Kino

„Bones and all“ – Zärtlicher Kannibalenfilm von Luca Guadagnigno

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AUTOR/IN
Rüdiger Suchsland

Eine junge Frau namens Maren Yearly begibt sich auf eine Reise quer durch die USA, um ihre Mutter zu suchen, die sie nie kennengelernt hat. Sie hat dafür einen besonderen Grund: Sie will verstehen, warum sie das Bedürfnis verspürt, alle Menschen zu töten und zu essen, die sie liebt.

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Scheinbar ein stilsicheres US-Highschooldrama - doch dann passiert etwas Atemberaubendes

Magische Momente im Kino: Gerade hat man es sich wohlig eingerichtet in einem stilsicheren US-Highschooldrama, in dem zu guter 80er-Jahre-Pop und Ambient-Tonteppichen schöne junge Menschen schöne, wenn auch etwas banale Dinge tun und man einem Mädchen wohl zwei Stunden dabei zuschauen wird, wie sie gegen gewisse Widerstände erwachen werden wird. Doch dann passiert auf der Leinwand etwas Atemberaubendes.

Am späten Abend ist die 17-jährige Maren zuhause ausgebüxt, aus dem Fenster geklettert, um ihre Freundinnen zu treffen. Dort reden sie über Klamotten, Lippenstift, Nagellack. Maren kuschelt mit ihrer Gastgeberin auf dem Boden, schaut ihr Gegenüber noch zärtlich an, sie könnten sich gleich küssen, erotische Zweideutigkeit liegt jedenfalls in der Luft, erst recht als Maren den Mittelfinger ihrer Freundin sinnlich lutscht und in den Mund nimmt. Dann beißt sie zu! Und vom Finger bleiben nur noch die nackten Knochen übrig!

Freundliche Wesen mit normalen Problemen entpuppen sich als Kannibalen

Ein unglaublich starker Kinoaugenblick! Und der Auftakt zu einem Kannibalenfilm, in dem die Welt der Menschen, jedenfalls in den USA, von diesen "Essern" durchsetzt ist, die sich untereinander erkennen, ansonsten aber unerkannt bleiben. Es sind freundliche Wesen mit normalen Problemen, die sich auch von Obst oder Hühnchenfleisch ernähren, bis sie in regelmäßigen Abständen der unkontrollierbare Heißhunger nach dem "Anderen" wie ein Trieb überfällt. ,,Bones and all" heißt dieser Film des Italieners Luca Guadagnino

Maren, ein schwarzes Mädchen, ist still, sie hat kaum Erinnerungen an ihre Mutter, sie wohnt in einem Wohnwagen in einem Trailerpark, ist also auch ökonomisch eine Außenseiterin. Irgendwann ist der Vater weg. Er hat es nicht mehr ausgehalten mit der zunehmend monströser werdenden Tochter. Aber er lässt ihr eine Kassette da, die er besprochen hat. Das Ganze spielt in den 1980er-Jahren: Es gibt Walkman, es gibt keine Mobiltelefone. Es ist die Zeit von Ronald Reagan.

Trailer des Films:

Zärtlicher Kannibalenfilm mit den stärksten Kinomomenten des Filmjahres

Zugleich ist dies auch ein Roadmovie, der seine Hauptfiguren durch diverse US-Bundesstaaten durch den "Blood Meridian" führt, weil sie ihre Eltern suchen, und sie erstmal den Budweiser-saufenden White Trash und die Hillybillys finden lässt. Dabei ist die Handlung immer wieder unterbrochen von Tagträumen oder Albträumen der Figuren.

Dem Italiener Luca Guadagnino ist das Kunststück eines zärtlichen Kannibalenfilms gelungen, der einige der stärksten Kinoaugenblicke des ganzen Filmjahres bietet.

Die Kannibalen könnten auch Obdachlose oder Drogensüchtige sein

Guadagnino zeigt die Kannibalen sympathisch und voller Gewissensbisse, als sensible Wesen, die Triebtäter sind, aber selber unter ihrem Trieb leiden. Weil der Regisseur eigentlich von Außenseitern erzählt: Es geht um das ganz Andere, um alles, was tatsächlich nicht integrierbar zu sein scheint und unsere Toleranz auf echte Proben stellt: Die jungen ,Esser" könnten genauso gut auch Obdachlose oder Drogensüchtige sein. Es geht um Menschen, die auf andere wie abstoßende Monster wirken, in bürgerliche Zusammenhänge nicht integrierbar sind.

,,Bones and all" ist wunderschönes, über weite Strecken aufregendes Kino: Ein Roadmovie, der die Vorstellung von amerikanischer Freiheit entfaltet, ein Liebesfilm, ein Monsterfilm. Ab 24.11.2022 im Kino.

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