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Das Oktoberfest in München, oder wie die Expert*innen sagen „die Wies’n“, muss in diesem Jahr Corona-bedingt ausfallen. Als Ersatz zeigt Das Erste die Serie „Oktoberfest 1900“, ein düster gehaltenes Schauermärchen, das gegen manches dramaturgische Reinheitsgebot verstößt, aber mit vielen kraftvollen Bildern überzeugt.

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Besinnungsloses Saufen garantiert

Zu Anfang der Serie ist die weißblaue Bierwelt noch in Ordnung: Das Budenwesen auf der Münchener Festwiese funktioniert im Jahr 1900 noch wie ein feudalistisches Reich. Von Generation zu Generation werden die Plätze von den Brauereien und Wirten weitergegeben. Die Pacht bekommt der Magistrat der Stadt. Eine geschlossene Münchener Gesellschaft. Bis der Nürnberger Großbrauer Prank sein protziges Modell einer „Bierburg“ vorstellt: Platz für 6.000 Leute, besinnungsloses Saufen garantiert, die Geburt des Bierzelts mit Kapelle und Gemütlichkeitsgejohle.

Serie „Oktoberfest 1900“ von Hannu Salonen

"Oktoberfest 1900" von Hannu Salonen (Foto: ard-foto s2-intern/extern, BR)
Der Nürnberger Großbrauer und Gastronom Curt Prank (Mišel Matičević) träumt von einer gigantischen Bierburg auf dem Münchener Oktoberfest. ard-foto s2-intern/extern BR Bild in Detailansicht öffnen
6.000 Gästen soll sie Platz bieten und damit 20 mal größer als die üblichen Buden auf der Wiesn werden. ard-foto s2-intern/extern BR Bild in Detailansicht öffnen
Behilflich ist dem Auswärtigen dabei der korrupte Stadtrat Alfons Urban (Michael Kranz), der versucht, die empörte Münchener Brauereigilde zu beruhigen. ard-foto s2-intern/extern BR Bild in Detailansicht öffnen
Schließlich ist es nur einer aus der Brauereigilde, der sich weigert, seinen Budenplatz zu verkaufen: Brauer und Gastronom Ignatz Hoflinger (Francis Fulton-Smith). ard-foto s2-intern/extern BR Bild in Detailansicht öffnen
Unterdessen kommt auch Pranks Tochter Clara (Mercedes Müller) in München an — voll Erwartung auf die prunkvolle Großstadt, . ard-foto s2-intern/extern BR Bild in Detailansicht öffnen
Wenn es nach ihrem Vater geht, soll Clara sich schnellstmöglich mit dem Vorstandsvorsitzenden der Capital Bräu AG, Anatol Stifter (Maximilian Brückner), einlassen. ard-foto s2-intern/extern BR Bild in Detailansicht öffnen
Doch das Mädchen lernt auf einem Fest den jungen Roman (Klaus Steinbacher) kennen. Aus einem Flirt wird schnell eine leidenschaftliche Nacht. ard-foto s2-intern/extern BR Bild in Detailansicht öffnen
Roman ist jedoch der Sohn des widerspenstigen Brauers Ignatz Hoflinger, ein Konflikt ist vorprogrammiert. ard-foto s2-intern/extern BR Bild in Detailansicht öffnen
Der zwielichtige Glogauer (Martin Feifel) macht in Curt Pranks Auftrag bei dessen Konkurenten Hoflinger Druck, dabei eskaliert die Situation völlig und es kommt zu einem Mord. ard-foto s2-intern/extern BR Bild in Detailansicht öffnen

Dreckiges Spiel von Gut und Böse als Serienprinzip

Martina Gedeck spielt die störrisch-bajuwarische Besitzerin der Familienbrauerei Hoflinger, bei der Prank trotz brutalster Methoden auf Granit beißt. Gedeck stattet diese Frau mit einer speziell bayrischen Mischung aus Geschäftssinn und Gottesfurcht aus und einer großen Portion Halsstarrigkeit. Aber trotz ihrer meisterlichen Darstellung und der großartigen Präsenz von Mišel Matičević als Prank bleiben ihre Figuren wie so viele andere Schablonen im dreckigen Spiel von Gut und Böse. Aber das zelebriert die Serie mit großer Wonne.

Protest der echten Wiesenwirte

Mit Empörung haben die echten Wiesenwirte auf die Darstellung ihres Berufsstandes in der Serie reagiert, empfinden den skrupellosen Machtkampf, der so ähnlich 1898 wirklich stattgefunden haben soll, als rufschädigend. Dabei ist „Oktoberfest 1900“ nicht weniger — aber auch nicht mehr — als ein prall inszeniertes Schauermärchen im historischen Setting der Festwiese. Bei dem allerdings die Rollen der besonders knalligen Chargen dem Establishment des so genannten Münchener Bierkartells vorbehalten sind, allen voran Maximilian Brückner als Großbrauer Anatol Stifter.

Verstoß gegen das dramaturgische Reinheitsgebot

Herauskommt eine Serie, die wohl gegen manches dramaturgische Reinheitsgebot verstößt: Eine Lovestory zwischen den Fronten, ein düsterer Gesell als Mordbube, eine wundersame moralische Wandlung, ein bißchen Bohème, ein bißchen Biermadelfolklore und etwas zu coole Musik. Regisseur Hannu Salonen steuert dazu dramatische Kameraschwenks bei, die einem Harry Potter-Film zur Ehre gereicht hätten, kraftvoll bis surreal-subjektive Bilder. Und er nimmt dabei erzählerische Brüche ganz bewusst in Kauf.

So ähnlich hat er schon bei der Ferdinand von Schirach-Serie „Verbrechen“ die optische Opulenz über die erzählerische und psychologische Folgerichtigkeit gesetzt. „Oktoberfest 1900“ ist nicht ganz so zwingend, aber immer noch unterhaltsam genug. Oder als Bierbilanz ausgedrückt: am Ende ist die Maß halbvoll und das… basst scho!

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