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„Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“: Wie die Mutter den Sohn Murat Kurnaz aus Guantánamo holte

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„Zur falschen Zeit am falschen Ort“ – auf diese läppische Formulierung schrumpften die Vorwürfe gegen Murat Kurnaz zusammen, als dieser 2006 aus dem US-Gefangenenlager Guantánamo entlassen wurde. Fünf Jahre hatten die USA den in Bremen aufgewachsenen jungen Türken dort unschuldig eingesperrt. In „Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“ erzählt Regisseur Andreas Dresen, wie die Mutter von Kurnaz für seine Freilassung kämpfte. Eine warmherzige Geschichte über Gerechtigkeit, Freundschaft und Durchhaltevermögen.

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Mit den Augen einer Mutter

Es ist ein krass ungleiches Kräfteverhältnis, das der Film von Andreas Dresen in den Mittelpunkt stellt: Türkische Hausfrau wehrt sich gegen die Supermacht USA.

Andere Filmemacher würden die Geschichte der Guantanamo-Inhaftierung von Murat Kurnaz vermutlich als Politthriller oder Gerichtsdrama erzählen. Der Humanist Andreas Dresen macht daraus eine zutiefst menschliche Erzählung aus der Perspektive einer Mutter, die einfach nur ihren Sohn zurückhaben will.

 

Filmstill (Foto: Copyright: Pandora Film)
Die Türkin Rabiye Kurnaz (Meltem Kaptan) führt in ihrem Bremer Reihenhaus das einfache Leben einer bescheidenen Hausfrau. Ihr Leben ändert sich jedoch schlagartig, als ihr Sohn Murat kurz nach den Anschlägen vom 11. September 2001 des Terrorismus bezichtigt und ins Gefangenenlager Guantanamo verfrachtet wird. Copyright: Pandora Film

Keiner will den „Bremer Taliban“

„Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“ begleitet den fünf quälende Jahre langen Kampf der Mutter in Form einer Chronologie. Die meiste Zeit wirkt das Unterfangen, Murat Kurnaz freizubekommen, aussichtslos. Und das, obwohl sich der Terrorverdacht gegen ihn schnell zerschlägt.

Doch in den USA fühlt sich zunächst kein Gericht für Guantánamo zuständig. Für die deutsche Öffentlichkeit bleibt der Mann mit dem roten Zottelbart der „Bremer Taliban“, den man lieber nicht wieder im Land haben will.

 

Filmstill: „Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“ von Andreas Dreesen  (Foto: Pandora Film/ Berlinale Presse)
Türkische Hausfrau wehrt sich gegen die Supermacht USA – damit bekommt eine Familientragödie eine weltpolitische Dimension. Bei der 72. Berlinale gewann Meltem Kaptan den Silbernen Bären für die beste schauspielerische Leistung in einer Hauptrolle als Rabiye Kurnaz. Pandora Film/ Berlinale Presse

Konflikt bleibt abstrakt in Schriftstücken

Man merkt dem Film an, wie wütend sein Regisseur über das Unrecht ist, das den Guantánamo-Häftlingen und speziell Murat Kurnaz über Jahre geschehen ist. Von Seiten der US-Regierung, die ihn unschuldig einsperrte und folterte, aber auch von der türkischen und deutschen Politik, die sich die Verantwortung für den in Deutschland aufgewachsenen Türken hin- und herschob.

Woran es dem Film allerdings etwas mangelt, ist der Konflikt. Die Gegner: Die US-Regierung, die Geheimdienste, die deutsche Politik, das alles bleibt abstrakt und ist lediglich in Form von Briefen, Schriftsätzen und Petitionen präsent, an denen sich Docke und Rabiye zwischen Bremen und Washington abarbeiten.  

Filmstill (Foto: Copyright: Pandora Film)
Rabiye Kurnaz (Meltem Kaptan) und der Menschenrechtsanwalt Bernhard Docke (Alexander Scheer) im Flugzeug nach Washinton. Die beiden sind ein ungleiches Duo zwischen dem eine außergewöhnliche Freundschaft entsteht. Copyright: Pandora Film

Alexander Scheer und Meltem Kaptan tragen diesen Film

Dass der Film packend ist, liegt vor allem an den beiden Hauptdarstellern Alexander Scheer als trocken-norddeutscher Rechtsanwalt und Meltem Kaptan als warmherzige Mutter, die man bislang vor allem als Moderatorin und Stand Up-Comedienne kennt.

„Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“ ist eine optimistische Geschichte über Gerechtigkeit, Freundschaft und enormes Durchhaltevermögen. Zugleich wirft der Film ein Schlaglicht auf einen Politskandal, für den sich bis heute kein Verantwortlicher entschuldigt hat.

Trailer „Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“ von Andreas Dresen, ab 28.4. im Kino:

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