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Rasender Stillstand in Hollywood: Warum Kino-Filme immer mehr wie TV-Serien werden

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Rüdiger Suchsland

Drei Spider-Man und acht größenwahnsinnige Gegenspieler tummeln sich in einem Film, und Peter Parker selbst lametiert bei seiner Freundin über seine Rolle als Superheld. Der „Matrix“-Held Neo hat die drei bisherigen Filme eigentlich nur geträumt und weint sich darüber nun auf der Couch beim Psychoanalytiker aus. Fällt Hollywood eigentlich noch etwas ein? Oder gehen den Studios die Plot-Ideen aus?

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Das neue Kino?

„Serien sind das neue Kino!“ – als der großartige Filmkritiker Michael Althen im Juli 2007 einem Artikel diesen Titel gab, wusste er nicht, was er damit anrichtete.

Der Serien-Boom war noch völlig neu, und Althen – ein des Fremdgehens unverdächtiger Kinofan par excellence – hatte es sicher im Sinne des Kinos gut gemeint. Seitdem wurde der Satz rauf und runter zitiert, vor allem von weniger Gutwilligen, die noch nie viel mit dem Kino anfangen konnten oder im Sold irgendeines Streamingdiensts standen.

Gutes Kino hinterlässt einen bleibenden Eindruck

15 Jahre später haben die Serien im Kalten Krieg mit dem Kino immer mehr Boden gutgemacht — und zumindest ökonomisch aufgeschlossen. In punkto Stil und ästhetische Innovation, Event und Breitenwirkung ist das Kino noch immer Maß aller Dinge.

Ausnahme-Serien können auch das Leben verändern. Aber schon ein halbwegs guter Film, den man im dunklen Raum mit tausend anderen Leuten sieht, hinterlässt einen Eindruck, der Wochen und Monate anhält, wenn nicht sogar Jahre.

Streaming und Fernsehen hat eine große Marktmacht

Doch die Serien schließen auf. Ihre Art, Geschichten zu erzählen und bestimmte dramaturgische Eigenheiten des Serienformats greifen über auf das Kino. Dazu kommen schlichte soziale und ökonomische Fakten:

Das Fernsehen – und auch Streaming-Dienste sind nur eine neue Art von Fernsehsendern – ist ein wichtiger Nachverwerter für Kinofilme und redet deswegen als de-facto-Koproduzent auch inhaltlich mit.

Streaming auch Rettungsinsel des Autorenfilms

Fernsehen hat eine enorme Massenwirkung. Für alle Filmschaffenden ist es attraktiv, zu wissen, dass ihr Film oder ihre Serie von vielen Millionen Menschen in der ganzen Welt gesehen werden wird – selbst wenn diese dabei bügeln, dauernd in die Küche rennen, ihre E-Mails checken, oder einfach zwei Drittel des Films auf der Couch verschlafen.

Schließlich ist zumindest in Hollywood das Serienformat eine Rettungsinsel für Autorenfilmer*innen, denn auch in den großen Kinostudio haben längst die Controller und die Investmentfonds das Sagen.

Wie infiziert das serielle Erzählen des Fernsehens aber nun das Kino künstlerisch?

Zunächst einmal werden auch Kinofilme immer länger. Ob „Dune“ und James Bond, ob „Don't look up“ oder das Remake von „West Side Story“, „Spiderman“ und „Matrix“ sowieso: Man kratzt eher an der Drei-Stunden-Marke, als das es bei gut zwei Stunden bleibt.

Damit zusammen hängt, dass Filme zunehmend das dramatische Erzählen verlernen, das Erzählen in Höhepunkten. Stattdessen Epik allerorten: Und dann und dann und dann...

Jedes Detail wird auserzählt

Jede Nebenfigur und jeder Handlungsstrang soll auserzählt werden — wie in einer Serie, bei der es darum geht, alle Zuschauer*innen bei der Stange zu halten, irgendwie am Abschalten zu hindern.

Auch drehen sich Geschichten zunehmend nicht mehr um Handlungen und Story, sondern um Befindlichkeiten der Figuren – wie fühlt sich James Bond? Hat er vielleicht ein schlechtes Gewissen wegen seiner Klimabilanz?

Wie soll das weitergehen?

Dazu kommt das Erzählen des Erzählens, um den zunehmenden Zwang zur Meta-Erzählung, also darum, die Probleme der Charakterzeichnung und die Unentschiedenheit der Macher*innen selbst in die Story einzubauen. In alldem steckt eine große Ratlosigkeit des Hollywood-Erzählens, die allerdings nicht uninteressant ist.

Man muss sich trotzdem fragen, wie lange das noch so weitergeht? So weitergehen kann? Denn es ist unübersehbar, dass sich Hollywood totläuft, dass den Drehbuchautor*innen nichts mehr einfällt, dass das immer schnellere, immer kompliziertere Erzählen inzwischen durchdreht und in einen rasenden, destruktiven Stillstand mündet.

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