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Der koreanische Katastrophen-Thriller „Pandemie“ ist exzellente Unterhaltung, die Liebe, Humor und Spannung verbindet — und gegen Ende auch zu einem Polit-Thriller wird.

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Ratten verteilen das Virus

Mit einem Husten geht es los: Ein paar Dutzend illegale Migrant*innen werden mit einem Container nach Korea geschleust. Am nächsten Morgen sind sie alle tot. Bis auf einen. Doch als der Schleuser-Container irgendwann geöffnet wird, ergießt sich auch ein Schwall von Ratten aus der Tür, der sich im Nu über die ganze Stadt verteilt. Ein Vogelgrippe-Virus ist mutiert; die Pandemie ist da.

Pandemie von Kimg Sung-Su (Foto: Pressestelle, EclairPlay)
In Südkorea erkranken plötzlich zahlreiche Menschen an einer unbekannten Infektion und sterben. Pressestelle EclairPlay Bild in Detailansicht öffnen
Immer schneller breitet sich die mysteriöse Krankheit im Seongnamer Stadtteil Bundnang aus. Pressestelle EclairPlay Bild in Detailansicht öffnen
Regierungstruppen versuchen das Gebiet weitläufig abzuriegeln, obwohl die Bewohner*innen dagegen protestieren. Pressestelle EclairPlay Bild in Detailansicht öffnen
Während immer klarer wird, dass die Infizierten bereits 36 Stunden nach Infektion mit der Krankheit sterben, wird eine Quarantänestation eingerichtet, um die weitere Ausbreitung der Krankheit zu verhindern. Pressestelle EclairPlay Bild in Detailansicht öffnen
Die Virenforscherin Kim In-hae (Su Ae) ist derweil auf der Suche nach dem ersten Opfer, um aus dessen Blut einen Impfstoff herstellen zu können. Pressestelle EclairPlay Bild in Detailansicht öffnen
Doch die Regierung droht, zu drastischen Mitteln im Kampf gegen das Virus zu greifen... Pressestelle EclairPlay Bild in Detailansicht öffnen

Der Rettungssanitäter und die Virologin

Parallel zu diesem Anfang haben wir einen Unfall gesehen und ein paar Figuren kennengelernt, die zentral werden für den Rest des Films: Den Rettungssanitäter Ji-koo und die Ärztin In-hae. Sie lernen sich kennen, als sie einen schweren Autounfall hat und er sie rettet. Die Medizinerin hat das Spezialgebiet Virologie, sie verlieben sich bald ineinander und werden das zentrale Paar. An dessen Geschichte entlang erzählt dieser Film die Geschichte einer ganzen Gesellschaft.

„Pandemie“ wurde vor sieben Jahre gedreht

Man muss sich als Zuschauer*in immer wieder kneifen und daran erinnern, dass dieser Film bereits 2013 gedreht wurde, vor sieben Jahren! So realistisch ist alles hier, so sehr erinnert es uns an unsere unmittelbare Gegenwart und die Vergangenheit der letzten Monate. Auch dort sind alle längst kleine Virolog*innen und Fachleute geworden.

Wenn wir diesen Film sehen, nehmen wir daher teil an einer bis zu einem bestimmten Grad doppelten Beobachtung: Einerseits sehen wir den Film unbefangen als Zuschauer*in, die einer fiktiven Erzählung folgen, und schlicht und einfach ein Unterhaltungs-Bedürfnis gestillt haben möchten. Als Teilnehmer*in einer Kino-Achterbahnfahrt durch einen fiktiven Jahrmarkt, die uns für zwei Stunden mitreißen soll, und der das gelingt.

Zugleich aber sieht man dies auch quasi „objektiv“, als jene Expert*innen zweiter Ordnung, die wir alle in den letzten Monaten durch das Coronavirus geworden sind. Wir gleichen das, was wir sehen, ab mit unseren eigenen Erlebnissen — darin liegt das eigentümliche, perverse Vergnügen, Katastrophenfilme zu sehen.

Fiktionale Handlung erzählt die Gegenwart

Der Virusausbruch steht im Zentrum, daneben wird aber von illegalen Arbeiter*innen erzählt, von Gangstern, von moralisch korrupten Politikern, von überforderten Behörden, engagierten Hilfskräften, vom Lockdown und von Bürger*innen, die sich nicht an amtliche Auflagen halten — mit anderen Worten von allem, was uns nur zu bekannt vorkommt. Wie Politiker, die nicht den Ratschlägen der Expert*innen folgen — dann zu spät doch.

Immer aber ist der koreanische Katastrophen-Thriller „Pandemie“ aus dem Jahr 2013 auch exzellente Unterhaltung, die Liebe, Humor und Spannung verbindet. Diese hanebüchene Geschichte ist im besten Sinn ein Kino-Märchen. Das muss man erstmal hinkriegen — und in die freudige Überraschung trifft Bedauern: Aus Amerika kennt man solche Filme, aber es gibt leider keinen europäischen Film wie diesen.

Koreanisches Misstrauen gegenüber den USA

In all dies mischt sich ein speziell koreanischer Aspekt: Das gestörte, extrem misstrauische Verhältnis zu den USA, die in Südkorea immer noch immer wie eine Besatzungsmacht agieren und das Land als ihren gehorsamen Flugzeugträger ansehen.

So ist dies am Ende auch ein Polit-Thiller, in dem die alten Männer des alten Korea, das den Amerikanern gehorcht, mit dem neuen Korea um Vorherrschaft ringen, das dies nicht mehr tun will. Und in dem ein militärisch-industrieller Komplex die Macht zu ergreifen droht — angeführt vom US-Botschafter.

Man sollte den Film nicht überschätzen. Unterschätzen sollte man ihn allerdings auch nicht. „Pandemie“ ist populäres Unterhaltung-Kino: Lustig, spannend, grotesk, überzeichnet, grell und präzis.

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