Deutscher Filmpreis "Gundermann" von Andreas Dresen über den singenden DDR-Baggerfahrer

Von Eva Marburg

Andreas Dresen hat unkonventionelle Filme wie „Halbe Treppe“ oder „Wolke 9“ gedreht. Sein neuer Film ist als Favorit gleich zehnmal für den Deutschen Filmpreis nominiert und handelt von DDR-Idol Gerhard Gundermann, dem „singenden Baggerfahrer“. Dresen ist bekennender Fan des intellektuellen Liedermachers aus der Arbeiterszene, der vor 20 Jahren plötzlich verstarb. Mit Alexander Scheer als Gundi Gundermann und Darstellern wie Axel Prahl, Bjarne Mädel, Milan Peschel und Kathrin Angerer ist Dresen ein intensiver DDR-Film gelungen.

DDR-Ikone mit riesiger Brille und dünnem Zopf

„Also, seid gegrüßt! Äh, ich hab, … Ach, ist egal, ich fang einfach mal an…“ Eine fast zärtliche Nahaufnahme zu Beginn. Das Gesicht von Gerhard Gundermann, gespielt von Alexander Scheer, mit der großen Nase, dem riesigen Brillengestell und dem blonden Haar, hinten zum dünnen Zopf gebunden.

Der ostdeutsche Liedermacher und Braunkohlearbeiter, genannt Gundi, war schon zu DDR-Zeiten eine Ikone. Mit der legendären Musik-Theater Gruppe „Brigade Feuerstein“ schrieb er Lieder über die Arbeit im Tagebau, den tristen DDR-Alltag und seine Heimat, die Niederlausitz.

Filmtrailer zu „Gundermann“

Lieder zum Verschwinden der DDR

Nach der Wende wurde er kometenhaft zur Stimme des schmerzhaften Umbruchs, die das Verschwinden eines ganzen Landes poetisch und weitsichtig begleitete. Der Gundermann Sound - das sind seine Gitarre, seine reibeisen-zarte Stimme und eine latente Grundierung von Melancholie.

Alexander Scheer verkörpert Gundermann auf herausragende Weise, hat für den Film alle Lieder selbst eingesungen und gespielt. Bis in seinen Sprechduktus hinein, nähert er sich dem Sänger auf unheimliche Weise an.

Deutscher Filmpreis "Gundermann" von Andreas Dresen" über den singenden DDR-Baggerfahrer

Hoyerswerda, 1992: Gerhard Gundermann (Alexander Scheer) arbeitet im Tagebau. (Foto: Pandora Film -)
Hoyerswerda, 1992: Gerhard Gundermann (Alexander Scheer) arbeitet im Tagebau. Pandora Film - Bild in Detailansicht öffnen
Dennoch: Gundi Gundermann bleibt Baggerfahrer im Tagebau. Um nicht vom Erfolg seiner Liedermacher-Karriere abhängig zu werden. Sein größter Traum ist nun allerdings, eine neue Band zu gründen und auf Tour zu gehen. Pandora Film - Bild in Detailansicht öffnen
Im Moment seines Zusammenbruchs setzt die Handlung neu an und springt in die Vergangenheit. Im Jahr 1975 hat Gundermann gerade beim Tagebau angefangen. Er ist verliebt in seine Jugendliebe Conny (Anna Unterberger), die damals allerdings mit einem anderen Mann verheiratet ist. Pandora Film - Bild in Detailansicht öffnen

Zerrissen zwischen Stasi und Systemkritik

Der Film zeigt Gundermann in wechselnden Vor- und Rückblenden aus der DDR und Nachwendezeit als einen Zerrissenen. Einer, der gleichzeitig für den Sozialismus ist und der SED beitreten will, zur gleichen Zeit aber das System hartnäckig bekämpft, sich mit der Obrigkeit anlegt.

Einer, der sich in den 70er Jahren von der Stasi anwerben lässt, weil er glaubt, so Bonzen anzählen zu können, und gleichzeitig als Staatsfeind beschattet und kontrolliert wird.

 „Ich sollte deine Ehe kaputtmachen! Zerrüttungsmaßnahme“

Beschattet wird er unter anderem von seinem Freund: „Ich hab auch bei der Stasi gearbeitet und die ham mich hauptsächlich auf dich angesetzt. Aber ich hab nicht alles gemacht, was die von mir wollten. ... Da sollte ich deine Ehe kaputtmachen! Sogenannte Zerrüttungsmaßnahme.“

So zeigt der Film auch DDR-Geschichte, zeigt die Enge und den Stumpfsinn eines Landes – in dem, trotz allem, die Menschen ihr Glück fanden, Freundschaft die Stasi überdauern konnte.

Im Moment seines Zusammenbruchs setzt die Handlung neu an und springt in die Vergangenheit. Im Jahr 1975 hat Gundermann gerade beim Tagebau angefangen. Er ist verliebt in seine Jugendliebe Conny (Anna (Foto: Pandora Film -)
Im Moment seines Zusammenbruchs setzt die Handlung neu an und springt in die Vergangenheit. Im Jahr 1975 hat Gundermann gerade beim Tagebau angefangen. Er ist verliebt in seine Jugendliebe Conny (Anna Unterberger), die damals allerdings mit einem Pandora Film -

„In mein Herz gefallen - wie in ein verlassenes Haus“

"Gundermann" ist auch ein Liebesfilm über die langen Irrwege der Gefühle bis hin zu seiner Ehe mit Conny. „Du bist in mein Herz gefallen, wie in ein verlassenes Haus, hast die Türen und Fenster weit aufgerissen – das Licht kann rein und raus…“

Andreas Dresen liebt diesen Gundermann. Das verrät jede Einstellung des eindringlichen Films, der ein echter Kinofilm ist. Elegisch fliegt die Kamera über die aufgerissene Erde des Tagebaus, wühlt in Zeitlupe das Schaufelrad in der Kohle.

Neuer Anfang, über die DDR zu erzählen

Das emotionale Porträt, 20 Jahre nach Gundermanns Tod, macht deutlich, dass es vielleicht gerade erst an der Zeit ist, die DDR wieder zu erzählen.

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