Dokumentarfilm

„Rottet die Bestien aus“: Raoul Peck zeigt die Gewaltgeschichte des Kolonialismus

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Europäische Gesellschaften basieren auf nackter Gewalt. Das zeigt eindrücklich der neue Dokumentarfilm des haitianischen Filmemachers Raoul Peck. Die vierteilige Reihe „Rottet die Bestien aus“ nimmt die Folgen der europäischen Kolonisierung Afrikas und Amerikas in den Blick.

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Keine historische Lehrstunde im klassischen Sinne

„Rottet die Bestien aus“ — „Exterminate the brutes“: Aus der Wende zum 20. Jahrhundert stammt dieser Satz aus der Erzählung „Herz der Finsternis“ des polnisch-britischen Schriftstellers Joseph Conrad. Dieser Satz von Kurtz, der Hauptfigur von Conrads Buch, artikuliert den zivilisatorischen Auftrag des weißen Mannes unter den Wilden Afrikas.

Er erzählt nichts von Europa als Wiege von Humanismus, Demokratie und Gemeinwohl. Er sagt nichts über irgendetwas, auf das man zu recht stolz sein könnte. Er drückt schlicht die Wahrheit aus, die wir lieber vergessen.

Raoul Peck hat sich eine Geschichte der westlichen Welt vorgenommen. Erzählt aus der Perspektive der Versklavten, Vertriebenen, Gedemütigten, Ermordeten. „Rottet die Bestien aus“ ist keine historische Lehrstunde im klassischen Sinne mit einer linearen Abfolge der Ereignisse von Anfang bis Ende.

Ursünde der USA und logische Folge der europäischen Expansion

Peck parallelisiert, vergleicht und überblendet die europäische Kolonisierung Afrikas, den deutschen Faschismus und die Vernichtung der amerikanischen Ureinwohner. In Kalifornien war die Jagd auf Indianer erlaubt und profitabel. 5 Dollar pro Kopf, 50 Cent pro Skalp. Allein 1854 bezahlte die Bundesregierung Indianerjägern mehr als eine Million Dollar.

Raoul Peck (Foto: imago images, IMAGO / Eibner)
Nach dem oscarnominierten Dokumentarfilm „I Am Not Your Negro“ folgt mit „Rottet die Bestien aus“ ein Filmessay quer durch 600 Jahre Geschichte von Regisseur Raoul Peck. IMAGO / Eibner

Der Völkermord an den Indigenen Nordamerikas ist für Peck Ursünde der USA und logische Folge der europäischen Expansion. Immer wieder umkreist er zentrale Momente dieser Geschichte wie das Massaker am Wounded Knee oder die Deportation in die Reservate – und verweist auf die Folgen dieser Gewalt für die amerikanische Gesellschaft bis heute.

Überraschende und eindrückliche Momente

Viele Nachfahren dieser Siedler stehen bei den Pro-Waffen-Aktivisten an der vordersten Front. Tatsache jedoch ist, dass der zweite Zusatzartikel genau das bezweckte — den Siedlern das Recht gab, Indigene zu töten und Sklaven zu beherrschen.

Nicht zuletzt ist dies auch eine Dokumentation über das Filmemachen selbst, über die Bilder, in denen wir unsere Geschichte denken. Die collagenartige Erzählweise spiegelt sich in den schnell wechselnden, unkommentierten Bildern. Auf dokumentarische Aufnahmen aus Auschwitz folgen Spielszenen, die an der amerikanischen Frontier oder im Kongo angesiedelt sind. Zu animierten Zeichnungen kommen private Aufnahmen der Familie des Regisseurs, Szenen aus Hollywoodfilmen oder Nachrichtenbilder aus den USA oder Deutschland.

Peck legt die verschiedenen Ausformungen von Völkermord und Ausrottung nebeneinander. Das hinterlässt überraschende und eindrückliche Momente. Zum Beispiel, wenn die Bilder und Namen moderner amerikanischer Kampfhubschrauber eingeblendet werden – alle benannt nach ausgerotteten und vertriebenen indigenen Völkern.

Keine geschichtswissenschaftliche Auseinandersetzung

Der hitzig geführten Debatte um Parallelen von Kolonialismus und Holocaust wird die Reihe mit ihren zu knappen Vergleichen allerdings nicht gerecht. Doch der Schritt vom Massenmord zum Genozid erfolgte erst, als der traditionelle Antisemitismus auf die Tradition des Genozids traf, die sich während der europäischen Expansion in Amerika, Afrika und Australien entwickelt hatte.

„Rottet die Bestien aus“ ist keine geschichtswissenschaftliche Auseinandersetzung mit Kolonialismus und Völkermord — will das aber auch gar nicht sein. Die Dokumentation zeigt stattdessen mit unverstelltem Blick, wie sehr europäische Gesellschaften auf nackter Gewalt beruhen.

Die Dokumentation ist bis zum 31.5.2022 in der ARTE-Mediathek verfügbar.

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Er habe keine Sorge, dass das Museum zukünftig leer sein werden, denn man arbeite sehr eng mit den Herkunftsländern zusammen und habe inzwischen auch schon eine Reihe von Objekten zurückgegeben. Auch im Zusammenhang mit den Benin-Bronzen sei man in engem Kontakt mit den Kollegen in Nigeria und auch da werde es substanzielle Rückgaben geben. „Wir werden natürlich mit den Kollegen sprechen, was muss zurück, was kann zurück und wie können wir dieses Wissen teilen," sagt Koch.
Ganz klar sei für ihn, dass in der Frage der Rückgabe nicht die Politik das Sagen habe, sondern die Herkunftskulturen über den Verbleib ihrer Objekte entscheiden müssten. „Nicht wir entscheiden, was wir zurückgeben, sondern es muss in dem Zusammenhang sein, dass wir nicht über jemanden reden, ohne sie einzubeziehen," sagt Koch.
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