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„Harriet – Der Weg in die Freiheit“ erzählt die Geschichte von Harriet Tubman, die in den 1840er und 1850er Jahren Sklaven aus den Südstaaten half zu fliehen. Wichtig zur Selbstvergewisserung der Schwarzen in einer rassistischen US-Gesellschaft. „Harriet“ versucht wenig überzeugend den Spagat zwischen politischem Superheld*innen-Film und filmischem Heiligenbild.

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Historischer Film über eine Superheldin

1849 flieht die junge schwarze Frau, die sich später Harriet Tubman nennen wird, von der Plantage in Maryland, auf der sie als Sklavin lebt, nach Pennsylvania. In die Freiheit. Die junge Frau, die ihren Mann und ihre Familie zurück ließ, wird nun immer wieder zurückkehren, ihr Leben riskieren und viele Sklaven retten. 70 an der Zahl, verzeichnen die Geschichtsbücher.

Harriet von Kasi Lemmons (Foto: Pressestelle, Universal Filmstudios)
Maryland, Mitte des 19. Jahrhunderts: Sklavin Minty (Cynthia Erivo) arbeitet auf einer Plantage und träumt von einem besseren Leben für sich und ihre Familie. Pressestelle Universal Filmstudios Bild in Detailansicht öffnen
Doch als Mintys Besitzer Edward Brodess (Mike Marunde) überraschend stirbt, droht alles schlimmer zu kommen. Minty soll von ihrer Familie getrennt und in den Süden verkauft werden. Pressestelle Universal Filmstudios Bild in Detailansicht öffnen
Bevor es überhaupt soweit kommen kann, ergreift Minty die Flucht. Pressestelle Universal Filmstudios Bild in Detailansicht öffnen
Sie schafft es bis zur Anti-Slavery Society nach Pennsylvania, wo sie William Still (Leslie Odom Jr.) kennenlernt und sich fortan Harriet Tubmann nennt. Pressestelle Universal Filmstudios Bild in Detailansicht öffnen
Die Unternehmerin Marie Buchanon (Janelle Monáe) hilft ihr dabei, sich eine eigene Existenz aufzubauen und Fuß zu fassen. Pressestelle Universal Filmstudios Bild in Detailansicht öffnen
Doch Harriet kann ihr neues Leben nicht genießen. Pressestelle Universal Filmstudios Bild in Detailansicht öffnen
Schließlich macht sie sich auf, um ihren Mann John (Zackary Momoh) zu retten, der als Afroamerikaner in Maryland als Freiwild gilt. Pressestelle Universal Filmstudios Bild in Detailansicht öffnen

Der Film erzählt eine mythologische Heldenreise

In der Mythologie gehört es zur Heldenreise, dass der Held oder die Heldin sich mit ihrer neuen Identität und Bestimmung auch einen neuen Namen gibt. Solche eine Heldenreise erzählt Kasi Lemmons Film. Mutig ist Harriet, aber genau das ist das Problem dieses Films.

Die Hauptfigur ist konstruiert aus Wunschvorstellungen

Sie ist „nicht von dieser Welt“, sondern konstruiert aus Wunschvorstellungen, so real Harriet Tubman, 1820 als Araminta Ross in Dorchester County, Maryland, geboren, historisch auch sein mag. Natürlich sind die Unternehmungen der Fluchthelferin lebensgefährlich. Slavenhalter, Marshalls und Denunzianten trachten ihr nach dem Leben, wenn sie zur Rettung ihrer Leidensgenossen zurückkehrt in die südlichen Sklavenhalter-Staaten.

Die Botschaft kommt direkt von Gott

„Gehe ich über die Brücke auf der Flucht vor den Häschern, oder wate ich mit denen, dir mir vertrauen, durch den Fluss?“ Auf solche lebensentscheidenden Fragen bekommt die ehemalige Sklavin während ihrer Unternehmungen eine Antwort direkt von Gott. Sagt sie und erzählt uns der Film.

Wir sehen am nächtlichen Himmel den Mond, die Musik hebt elegisch an. Harriet, gespielt von der britischen Sängerin und Schauspielerin Cynthia Erivo, sinkt auf die Knie, Erinnerungen zucken wie Flashlights durch das Bild, ihr Gesicht verklärt sich und ihre Weggefährten erschaudern. Und dann ist sie da, die Botschaft, und Harriet leitet ihre Schützlinge sicher durch den Fluss in die Freiheit.

Erlöser-Kitsch trifft auf die Realität

Und es kommt, wie es kommen muss: Eine komplexe, widersprüchliche Realität hält solch eine Konstruktion von Erlöser-Kitsch nicht aus. Harriets Vater, der alte Sklave, sitzt beispielsweise abends bei Kerzenschein in seiner Hütte und schnitzt wunderschöne Holzfiguren. Natürlich wird Harriet diese Figur mit ihrem eigen Konterfei auf ihren gefährlichen Befreiungsaktionen bei sich tragen.

Bestialisches System der Sklaverei trifft auf Heiligenbild

Man bekommt in „Harriet“ keine Bilder vom Grauen, vom Horror, von der Barbarei der Sklaverei zu sehen, wie sie uns Steve McQueen 2013 in seinem grandiosen Werk „12 Years a Slave“ zumutete. Vergewaltigungen, Auspeitschungen, Hängen. Das Bestialische des Systems der Sklavenhalter verträgt sich nun eben auf der Leinwand schwer mit dem Erbaulichen eines Heiligenbildes.

Verharmlosung der Sklaverei in einem wenig überzeugenden Film

Die Sklaverei, die Harriet und die anderen erfuhren, erscheint in diesem Film fast harmlos. „Harriet“ ist ein wichtiger Film über eine Epoche der afroamerikanischen Geschichte, aber Heiligenbild, oder um beim zurzeit erfolgreichsten Filmgenre zu bleiben: „Harriet“ von Kensi Lemmons ist ein Superheld*innen-Film im historischen Ambiente. Wichtig zur Selbstvergewisserung der Schwarzen in einer rassistischen US-Gesellschaft. Zu einem überzeugenden Film wird „Harriet“ dadurch nicht.

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