Neu auf Netflix: The Alienist - Die Umkreisung Daniel Brühl als Nervenarzt

Kulturthema am 19.4.2018 von Karsten Umlauf

Daniel Brühl ist der zur Zeit vielleicht gefragteste deutsche Schauspieler. In drei Wochen kommt sein neuer Film in die Kinos, ab 19. April ist er in der amerikanischen Fernsehserie "The Alienist - Die Einkreisung" nach einem Bestseller von Caleb Carr zu sehen. Die Geschichte spielt in New York Ende des 19. Jahrhunderts. Brühl ist darin ein sogenannter "Alienist", ein Nervenarzt, der Verbrechen aufklären will, mit dessen neuen Methoden aber so gut wie niemand etwas anfangen kann.

So richtig hell wird es in dieser Serie nie. Das New York zum Ende des 19. Jahrhunderts ist in ein sepiahaftes Grau-Schwarz-Braun gehüllt. Und wenn das vielleicht auch nicht der vollen Wahrheit entspricht, so ist es doch genau die Atmosphäre, die die Serie beschwören will.

Dreckig ist es, die Straßen sind noch nicht befestigt, jede Kutschfahrt ein Risiko. Der schweren Eleganz der Salons stehen verruchte Spelunken, Enge und Armut, Krankheit oder Kinderprostitution entgegen.

Ein Straßenjunge in Mädchenkleidern wird aufgefunden, brutal ermordet. Und der, der sich am meisten dafür interessiert, übt einen Beruf aus, den es eigentlich noch gar nicht gibt. Den Nervenarzt Laszlo Kreizler würde man heute wohl eher als Polizeipsychologen bezeichnen. Und damit als durchaus gängige Variante des Privatdetektivs.

Die interessanteste Figur ist eine Frau

Daniel Brühl spielt den liberalen Wissenschaftler mit gediegenem Backenbart und einem Hang zur Selbstgerechtigkeit. Zum Tatort schickt er den Zeichner und Reporter John Moore. Als Paar vom Format eines Sherlock Holmes und Dr. Watson taugen die beiden nicht, dafür fehlt ihnen die gedankliche Brillanz und ganz entschieden der britische Humor. Die interessantere Figur ist die Sekretärin des Polizeichefs Sara Howard, gespielt von Dakota Fanning.

Kriminaltechnik in seiner historischen Vorform

Ihr neuer Chef, Theodore Roosevelt, hat etwas für moderne Ermittlungsmethoden übrig: Fingerabdrücke, jegliche Form der Spurensicherung. Das bekannte Repertoire der Kriminaltechnik wird hier in seiner historischen Vorform ausprobiert.

Serienfans kennen die Faszination für die Archäologie moderner Technik beispielsweise aus der Krankenhausserie "The Knick" von Steven Soderbergh. Die ambitionierte Suche nach Tatwaffe, Motiv und vor allem einem Täterprofil wirft die eingeschworene Kleingruppe um Laszlo Kreisler immer wieder auf sich selbst zurück.

Aus dem Baukasten für Serienkillergeschichten

Ein bisschen zu oft schaut die Kamera Daniel Brühl direkt ins bedeutungsschwangere Gesicht, wirklich warm wird man weder mit ihm noch mit den anderen Figuren. Manche Textzeile scheint einem Baukasten für Serienkillergeschichten zu entstammen.

Spektakuläre Bilder des frühen New York

Spektakulär sind dagegen die Bilder der Stadt, die Kälte einer Metropole im Werden, die Kostüme der Bürgerlichkeit, die noch so viel Klassenbewusstsein ausstrahlt. Die Stärke der Serie ist das Bewusstsein für die Konstruktion und Rekonstruktion von Realität. Welche "Wahrheit" vermitteln Beobachtungen, Zeichnungen oder die "neue" Technik von Fotografie und Film?

Und wie entsteht dadurch, nicht zuletzt geprägt von ungarischen, italienischen oder deutsch-jüdischen Einwanderern das Bild des modernen Amerika? Vielleicht macht diese Art von historischem Verständnis "Die Einkreisung" doch noch zu einer wichtigen, aktuellen US-Serie.

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