Gespräch

Regisseur Christian Petzold erhält den Mannheimer Schillerpreis – „Für mich ist Film immer Gegenwart“

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Der Filmregisseur Christian Petzold, dem der Schillerpreis der Stadt Mannheim verliehen wird, setzt sich in seinen diversen Filmen immer wieder mit der Geschichte Deutschlands auseinander — dennoch sieht er den Schwerpunkt seines Schaffens in der Gegenwart. „Ich versuche immer zu filmen, was aus der Vergangenheit in unsere Zeit hineinragt", sagt Petzold in SWR2.

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Gesellschaftlich relevante Themen auf die Kinoleinwand bringen

Die Jury des Mannheimer Schillerpreises hat ihre Entscheidung damit begründet, dass Petzolds „Werk zu gesellschaftlich relevanten Themen unserer Zeitgeschichte ihn zu einem prägenden Regisseur der deutschen Filmgeschichte macht“. 2020 war die Verleihung wegen der Corona-Pandemie abgesagt worden, nun soll sie am 28.11. nachgeholt werden.

Sein künstlerisches Schaffen sei vor allem beeinflusst durch das sozialdemokratische Jahrzehnt der 1970er Jahre und seine Jugend in Nordrhein-Westfalen, erzählt Petzold: „NRW, zwei Autobahnauffahrten, zersiedeltes Land – dass man dort versucht, in einem zersiedelten Land Erzählungen zu finden, 'ne Jugend zu finden, das hat mich sehr geprägt.“

Inspiration im zersiedelten Nachkriegs-Niemandsland

Man sei gezwungen, in der „Autobahnhässlichkeit“ und den durch hässliche Fußgängerzonen zerstörten Innenstädten etwas Schönes zu finden — diese, entweder mit „Jugendaugen“ oder später mit der Filmkamera, zu verzaubern, beschreibt der Regisseur seine Inspiration: „Wenn man das hat, ist es wunderbar.“

Was den Namenspatron des im Mannheimer Nationaltheater verliehenen Preises angeht, muss Christian Petzold etwas passen: „Als ich erfahren habe, dass ich den Preis gewinne, hab ich zu einem Freund erstmal gesagt, 'ich habe fast alles von Goethe gelesen, aber nichts von Schiller...'“

Theater und Kino sind unterschiedlich

Petzold selbst hat zwar schon Theater inszeniert, aber grundsätzlich sei es ein großes Missverständnis in Deutschland, dass man glaube, Theater und Film wären sehr ähnlich, meint der Regisseur: „Ich glaube, es gibt nichts, was unterschiedlicher ist.“ Zu den Filmen von Christian Petzold gehören unter anderem „Die innere Sicherheit“, „Yella“, „Jerichow“, „Transit“ und „Undine“.

Ihm läge zwar der Ensemble-Gedanke nahe, den auch andere Regisseure wie Fassbender, Rosselini oder Hitchcock auch verfolgt hätten, doch im Gegensatz zum Theater befände sich das „Kino zwischen den Menschen, es hat keine Rampe.“

Filmgeschichte Hundert Werke der Filmgeschichte neu entdecken — das digitale Vermittlungsprojekt „Rhizom“

Filmanfänge sind wie ein Brennglas: In den ersten fünf Minuten werden Schauplätze, Figuren, Stimmung und Motive eingeführt. Deswegen hat das Frankfurter Filmmuseum ein neues Vermittlungsprojekt entwickelt: „Rhizom-Filmgeschichte". Filmanfänge unterschiedlicher Entstehungszeit lassen sich durch Querverweise direkt miteinander vergleichen. Viele namhafte Regisseur:innen fehlen noch, aber das Projekt befindet sich erst am Anfang. Macht insgesamt Lust darauf, im Filmerbe zu stöbern.  mehr...

SWR2 Journal am Mittag SWR2

Gespräch Saša Stanišić erhält den Schiller-Preis der Stadt Marbach - Von Schiller schon als Schüler fasziniert

Als der Schriftsteller Saša Stanišić mit seiner Familie als Kriegsflüchtling aus dem ehemaligen Jugoslawien nach Heidelberg kam, sprach er kein Wort Deutsch, erinnert sich sein früherer Deutschlehrer Werner Nickisch. In einer Vorbereitungsklasse der Internationalen Gesamtschule in Heidelberg habe Stanišić damals Deutsch gelernt, Mitte der 90er Jahre. Rasend schnell sei das gegangen, erinnert sich Nickisch in SWR2. Auch für Schiller habe sich Stanišić schon als 15-jähriger interessiert. Und er könne sich vorstellen, dass der Dichter auch ein Vorbild für Stanišić auf der eigenen schriftstellerischen Suche gewesen sei. Von der Stadt Marbach am Neckar wird Saša Stanišić mit dem alle zwei Jahre verliehenen Schillerpreis geehrt.
Im Gespräch mit SWR2 bewertet der Lehrer seinen Anteil an der Entwicklung von Saša Stanišić mit großer Zurückhaltung. Er könne sich nicht mehr erinnern, welche Stoffe er mit der Klasse damals durchgenommen habe, sagt Werner Nickisch. Saša Stanišić habe ihn aber enorm beeindruckt, weil er innerhalb eines Jahres nahezu fehlerfrei Deutsch gesprochen habe. Als Lehrer habe er versucht, den Mut und Freiheitsdrang von Friedrich Schiller in den Mittelpunkt des Unterrichts zu rücken. Gerade in der polarisierten Welt der Gegenwart sei der unbedingte Wille zur Wahrheit und zur Freiheit vorbildhaft, findet Nickisch. Für Jugendliche könne das ein guter Impuls sein, wahrhaftig und ehrlich sein zu wollen. Schiller lasse sich in die heutige Sprache übersetzen. Und auch Saša Stanišić sei fasziniert davon gewesen, die Traditionen der Sprachentwicklung zu verstehen.  mehr...

SWR2 am Morgen SWR2

Zeitwort 9.11.1959: Friedrich Dürrenmatt wird mit dem Schillerpreis ausgezeichnet

Zur Erinnerung an Friedrich Schiller in Mannheim stiftet die Stadt seit 1954 den Schillerpreis. Zum Skandal kam es 1959, als Friedrich Dürrenmatt geehrt werden sollte.  mehr...

SWR2 Zeitwort SWR2

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