Film

„Drei Etagen“ von Nanni Moretti: Schuld und Sühne im Mehrfamilienhaus

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AUTOR/IN
Julia Haungs

Nanni Moretti ist seit den 1970ern als Regisseur, Drehbuchautor, Schauspieler, Produzent und Verleiher aktiv in der Filmszene Italiens. Sein Film „Drei Etagen“ basiert nun ausnahmsweise nicht auf einem eigenen Drehbuch, sondern auf dem Roman „Über uns“ des israelischen Autors Eshkol Nevo. Die Handlung hat Moretti von Tel Aviv nach Rom verlegt.

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Konflikte hinter der gutbürgerlichen Fassade

Der Film beginnt mit einem Knall. Im Dunkeln rast ein Auto durch eine ruhige Seitenstraße Roms. Es überfährt eine Frau und kracht dann durch die Scheibe ins Erdgeschoss eines Hauses. Der Unfall verbindet die Geschichten der vier Nachbarsfamilien, die in diesem Haus wohnen und legt Konflikte frei, die schon lange hinter der gutbürgerlichen Fassade schwelen.

Filmstill (Foto: Happy Entertainment)
In einem gutbürgerlichen römischen Mehrfamilienhaus leben vier unterschiedliche Familien scheinbar harmonisch zusammen. Dora (Margherita Buy) und ihr Mann Vittorio (Nanni Moretti) sind Richter. Sie leben mit ihrem erwachsenen Sohn Andrea im obersten Stockwerk des Hauses. Happy Entertainment Bild in Detailansicht öffnen
Vittorio zwingt Dora, sich zwischen ihm und ihrem Sohn zu entscheiden. Dora bleibt bei Vittorio, sie erträgt die schmerzliche Trennung von ihrem Sohn. Erst nach Vittorios Tod schlägt sie ihren eigenen Weg ein. Happy Entertainment Bild in Detailansicht öffnen
Im zweiten Stock ist die junge Mutter Monica (Alba Rohrwacher) die meiste Zeit allein mit ihrer kleinen Tochter Beatrice. Ihr Mann ist beruflich viel unterwegs, und Monica lebt in ihrer eigenen Welt zwischen Realität und Fantasie. Happy Entertainment Bild in Detailansicht öffnen
Obwohl sie ein zweites Kind zur Welt bringt, scheint sie sich immer weiter von ihrer Familie zu entfernen. Happy Entertainment Bild in Detailansicht öffnen
Regisseur Nanni Moretti: „In dieser Geschichte beobachten wir die Tendenz zur Isolation...Und doch zeigen uns die einzelnen Episoden, wie sehr wir uns alle danach sehnen, Teil einer Gemeinschaft zu sein. Der Film will uns dazu auffordern, offen zu werden für die Welt außerhalb unserer vier Mauern. Es ist unsere Entscheidung, ob wir uns auf eine dieser drei Etagen zurückzuziehen.“ Happy Entertainment Bild in Detailansicht öffnen

Ein Hauch von Seifenoper

Der Film begleitet die Krisen der Hausgemeinschaft über einen Zeitraum von zehn Jahren. Wie schon in früheren Filmen von Nanni Moretti stehen brüchige Familienbeziehungen im Zentrum der einzelnen Episoden. Jede Familie schleppt einen großen Rucksack an emotionalem Gepäck mit sich herum. Allerdings reicht die Zeit des Films kaum aus, um alle Rucksäcke mit der gebotenen Sorgfalt auszupacken.

Auf den drei Stockwerken ballen sich so viele Dysfunktionalitäten, Ängste und schwerwiegende Lebensentscheidungen, dass man sich streckenweise in einer ungewöhnlich nüchtern inszenierten Seifenoper wähnt. Vor allem die männlichen Figuren stehen sich mit ihrer verbohrten Art selbst im Weg, während die Frauen nach Vermittlung und Versöhnung streben. 

Die politische Ebene lässt Nanni Moretti bei „Drei Etagen“ weg

„Drei Etagen“ ist eine Adaption von Eshkol Nevos Roman „Über uns“. Darin verbindet der Autor die individuellen Schicksale mit Beobachtungen über die israelische Gesellschaft. Nanni Moretti, den oft so politischen Filmemacher, hat diese Ebene offenbar nicht interessiert. Er bleibt ganz im Privaten, allerdings ohne die emotionale Tiefe seines preisgekrönten Eltern-Dramas „Das Zimmer meines Sohnes“ zu erreichen.

Die Themen von Familie, Schuld und persönlicher Verantwortung sind so universell und weit gefasst, dass es fast schon wieder beliebig wirkt. Das versöhnliche Ende mag man diesem düster-nachdenklichen Film nach all den Verletzungen, die die Figuren einander zufügen, jedenfalls kaum noch abnehmen. 

Trailer „Drei Etagen“, ab 17. März 2022 im Kino

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