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Schmerzhafter Heimatfilm „Niemand ist bei den Kälbern“ mit Saskia Rosendahl

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Vor fünf Jahren zeichnete Alina Herbing in ihrem Roman „Niemand ist bei den Kälbern“ das Portrait einer nordostdeutschen Provinz-Generation. Regisseurin Sabrina Sarabi hat das Buch als deutschen Western verfilmt, mit großen Landschaftsbildern. Im Zentrum steht Christin, gespielt von Saskia Rosendahl. Ein erstes Highlight im neuen Kinojahr.

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Schnaps hilft immer in diesem Film

Die Menschen in diesem Film sind wortkarg, sie fressen viel in sich hinein. Die Geschichte erzählen ihre Gesichter. Christin ist eine junge Frau Anfang 20. Ihre Welt liegt irgendwo zwischen Hamburg, Hannover und Berlin. Im Kühlschrank gibt es viel Wurst und auch viel Zitronenlimo. Fast alle im Dorf sind Bauern. Überall ist Frust, überall ist auch latente Aggression, überall gibt es auch eine Flasche Schnaps, die einen über das Schlimmste hinwegtrösten kann.

Filmstill (Foto: Filmwelt Verleih)
Hochsommer in der Mecklenburgischen Provinz. Fünf Häuser, eine Bushaltestelle, Kühe und ringsum nichts als Felder. Christin, 24, (Saskia Rosendahl) lebt auf dem Bauernhof ihres langjährigen Freundes Jan, 25 (Rick Okon). Filmwelt Verleih Bild in Detailansicht öffnen
Die Aufbruchsstimmung der Nachwendejahre, die ihre Kindheit prägten, ist längst dahin und auch in ihrer Beziehung gibt es schon lange keine Liebe mehr. Filmwelt Verleih Bild in Detailansicht öffnen
Christin begleitet ihren Freund Jan (Rick Okon) im Traktor über die Felder des Milchwirtschafts-Hofes. Es ist heiß und drückend, Christin ist genervt, Jan wortkarg wie immer. Filmwelt Verleih Bild in Detailansicht öffnen
Sie treffen auf zwei Techniker aus der Stadt, die Windräder warten. Offenbar gibt es Probleme. Christin will nach Hause, hat einen kurzen Wortwechsel mit einem der beiden Techniker (Godehard Giese). Filmwelt Verleih Bild in Detailansicht öffnen
Als Jan endlich losfahren will, springt der Traktor nicht an. Sommerlich bekleidet, ohne Gepäck, Dokumente oder Geld fährt Christin mit dem Techniker nach Hamburg und trifft ihren Bruder Torsten. Filmwelt Verleih Bild in Detailansicht öffnen
Im Morgengrauen kommt sie wieder im Dorf an. Jan fragt, ob sie ihm denn nichts zu sagen habe. Filmwelt Verleih Bild in Detailansicht öffnen
Später besucht sie ihre Freundin Caro (Elisa Schlott) im Kosmetiksalon. Ob der Typ, der sie in die Stadt mitgenommen habe, scharf sei und was Jan dazu gesagt habe? Filmwelt Verleih Bild in Detailansicht öffnen
Regisseurin Sabrina Sarabi:„Ich habe das Buch so richtig in einem Rutsch runtergelesen und fand es großartig. Diese merkwürdige junge Frau, die sich so absolut bescheuert verhält, aber etwas total Sanftes hat, hat mich sofort gefesselt. Und im Unterschied zu anderen Büchern, die mir gut gefielen, hatte ich hier sofort den ganzen Film vor Augen.“ Filmwelt Verleih Bild in Detailansicht öffnen

Hauptsache weg aus der Tristesse

Saskia Rosendahl gibt dieser scheinbar oberflächlichen Figur Würde, Tiefe und Charme. Man liebt sie schnell, hält zu ihr. Was tut sie den ganzen Tag? Sie macht die Kälber. Sonst nicht viel. Genaugenommen langweilt sie sich unendlich und tröstet sich mit kleinen Fluchten: Der Spontantrip nach Hamburg, der Griff zur Flasche, die anderen Männer, Tagträume. Was Christin vor allem will, ist weg. In Bewegung kommen. Egal wohin. Das hat lange etwas Selbstzerstörerisches. Am Ende schafft sie doch den Absprung, nicht ohne Verluste allerdings.

Erstes Highlight im Kinojahr 2022

Der zweite Film von Sabrina Sarabi ist ein schöner, stimmungsvoller, ungewöhnlicher deutscher Film. Die Regisseurin inszeniert genau und lakonisch, mit viel Sinn für Atmosphäre. So ist ein Heimatfilm aus der Provinz entstanden, schmerzhaft, zerrissen, und gerade darin ein frühes Highlight des neuen Kino-Jahres.

Trailer „Niemand ist bei den Kälbern“ von Sabrina Sarabi

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