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„Rimini“ von Ulrich Seidl: Alles andere als leichte Kost im Wettbewerb der Berlinale

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AUTOR/IN
Julia Haungs

Von Sodomie über Sex- und Safaritourismus bis zu Abgründigem im Keller: Der österreichische Filmemacher Ulrich Seidl ist dafür bekannt, dorthin zu schauen, wo es weh tut. Manche bezeichnen ihn deshalb als zynischen Sozialpornographen, andere feiern seine Spielfilme und Dokumentationen für ihren schonungslosen Realismus. Im Wettbewerb der Berlinale ist Seidl mit „Rimini“ vertreten, alles andere als leichte Kost.

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Schlagerstar Richie Bravo auf dem Weg nach unten

Vermeintliche Urlaubsparadiese haben Ulrich Seidl schon in anderen Filmen angezogen. Dieses Mal also Rimini. Aber nicht die sommerliche Badehochburg mit lebendigem Strand- und Nachtleben. Seidl zeigt den Ort nasskalt und nebelverhangen im Winter: geschlossene Hotels, kaum Touristen, an den Stränden nur obdachlose Flüchtlinge. Ein Ort, der seine beste Zeit ebenso hinter sich hat wie die Hauptfigur des Films: der abgehalfterte Schlagerstar Richie Bravo. In Riminis drittklassigen Hotels tritt er vor österreichischen Rentner-Reisegruppen auf.

 

Filmstill (Foto: Ulrich Seidl Filmproduktion)
Richie Bravo (Michael Thomas), einst ein gefeierter Schlagerstar, jagt im winterlichen Rimini seinem verblichenen Ruhm hinterher. Mit Auftritten vor Bustouristen und Liebesdiensten an weiblichen Fans finanziert er seinen ausschweifenden Lebensstil zwischen Dauerrausch und Spielsucht. Ulrich Seidl Filmproduktion Bild in Detailansicht öffnen
Regisseur Ulrich Seidl über seinen Film: „Rimini handelt von der Suche nach dem Glück und dem Versuch, die Vergangenheit hinter sich zu lassen. Doch sie holt einen ein, das ist die bittere oder befreiende Wahrheit, der sich die Protagonisten am Ende stellen müssen. Es geht um die Sehnsucht nach Liebe, sexuellen Tauschhandel und um die Einsamkeit, die bleibt. All das eingelassen in eine Familiengeschichte, die sich über drei Generationen erstreckt.“ Ulrich Seidl Filmproduktion Bild in Detailansicht öffnen
„Die Rolle des Richie Bravo wurde einzig und allein für den Schauspieler Michael Thomas erfunden. Sie ist ihm – sozusagen - auf den Leib geschrieben“ Ulrich Seidl Filmproduktion Bild in Detailansicht öffnen
Ulrich Seidl über Rimini als Drehort: „Dass meine Wahl auf Rimini gefallen ist, hat zum einem damit zu tun, dass meine Eltern in den Fünfzigerjahren mit uns Kindern nach Rimini gefahren sind, wo wir unseren Badeurlaub verbracht haben. Zum anderen haben wir in Rimini Schauplätze vorgefunden, die für meine visuellen und atmosphärischen Vorstellungen der Geschichte geradezu ideal und äußerst inspirierend gewesen sind.“ Ulrich Seidl Filmproduktion Bild in Detailansicht öffnen

Callboy für ältliche Damen

In den frühen 1990ern muss Bravo ein fescher Herzensbrecher gewesen sein. Heute ist seine Stimme gezeichnet von unzähligen Zigaretten. Der massige Körper zeugt von zu viel Alkohol und wenig Pflege. Um seine Spielsucht zu finanzieren, schläft Bravo neben seinen Auftritten gegen Bezahlung mit älteren Frauen. Einige von ihnen bewundern den Sänger noch immer.

Ulrich Seidl hat mit dem Schauspieler Michael Thomas die Idealbesetzung für seinen schmierigen, aber doch irgendwie auch sympathischen Verlierer gefunden. Thomas performt die eigens für den Film komponierten Schlager mit überzeugender Inbrunst. Vor allem aber spielt er komplett angstfrei und wirkt dabei so authentisch, dass man – wie oft bei Filmen von Ulrich Seidl - streckenweise das Gefühl hat, einer Doku zuzusehen.

 Hoffnungsvolles Ende eines tieftraurigen Films

Schließlich bricht noch eine andere Gegenwart in den Film ein: die Flüchtlinge, die am Strand von Rimini campieren. Bis dahin ist Bravo achtlos an ihnen vorbeigelaufen. Jetzt muss er sich zu ihnen verhalten. Auf den letzten Metern bekommt Seidls Film so eine unerwartete Wendung, die diesem tieftraurigen Film etwas wie eine hoffnungsvolle Note verleiht. Einsam ist Bravo am Ende zumindest nicht mehr. Und Frühling wird es auch endlich.

Der Trailer zu „Rimini“ von Ulrich Seidl:

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