Filmkritik "Rocketman" - Grellbuntes Biopic über Elton John

Von Julia Haungs

In „Rocketman“ geht es um Elton John als exzentrische, britische Pop-Ikone, um seine Entdeckung der eigenen Homosexualität, Aufstieg, Abstieg und Legendenwerdung. Regisseur Dexter Fletcher war auch an dem oscarprämierte Biopic „Bohemian Rhapsody“ über die Rockband „Queen“ und ihren Frontmann Freddie Mercury beteiligt.

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Orangener Engel mit strassbesetzten Teufelshörnern

Was für ein Einstieg! Elton John stiefelt als orangener Engel mit strassbesetzten Teufelshörnern und rosa Herzchen-Brille durch einen Gang hinter der Bühne. Slow Motion. Bombastische Klänge.

Selbsthilfegruppe statt Konzertbühne

Man glaubt, die Apotheose geht ja früh los, da stößt John eine Tür auf und landet nicht auf einer Konzertbühne, sondern in einer Selbsthilfegruppe. Dort lässt sich der Künstler in voller Montur auf einen Klappstuhl fallen, um von seiner verkorksten Kindheit zu sprechen.

Zwischen Musicaleinlage und Therapiesitzung

Kaum hat man sich auf das überraschende Setting eingelassen, geht das Ganze in eine musicalartige Gesangs- und Tanzszene über, die dann wieder in die Therapiegruppe führt.

Letztere bildet den Rahmen für die Erzählung vom Aufstieg des schüchternen Arbeiterkinds Reginald Dwight zum erfolgreichsten Solokünstler der britischen Popgeschichte und dessen Absturz.

Hits und Zusammenbrüche

Denn in den 70er Jahren landet Elton John nicht nur einen Hit nach dem nächsten, auch die Zusammenbrüche reihen sich immer schneller aneinander.

Grund sind Alkohol, Drogen, Tabletten und letztlich die Angst, nicht geliebt zu werden. Weder von den Eltern noch von seinem ersten Liebhaber und langjährigen Manager John Reid.

Kinostart 30.05. Rocketman von Dexter Fletcher

Taron Egerton spielt Popsänger Elton John in "Rocketman". (Foto: Paramount Media -)
Zu Beginn war er nur ein junger Mann mit einem Traum, später wurde er zur Inspiration für Millionen: "Rocketman" erzählt die Geschichte des Popsängers Elton John (Taron Egerton). Paramount Media - Bild in Detailansicht öffnen
Trotz seines Vaters, der immer wieder versuchte, ihm die Musikerkarriere auszureden, ließ Elton John von seinem Traum nicht ab. Paramount Media - Bild in Detailansicht öffnen
Elton Johns großer Aufstieg beginnt, als er Bernie Taupin (Jamie Bell) kennenlernt, der für ihn die Texte schreibt und schnell zu einem engen Vertrauten wird. Paramount Media - Bild in Detailansicht öffnen
Gemeinsam sorgen Elton John und Bernie Taupin für jede Menge Aufmerksamkeit in der Londoner Musikszene und der große Erfolg lässt nicht lange auf sich warten. Paramount Media - Bild in Detailansicht öffnen
Selbst als Elton John in den Charts auf Nummer 1 landet und immer größere Hallen füllt, bleibt die Ängstlichkeit: er ist schüchtern und voller Selbstzweifel. Paramount Media - Bild in Detailansicht öffnen
Davon bekommt jedoch das Publikum selten etwas mit: mit exzentrischen Bühnenoutfits überrascht er immer wieder aufs Neue. Sobald Elton John am Klavier sitzt, ist er in seinem Element. Paramount Media - Bild in Detailansicht öffnen
Regisseur Dexter Fletcher hat Erfahrung mit Musiker-Biopics: Als "Bohemian Rhapsody" kurz vor dem Aus stand, war er es, der dem Film wieder Leben einhauchte - mit Erfolg. Mit "Rocketman" wagt er sich nun an sein erstes eigenes Projekt, bei dem die Musik im Vordergrund steht. picture alliance - Steve Vas/Geisler-Fotopress Bild in Detailansicht öffnen

Entspannter Umgang mit der eigenen Biographie

Elton John hat den Film mit seinem Lebenspartner David Furnish selbst produziert. Er ist dabei offenbar entspannter mit der eigenen Vergangenheit umgegangen als die drei verbliebenen Bandmitglieder von „Queen“. Deren Restriktionen machten „Bohemian Rhapsody“ zu einem öden Film, der weder das Charisma noch die Exzentrik des Ausnahmekünstlers Freddie Mercury einfing.

Leben als grellbuntes Musical

„Rocketman“ dagegen scheut sich nicht, die Exzesse seiner Hauptfigur auch zu zeigen. Dramaturgisch schlägt er interessantere Wege ein, als sich chronologisch von einem Welthit zum nächsten zu hangeln.

Regisseur Dexter Fletcher verwandelt Elton Johns Leben in ein grellbuntes Musical mit groß angelegten Tanzszenen und Fantasie-Elementen, die die Realitätsebene immer wieder durchbrechen.

Taron Egerton als Elton John in "Rocketman". (Foto: Paramount Media -)
Elton John (Taron Egerton) und John Reid (Richard Madden) Paramount Media -

Der Film feiert die schwule Pop-Ikone Elton John

Auch die Realität selbst wirkt ziemlich fantastisch dank der unzähligen extravaganten Bühnenoutfits, die Johns Status als schwule Pop-Ikone visuell manifestierten und die der Film in der Konzertszenen hingebungsvoll zelebriert.

Brillanter Hauptdarsteller Taron Egerton

Hauptdarsteller Taron Egerton macht seine Sache großartig. Den verdrucksten Jüngling nimmt man ihm genauso ab wie das charismatische Bühnentier, das einen ganzen Saal zum Fliegen bringt.

Er singt selbst, was den teils abgenudelten Songs vom „Crocodile Rock“ bis zu „Your Song“ neue Energie verleiht.

Regisseur Dexter Fletcher von "Rocketman" (Foto: picture alliance - Steve Vas/Geisler-Fotopress)
Regisseur Dexter Fletcher picture alliance - Steve Vas/Geisler-Fotopress

Enge Künstlerfreundschaft

Auch die Liedtexte werden im Film gewürdigt und damit zugleich die innige Künstlerfreundschaft zwischen Elton John und seinem langjährigen Schreiber Bernie Taupin.

„Rocketman“ schildert sie als Schicksalsbegegnung zweier Außenseiter, die sofort erkennen, dass sie zusammen gehören. Bei ihrem ersten Treffen ist Taupin erst 17 Jahre alt. John ist 20 und versucht, im Musikbusiness Fuß zu fassen.

„Rocketman“ macht Spaß, bleibt aber an der Oberfläche

„Rocketman“ ist ein Film, der in seiner überbordenden Art Spaß macht. Die Musik und die mitreißende Inszenierung lassen fast vergessen, dass man über den Menschen hinter der Kunstfigur Elton John im Grunde nicht viel erfährt.

Und auch nicht darüber, was es in den 80er Jahren bedeutet hat, sich als schwuler Popstar zu outen.

Elton John behält seine Sonnenbrille auf

Denn trotz aller Absturzszenen geht der Film nie dahin, wo es wirklich weh tut. Man könnte sagen: Elton John behält seine Sonnenbrille auf und lässt sich lieber nicht zu tief in die Augen schauen. Vielleicht wäre das, was man da sieht, dann doch nicht mehr ganz so gut für ein Musical geeignet.

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