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Regisseur Edgar Reitz wird 90 - Die Neudefinition des Heimatfilms

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AUTOR/IN
Sabine Mahr

Der Heimatfilm hatte in Deutschland jahrzehntelang einen Beigeschmack. Zunächst hatten ihn die Nazis für ihre Blut- und Bodenideologie missbraucht. Später, ab den 1950ern, wurden unter diesem Etikett kitschige Berg-Schmonzetten produziert. Erst Edgar Reitz hat mit seinem Epos „Heimat“ in den 1980ern ein nuanciertes Bild entworfen – und damit einen Meilenstein der deutschen Filmgeschichte produziert. Am 1.11. feiert Edgar Reitz seinen 90. Geburtstag.

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Der 16 Stunden lange Film „Heimat“ wird 1984 zu einem Welterfolg

Schabbach im Hunsrück, 1928. Obwohl Paul schon zehn Jahre zuvor aus dem Krieg in seinen Heimatort zurückgekehrt ist, fühlt er sich dort fremd. Ohne Abschied verlässt er eines Tages seine Frau Maria und seine zwei Söhne, um nach Amerika auszuwandern. Nur seinem Vater, dem Dorfschmied, begegnet er noch auf seinem Weg. 

Liebevoll lakonisch schildert Edgar Reitz in seinem 16 Stunden langem Film „Heimat“ das Familienleben in einem Hunsrückdorf zwischen den zwei Weltkriegen und der Folgezeit – ein Werk, das 1984 zu einem Welterfolg wird.

Deutsche Geschichte wird auf eine neue Art und Weise erzählt

Deutsche Geschichte, gerade die Nazizeit, spiegelt sich im Kleinen auf neue authentische Weise. Für das Drehbuch war Edgar Reitz, damals fast 50, nach einer Schaffenskrise in den Hunsrück zurückgekehrt an den Ort seiner Kindheit, um nach seinen Wurzeln zu suchen.   

„Mein Vater ist nie weggegangen aus seinem Dorf. Aber der Traum steckte in ihm. Ich habe jetzt die Geschichte so erzählt, als könnte die Geschichte ihm zugestehen, was das Leben ihm nicht zugestanden hat.“

Edgar Reitz sieht sich in einer Erzähltradition, die er als „Großvater-Prinzip“ beschreibt

Auch die folgenden Teile des Heimat-Zyklus, insgesamt fast 60 Stunden lang, sind vielfach von Edgar Reitz‘ biografischen Erlebnissen inspiriert. Doch obwohl sie alle das Wort „Chronik“ im Untertitel tragen, ist keiner von ihnen dokumentarisch. Vielmehr handelt es sich um fiktive, aber glaubwürdige Geschichten mit realen Elementen – in einer Erzähltradition, die Edgar Reitz als „Großvater-Prinzip“ beschreibt:  

„Mein Großvater war ein begabter Geschichtenerzähler. Ich hab viel von ihm in mir. Und das habe ich sehr spät entdeckt. In meinem frühen Filmen war ich ja ein Experimentierer, … ein Anti-Erzähler. Ich war immer auf der Suche nach dem Auflösen der Kontinuitäten. Als ich anfing mit „Heimat“, merkte ich, dass ein anderes Talent in mir schlummerte, dieses freie assoziative Erzählen.“

Zeitgenossen Edgar Reitz „Ich habe mich als Pionier gefühlt“

Edgar Reitz sagte mal, dass die Wiederbegegnung mit seiner Heimatlandschaft Hunsrück sein Interesse am Geschichtenerzählen erst so richtig geweckt habe. Seine Jahrhundertchronik über das Hunsrückdorf Schabbach hat Filmgeschichte geschrieben.  mehr...

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Vom avantgardistischen Autorenfilmer zum epischer Erzähler

Tatsächlich nimmt Edgar Reitz‘ Karriere zunächst einen anderen Weg. 1932 in Morbach als Sohn eines Uhrmachers geboren, verlässt er den Hunsrück direkt nach dem Abitur. Als Student in München dreht er erste Kurzfilme und protestiert 1962 mit anderen Jungregisseuren in Oberhausen gegen Papas Kino. Zusammen mit Alexander Kluge leitet er die neue Hochschule für Gestaltung in Ulm, dreht dann avantgardistische Autorenfilme.

Doch der große Erfolg setzt für Edgar Reitz erst in der zweiten Lebenshälfte mit der Heimat-Trilogie ein. Mit 80 Jahren legt er mit dem vierstündigen Auswanderer-Film „Die Andere Heimat“ dann noch einmal eine große Kinoproduktion vor. Jetzt hat er kurz vor seinem 90. Geburtstag ein weiteres episches Werk veröffentlicht: Seine fast 700 Seiten lange Autobiografie.

„Ich hatte am Ende das Gefühl, es ist ähnlich, wie einen großen Film zu machen. Es hat mich wirklich diese zweieinhalb Jahre jeden Tag beschäftigt. Und nicht selten habe ich acht oder zehn Stunden am Schreibtisch verbracht. Da feilt und arbeitet man wirklich wie ein Handwerker, jeden Tag.“  

Beim Schreiben hat Edgar Reitz immer wieder neue Verbindungen entdeckt zwischen seinen Kindheitsprägungen im Hundsrück und seiner eigenen Art Filme zu machen.

Mit seinem Erinnerungsbuch „Filmzeit, Lebenszeit“ hat Edgar Reitz eine Art Heimatchronik über sich selbst geschrieben und damit nicht nur seinen Fans, sondern auch sich selbst ein passendes Geschenk zum runden Geburtstag gemacht.

Literatur „Filmzeit, Lebenszeit“ – Die Autobiografie des großen Filmemachers Edgar Reitz

Edgar Reitz hat mit fast 90 Jahren seine Lebenserinnerungen geschrieben. „Filmzeit, Lebenszeit“ ist mehr als eine Anekdotensammlung geworden, sondern ein detailreicher Rückblick auf prägende Stationen seines Lebens: die Kindheit im Hunsrück, die Autorenfilmerzeit in Ulm und München in den 1960ern und das große „Heimat-Epos“. Das Buch liefert Insider-Wissen, räumt sogar mit kleinen Ungenauigkeiten der offiziellen Filmgeschichte auf, etwa zum Oberhausener Manifest. Insgesamt ist das fast 700-seitige Buch ein episches, eingängiges und persönlich erzähltes Erinnerungsbuch geworden, das nicht nur Fans der „Heimat-Trilogie“ begeistern dürfte.  mehr...

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„Das Oberhausener Manifest hatte damals die Systemfrage gestellt,” sagte Lars Henrik Gass, Leiter der Kurzfilmtage Oberhausen, „es wurde ein neues Ausbildungssystem reklamiert, eine neue Form der Filmförderung und dass man den Film endlich als Kunstform anerkennen möge.” Diese Kritik am herkömmlichen Kino war ein Aufbruch in eine neue Zeit.  mehr...

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