.

Das mag als Botschaft etwas schlicht sein, in diesen schwierigen Zeiten freut man sich aber über jeden gesellschaftlichen Frieden, und gilt er auch nur im Freibad.

Trailer zu „Freibad“ von Doris Dörrie:

SWR2 Zeitgenossen Doris Dörrie, Film- und Opernregisseurin und Schriftstellerin

Mit ihrem Film "Männer" brachte Doris Dörrie (Jahrgang 1955) 1985 einen völlig neuen Typ der filmischen Komödie auf die Leinwand. Der Film machte sie quasi über Nacht bekannt und trug gleichzeitig zu einem Aufbruch im deutschen Film bei. Doris Dörrie hat sich künstlerisch ständig weiter entwickelt. Dabei sind es vor allem Glückssucher, die in ihren Arbeiten eine wesentliche Rolle spielen. Seit 1987 schreibt sie auch höchst erfolgreiche Romane und sorgt mit unkonventionellen Opern-Inszenierungen für Aufsehen.  mehr...

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Julia Haungs