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Eine unheimliche Mordserie versetzte Ende der 80er Jahre die niedersächsische Provinz in Angst und Schrecken. Die „Göhrde-Morde“ sind Vorlage für eine ARD-Miniserie, in der Matthias Brandt als hoher LKA-Beamter fast 30 Jahre lang nach seiner vermissten Schwester sucht. Aus einem realen Polizei- und Justizskandal entstand eine eindrucksvolle epische Fernseherzählung.

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Matthias Brandt als LKA-Chef

Eigentlich ist die Geschichte von Thomas Bethge eine totale Erfolgsstory: Ein integrer, ruhiger, intelligenter Polizist wird 1989 mit Mitte 40 LKA- Chef in Hamburg.

Gleichzeitig in Niedersachsen in einem Wald bei Weesenburg: Die junge Ermittlerin Anne Bach hat es gleich an ihrem ersten Tag mit einem Doppelmord zu tun. Und mit einer sehr traditionell männlich geprägten Kollegenschaft. Anne Bach ist eine frühere Studentin von Bethge an der Polizeihochschule. Und bald seine Vertrauensperson.

"Das Geheimnis des Totenwaldes" von Sven Bohse (Foto: ard-foto s2-intern/extern, NDR/ConradFilm, Bavaria Fiction 2020/Christiane Pausch)
Sommer 1989: Im niedersächsischen Iseforst werden kurz nacheinander zwei Liebespaare tot im Wald aufgefunden. ard-foto s2-intern/extern NDR/ConradFilm, Bavaria Fiction 2020/Christiane Pausch Bild in Detailansicht öffnen
Der zweite Doppelmord geschieht dabei unbemerkt quasi vor den Augen der Polizei. ard-foto s2-intern/extern NDR/ConradFilm, Bavaria Fiction 2020/Christiane Pausch Bild in Detailansicht öffnen
Die neue Komissarin Anne Bach (Karoline Schuch) gehört zum Ermittlungsteam bei den Morden, wird jedoch von ihren Kollegen anfangs nicht ernst genommen, obwohl sie die Ermittlungen mit klugen Beobachtungen voranbringt. ard-foto s2-intern/extern NDR/ConradFilm, Bavaria Fiction 2020/Christiane Pausch Bild in Detailansicht öffnen
Gleichzeitig wird in Hamburg Thomas Bethge (Matthias Brandt) zum Chef des LKA befördert. ard-foto s2-intern/extern NDR/ConradFilm, Bavaria Fiction 2020/Christiane Pausch Bild in Detailansicht öffnen
Bethge ist jedoch geplagt von privaten Sorgen: Seine Schwester Barbara (Silke Bodenbender), die am Iseforst lebt, sucht seit der Trennung von ihrem Mann Trost im Alkohol. ard-foto s2-intern/extern NDR/ConradFilm, Bavaria Fiction 2020/Christiane Pausch Bild in Detailansicht öffnen
Als Barbara plötzlich spurlos verschwindet, wirft das mysteriöse Verschwinden für ihren Bruder viele Fragen auf. Er verlangt von den Ermittlern, dass sie das Haus seiner Schwester als Tatort behandeln. ard-foto s2-intern/extern NDR/ConradFilm, Bavaria Fiction 2020/Christiane Pausch Bild in Detailansicht öffnen
Weil er als Hamburger in Niedersachsen nicht ermitteln darf, macht er den Ermittlern Druck. Diese wehren sich jedoch gegen seine Einmischungsversuche. ard-foto s2-intern/extern NDR/ConradFilm, Bavaria Fiction 2020/Christiane Pausch Bild in Detailansicht öffnen
Bethge sieht eine Verbindung zwischen dem Verschwinden seiner Schwester und den beiden Doppelmorden. Er nutzt seine Kontakte zu einer Vermisstensendung im TV und lässt seine demente Mutter (Jenny Schilly) an den Täter apellieren - vergebens. ard-foto s2-intern/extern NDR/ConradFilm, Bavaria Fiction 2020/Christiane Pausch Bild in Detailansicht öffnen
Die Miniserie basiert auf den wahren Begebenheiten eines Falles, der mehr als 30 Jahre ungelöst blieb. ard-foto s2-intern/extern NDR/ConradFilm, Bavaria Fiction 2020/Christiane Pausch Bild in Detailansicht öffnen

Stümperhafte Polizeiermittlungen

Bethges Schwester, die in Weesenburg wohnt, ist eines Morgens verschwunden. Und von dem Hamburger Polizeipromi wollen sich Anne Bachs Kollegen nicht ins Handwerk pfuschen lassen. Allerdings ist dieses Handwerk so stümperhaft und fahrlässig, dass sie in keinem ihrer Fälle weiter kommen. Stattdessen schießen sie sich nach ein paar fatalen Umwegen auf Bethges Schwager als Tatverdächtigen ein.

Fahndungserfolg nach 28 Jahren

Was folgt, ist ein 28-jähriges Martyrium, das erst ein Ende hat, als Bethge, inzwischen pensioniert, mit einer privaten Sonderkommission die Akten nochmal sichtet und die Spuren zu Ende verfolgt. Man kann es kaum glauben, aber die Geschichte ist so ähnlich tatsächlich passiert.

Reale Vorlage in epische Fernseherzählung übersetzt

Autor Stefan Kolditz und Regisseur Sven Bohse haben die Vorfälle um den realen Hamburger LKA-Chef Sielaff und seine Schwester in eine epische Fernseherzählung in drei Zeitebenen übersetzt: 1989, 1993 und die Zeit von 2002-2018. Keine klassische Mördersuche, sondern eine Geschichte, die versucht den Hinterbliebenen und ihrem Schmerz, ihrer Hilflosigkeit gerecht zu werden.

Konsequent aus Opfersicht erzählt

Das ist auf eindrucksvolle Weise gelungen, mit ganz bewusst gesetzten Längen. Denn es ist die Langsamkeit, die Vergeblichkeit und dann wieder die aufkeimende Hoffnung, das nervenaufreibende Gestrüpp von Zuständigkeiten und Vertröstungen, kurzum: die konsequente Opferperspektive, die hier einen Großteil der innen liegenden Spannung ausmacht.

Matthias Brandt spielt glänzend

Matthias Brandt spielt glänzend, nur möchte man seinen Thomas Bethge manchmal schütteln mit seiner Akkuratesse und dem guten Glauben an das Recht und den ordentlichen Dienstweg. Großartig auch das restliche Ensemble, von Nicolas Ofczarek über Karolin Schuch bis Hanno Kofler. Ein großes Lob aber vor allem für Maskenbild und Ausstattung. Wie sie die 80er-Jahre in Grau- und Brauntöne getaucht, Brandt und Ofczarek dann 30 Jahre später als glaubhaft alte Männer inszeniert haben, ist überragend.

Kein True Crime Film

Auch wenn sich das Geheimnis des Totenwaldes ganz bewusst nicht als True Crime Format versteht, so macht einem die Geschichte doch bewusst, wie anfällig Polizei- und Justizapparat unter Umständen sein können, für Bürokratismus, Denkfaulheit und Rechthaberei. Darunter leiden müssen auf jeden Fall immer die Falschen.

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