Filmkritik Vice: Christian Bale spielt Dick Cheney

Von Julia Haungs

George Bush, Donald Rumsfeld, Dick Cheney: Donald Trump lässt die Schurken, die Anfang des Jahrtausends mithilfe gefälschter Beweise den Irak-Krieg anzettelten, in Vergessenheit geraten. In Adam McKays Politfarce „Vice“ leben sie wieder auf. Der Film mit Christian Bale als Dick Cheney in der Hauptrolle war für acht Oscars nominiert. Der Maskenbildner Greg Cannom gewann in der Kategorie "bestes Make-up".

Harmloser Hundezüchter in der Provinz

Nach einer knappen Stunde geht schon der Abspann los. Da ist der Film gerade Mitte der 90er Jahre angekommen.

Verteidigungsminister Dick Cheney zieht sich aus der Politik zurück, erholt sich von seinen Herzattacken und züchtet fortan zusammen mit seiner Frau preisgekrönte Golden Retriever in der Provinz.

Was der Welt alles erspart geblieben wäre

Oder etwa doch nicht? Natürlich ist „Vice“ an dieser Stelle nicht wirklich zu Ende. Regisseur Adam McKay foppt den Zuschauer nur mit einer kurzen Vision, was der Welt alles erspart geblieben wäre, wenn nicht George Bush Junior zur Jahrtausendwende einen Vizepräsidenten-Kandidaten für den Wahlkampf gesucht hätte.

Bitterböse Politsatire

Cheney erkennt seine Chance, dem unerfahrenen Bush den Großteil der Macht abzuluchsen, um aus dem Hintergrund die Strippen zu ziehen. Die bitterböse Polit-Satire jongliert virtuos mit mehreren Meta-Ebenen und sprudelt über von kreativen Ideen, amerikanische Geschichte überraschend ins Bild zu setzen.

Kinostart 21.02. „Vice – Der zweite Mann“ mit Christian Bale als Dick Cheney

Er gilt bis heute als einer der mächtigsten US-Vizepräsidenten aller Zeiten: Dick Cheney (Christian Bale). (Foto: Berlinale -)
Christian Bale, der für die Rolle als Dick Cheney 25 kg Gewicht zunahm, ist für den Oscar als bester Hauptdarsteller nominiert. Berlinale - Bild in Detailansicht öffnen
Cheney gilt bis heute als einer der mächtigsten US-Vizepräsidenten aller Zeiten. "Vice" beleuchtet die rasante politische Karriere des Bürokraten und Machtmenschen in Washington. Berlinale - Bild in Detailansicht öffnen
Cheney ist zunächst einflussreicher CEO bei einer Erdöl-Firma, ehe er 2001 unter George W. Bush (Sam Rockwell) die Vizepräsidentschaft antritt. dpa - Bild in Detailansicht öffnen
Doch Cheney ist weit mehr als nur der symbolische zweite Mann: sein Einfluss auf Militär und Außenpolitik ist immens. dpa - Bild in Detailansicht öffnen
So ist es Cheney, der nach 09/11 maßgeblich dafür verantwortlich ist, dass die Pläne für einen Krieg gegen den Irak vorangetrieben werden. Stets an seiner Seite: sein früherer Chef und Verteidigungsminister Donald Rumsfeld (Steve Carell). dpa - Bild in Detailansicht öffnen
Dick Cheney hält in der Politik des Weißen Hauses im Hintergrund die Fäden in der Hand. Unterstützt wird er dabei von seiner Frau Lynn Cheney (Amy Adams). Berlinale - Bild in Detailansicht öffnen
Regisseur Adam McKay Berlinale - Bild in Detailansicht öffnen

Politik als Gemisch aus Populismus, Lügen und Manipulation

Nachdem Adam McKay in „The Big Short“ virtuos, rasant und witzig die Mechanismen der Finanzkrise analysiert hat, spannt er in „Vice" den Bogen von den 60er Jahren bis zum Ende der Ära Bush und sogar bis heute.

Er will erklären, wie es passieren konnte, dass politischer Konsens nicht mehr das Ergebnis von demokratischen Prozessen ist, sondern von Populismus, Lüge und Manipulation. Die Figur des Schattenmanns Dick Cheney erscheint ihm dafür die perfekte Projektionsfläche.

Der Vizepräsident ist der Präsident

Dick Cheney hat es wie kein anderer vor ihm verstanden, das Amt des Vizepräsidenten zu dem eines Co-Präsidenten umzufunktionieren. Damit sicherte er sich Macht und die Deutungshoheit über die umstrittenen Entscheidungen der Regierung.

Es ist Dick Cheney, der in der Politik von George W. Bush im Hintergrund die Fäden in der Hand hält und von der Frau an seiner Seite (Amy Adams) gestärkt wird. (Foto: Berlinale -)
Dick Cheney (Christian Bale) und seine Frau Lynn (Amy Adams). Bale, der für die Rolle 25kg Gewicht zunahm, ist für den Oscar als bester Hauptdarsteller nominiert. Berlinale -

Skrupelloser Machtmensch Cheney

Christian Bale spielt Dick Cheney fast regungslos, mit viel Silikon-Make-Up und einer beachtlichen Wampe.

Ein Machtmensch ohne Skrupel und moralischen Kompass. Hätte er nicht mehrere Herzattacken gehabt, man würde denken, er besäße gar keins.

Machtinstinkt gesteuerte Politik

Einzig die Liebe zu seiner Familie macht ihn in wenigen Momenten als fühlendes Wesen kenntlich. In der Politik wird alles von seinem Machtinstinkt überlagert. Den allerdings teilt er mit seiner Frau, die ihn nach Art einer Lady Macbeth anpeitscht, als er in frühen Jahren lieber säuft statt an die Karriere zu denken.

Überzeugungen bleiben Nebensache

Was Dick Cheney neben der Liebe zu seiner Frau allerdings genau antreibt, die Welt in Brand zu setzen, bleibt seltsam unklar. Um tiefere Überzeugungen irgendeiner Art geht es in McKays Deutung weder Cheney noch einem seiner Mitstreiter der Regierung Bush. Darauf legt sich der Film früh fest. Mit seinem ätzenden Humor und der unkonventionellen Erzählweise ist „Vice“ ziemlich unterhaltsam, bringt aber kaum neue Erkenntnisse.

Regisseur Adam McKay sagt, er habe bereits beim Schreiben des Drehbuchs Christian Bale für die Rolle Cheneys im Kopf gehabt: "Ohne ihn hätte ich den Film wahrscheinlich nicht gedreht". Bale, der für d (Foto: Berlinale -)
Regisseur Adam McKay Berlinale -

Polemisch-investigativer Stil à la Michael Moore

Dass es keine Massenvernichtungswaffen im Irak gab, dass die Interessen großer Ölfirmen eine ungute Rolle spielten, ist alles längst bekannt, wird aber trotzdem nochmal anklagend im polemisch-investigativen Stil eines Michael Moore vorgetragen.

Zu einfache filmische Lösungen

Nach Lesart dieses Films ist Dick Cheney im Grunde an allem schuld was in den USA heute falsch läuft. Von der Aushöhlung der Demokratie bis zur Herrschaft der Fake News. Da macht es sich der Film sicher ein bisschen zu einfach. Ihn anzusehen ist trotzdem ein großer Spaß.

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