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„Plan A — was würdest du tun?“: Jüdische Rache für den Holocaust

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Nakam ist das hebräische Wort für Rache. So benannte sich nach dem Zweiten Weltkrieg eine jüdische Untergrund-Organisation. Sie wollte Vergeltung üben, indem für jeden der sechs Millionen ermordeter Juden ein Deutscher sterben sollte. „Plan A“ von Doron und Yoav Paz erzählt diese bislang wenig bekannte, wahre Geschichte in einem bewegenden Film. Ein wichtiger Beitrag für das deutsche Erinnern, in dem ein Gefühl wie Rache bislang keinen Platz hatte. Am 9. Dezember 2021 startet der Film in den deutschen Kinos.

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Vergeltung für den Holocaust?

Lässt sich nach einem Menschheitsverbrechen wie dem Holocaust Gerechtigkeit herstellen? Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs fallen die Antworten der jüdischen Gemeinschaft sehr unterschiedlich aus. In „Plan A“ machen es die Soldaten der Jüdischen Brigade im besetzten Deutschland 1945 so: Während sie tagsüber im Dienst der British Army für Recht und Ordnung sorgen, exekutieren sie nachts heimlich Nazigrößen.

Der jüdischen Partisanenorganisation Nakam geht das nicht weit genug: Sie will, dass für jeden im Holocaust ermordeten Juden ein Deutscher stirbt. Der groß angelegte Plan: In mehreren deutschen Großstädten wollen sie das Trinkwasser vergiften. In Nürnberg schleichen sie sich zu diesem Zweck als Arbeiter in den Wiederaufbau des Wasserwerks ein.

Tzvi (Nikolai Kinksi, l.), Anna (Sylvia Hoeks 2.v.l.) und Max (August Diehl, r.) schmieden einen tödlichen Plan. (Foto: Camino Filmverleih)
Max (August Diehl) hat die Grauen des Konzentrationslagers überlebt, jedoch seine gesamte Familie und den Glauben an eine Zukunft verloren. Er ist voller Wut und hat nichts mehr, wofür es sich zu leben lohnt, außer Rache. Gemeinsam mit Tzvi (Nikolai Kinksi, l.) und Anna (Sylvia Hoeks 2.v.l.) schmiedet er einen tödlichen Plan. Camino Filmverleih Bild in Detailansicht öffnen
Richtungslos in einer Nachkriegswelt schließt er sich der Jüdischen Brigade an: Israelische Soldaten unter britischem Kommando, die im Geheimen Kriegsverbrecher und wichtige Köpfe des Nazi-Regimes jagen und hinrichten. ard-foto s1 Camino Filmverleih Bild in Detailansicht öffnen
Als die Brigade abberufen wird, folgt Max Anna (Sylvia Hoeks) und einer Gruppe ehemaliger Partisanen nach Nürnberg, wo sie bald erkennen, dass sie in den anstehenden Nürnberger Prozessen keine Erlösung finden werden. Camino Filmverleih Bild in Detailansicht öffnen
Max (August Diehl, l.) und sein Mitstreiter Michael (Michael Aloni, r.) schleusen sich als Arbeiter in den Wiederaufbau der Wasserwerke ein, mit nur einem Ziel: das Trinkwasser in Nürnberg, Köln, München, Berlin und Hamburg zu vergiften und Deutsche zu töten – einen für jeden von den Deutschen ermordeten Juden. Camino Filmverleih Bild in Detailansicht öffnen
Max findet in den Racheplänen der Gruppe Halt und einen Grund zu leben, bis er durch Anna zu zweifeln beginnt, ob dies der richtige Weg ist. Camino Filmverleih Bild in Detailansicht öffnen
Max und Tzvi müssen eine Entscheidung treffen: Können sie ihren Seelenfrieden finden, indem sie diese mörderische Rache weiter verfolgen, oder besteht wahre Rache darin, ein möglichst glückliches Leben zu führen, eine neue Familie zu gründen und einen Staat aufzubauen? Camino Filmverleih Bild in Detailansicht öffnen

Das Stereotyp vom Brunnen vergiftenden Juden

Die israelischen Filmemacher Doron und Yoav Paz bewegen sich auf schwieriges Terrain. Das Stereotyp von den jüdischen Brunnenvergiftern gehört seit dem Mittelalter zu den wirkungsvollsten antisemitischen Verschwörungs-Erzählungen. Die Regisseure, die aus einer Familie von Holocaust Überlebenden stammen, wagen es trotzdem.

Im Mittelpunkt von „Plan A“ steht die fiktive Figur des deutschen Juden Max. August Diehl spielt ihn als traumatisierten KZ-Heimkehrer, dem die Nationalsozialisten alles genommen haben: die Freiheit, die Familie, den letzten Funken Hoffnung. Die Aussicht auf Vergeltung ist das Einzige, was ihn am Leben erhält.

Der Vergeltungsplan existierte

„Plan A“ beruht auf einer wahren Geschichte rund um den litauischen Nakam-Gründer Abba Kovner. Verbliebene seiner Partisanengruppe erzählten sie vor einigen Jahren Dina Porat, der Chefhistorikerin der Gedenkstätte Yad Vashem. Ausgeführt wurde die Vergeltungsaktion allerdings nie. Der britische Geheimdienst fing Kovner ab, als er das Gift von Palästina nach Deutschland transportierte.

Unbekannte Perspektive auf den Holocaust

„Plan A“ ist ein mutiger und bewegender Film. Er befreit die Holocaust- Überlebenden aus der Opferrolle und macht sie zu Akteuren: wehrhaft, wütend und so ganz und gar nicht versöhnlich angesichts eines unbelehrbaren Nachkriegs-Deutschlands.

Diese Perspektive auf den Holocaust war im Kino, jenseits von Tarantinos „Inglourious Basterds“, noch nicht oft zu sehen. „Plan A“ erweitert damit unsere Erinnerungskultur um Rache, Vergeltung, Wut: Gefühle, die dort bislang keinen Platz hatten.

Trailer „Plan A — was würdest du tun?“ von Doron und Yoav Paz

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